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Roxy Music: A Song for Europe

Menschen in Nachtcafés

27.5.2009 | Martin Conrads | Kommentar schreiben | Artikel drucken

In den 1970er-Jahren saß die europäische Popmusik-Avantgarde auf der Suche nach Songtexten scheinbar ständig in den Nachtcafés von Wien oder Paris und dichtete Elegien auf einen sich im Wandel befindlichen Kontinent. Die Düsseldorfer Elektronikmusiker von Kraftwerk etwa schrieben 1977 eine Ode an den damaligen T.E.E.-Schnellzug, den "Trans-Europe Express", in der es heißt: "Rendezvous on Champs-Elysees, leave Paris in the morning on T.E.E., Trans-Europe Express." Und: "In Vienna we sit in a late-night cafe, Straight connection, T.E.E." Vielleicht saß man dabei in früheren Jahren im gleichen Etablissement wie die englische Popband Roxy Music, deren Sänger Bryan Ferry 1973 im "Song for Europe" auch Zeit zu gepflegtem Müßiggang, "here by the Seine", hat: "Here as I sit, At this empty cafe, Thinking of you."

Roxy Music ist seit den frühen 1970er-Jahren und bis zu ihrer eigentlichen Auflösung im Jahr 1983 (ab 2001 kamen die Musiker wieder zu einigen Konzerten zusammen) eine Band, die man, im Stil jener Zeit, als "Speerspitze der Popmusikavantgarde" oder als "Paradiesvögel" bezeichnen könnte. Dies lag nicht nur an dem Aussehen von Bryan Ferry, Phil Manzanera, Andy Mackay, Paul Thompson und Brian Eno (der 1973 aus der Band ausstieg) – einem Look, der zu Beginn der Bandgeschichte die Exaltiertheit des Glam Rock künstlerisch aufwertete, später die dandyhafte Coolness der New Romantics um Jahre vorwegnahm.  

Eloge auf das "Alte Europa"

Es lag auch an den Themen, derer sich die Band in ihrer Songtexten annahm. Darin ging es um Liebesbeziehungen mit aufblasbaren Puppen und andere Doppeldeutigkeiten. Auch "A Song for Europe", das 1973 auf Roxy Musics drittem Album "Stranded" erschien, lebt von Mehrfachbedeutungen. Da ist zum einen der Titel selbst: Denn obwohl der Song ein Liebeslied zu sein scheint, verwirrt der Titel, der das "You" noch in "Europe" überführt. Was ist also gemeint? Der Kontinent oder eine Frau namens Europa? Säuselt Ferry hier eine politische Litanei, einen Abgesang auf das "Alte Europa" ("All those moments, Lost in wonder, That we'll never find again") oder schlüpft der Crooner und Gentleman Ferry hier in die Rolle des Götterkönigs Zeus, der nach der griechischen Sage in Stiergestalt die phönizische Königstochter Europa nach Kreta entführte und dort verführte?
 
Oder ist der Songtext eher als ironische Empfehlung, als gewitztes Echo auf das englische TV-Format "A Song for Europe" – der ehemalige englische Vorentscheid-Wettbewerb des "Grand Prix Eurovision de la Chanson", des heutigen "Eurovision Song Contests" – zu lesen? Vielleicht ist es all dies zusammen. Am nahe liegensten jedoch ist die Interpretation, dass das Stück auf den Eintritt Großbritanniens in die EG, den Vorläufer der heutigen EU, am 1. Januar 1973 reagierte. Zu einer Zeit geschrieben, in der Großbritannien in schwerer wirtschaftlicher Depression lag, sich die Postindustrialisierung abzeichnete und die Freigabe des Wechselkurses des Pfundes 1972 zu einer Abwertung der Währung um etwa 20 Prozent geführt hatte, versteht sich "A Song for Europe" vor allem als Europa-skeptisches Fin-de-Siècle-Klagelied auf das britische Empire. Da es dabei gleichzeitig auch um alles andere geht, handelt der transeuropäisch auf Englisch, Lateinisch und Französisch vorgetragene "Song for Europe" jedoch in schöner Wahrheit von den inspirierenden Qualitäten kontinentaleuropäischer Nachtcafès.
 
Martin Conrads lebt als freier Journalist in Berlin und fliegt öfters durch den europäischen Luftraum.

Foto:
©bauchgefühl / photocase.com




www.lyricsfreak.com
"A Song for Europe": der Songtext

www.youtube.com
"A Song for Europe" auf YouTube

www.roxyrama.com
Eine Roxy-Music-Seite (von so einigen)
 
http://consequenceofsound.net
Ein Gruppenbild von Roxy Music aus den frühen 1970ern (hier noch mit Brian Eno)





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