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Einsatz im Parlament

Assistentin einer Abgeordneten

26.5.2009 | Ruth Reichstein | Artikel drucken


Ihr Büro ist keine 15 Quadratmeter groß, der Ausblick auf die grauen Bürohochhäuser im Brüsseler Europaviertel nicht unbedingt traumhaft, aber Anne Stauffer fühlt sich trotzdem wohl hier. Sie hat zumindest für den Moment den perfekten Job gefunden: Assistentin der Europaabgeordneten Hiltrud Breyer, die für die deutschen Grünen im Europäischen Parlament sitzt. Seit vier Jahren unterstützt Stauffer sie dabei. Die junge Frau rückt sich ihre Brille zurecht. Ein bisschen Glück gehöre auch dazu, den Traumjob zu finden, sagt die studierte Soziologin. Kennen gelernt hat sie ihre Abgeordnete und spätere Arbeitgeberin in Berlin, als sie dort noch für eine Frauenorganisation gearbeitet hat. Weil sich auch Hiltrud Breyer auf Frauenthemen spezialisiert hat, haben die beiden auf Anhieb zusammen gepasst. Und natürlich war auch der persönliche Kontakt wichtig, erinnert sich Stauffer: "Frau Breyer kommt aus dem Saarland, ich aus der Pfalz. Wir verstehen uns sogar, wenn wir Dialekt sprechen", sagt die 33-Jährige und lächelt verschmitzt.

Ungehinderte Kommunikation ist besonders wichtig zwischen den Abgeordneten und ihren Helfershelfern. Denn ohne die Unterstützung durch meist zwei oder mehr Assistenten im Brüsseler Büro könnten die meisten Abgeordneten kaum arbeiten. Sie halten den gewählten Volksvertretern den Rücken frei, beruhigen aufgebrachte Anrufer, beantworten Emails und bereiten oft sogar die Änderungsanträge vor, die ihre Chefs dann im Plenum zur Abstimmung stellen. So bekommen viele Assistenten ziemlich schnell ziemlich viel Verantwortung und Einblick in die große Politik in Brüssel.

Bitte schickt Schokolade!

Anne Stauffer zählt ihre Arbeitsstunden lieber nicht. Eigentlich habe sie um 18 Uhr Feierabend, aber "wenn es brennt – und es brennt oft – dann schaut hier keiner auf die Uhr." Als "abwechslungsreich" und "super spannend" beschreibt sie ihren Job zwischen Brüssel, Straßburg und Berlin. Schließlich sei sie keine einfache Sekretärin, sondern müsse Organisation und inhaltliche Arbeit miteinander verbinden. Nur selten verbringt sie einen gesamten Tag in ihrem Büro in der achten Etage des Altiero-Spinelli-Gebäudes des Europäischen Parlaments. Meistens ist sie bewaffnet mit Aktenordnern und Dossiers im Haus unterwegs, spricht mit Kollegen von anderen Abgeordneten über mögliche Änderungsanträge oder nimmt an Ausschusssitzungen teil – Hiltrud Breyer sitzt im Frauen- und im Umweltausschuss.

Eine Ausbildung zur Assistentin gibt es nicht. Die Kollegen von Anne Stauffer kommen aus ganz verschiedenen Ecken. Viele von ihnen haben Jura, Politik oder Wirtschaftswissenschaften studiert, aber es gibt auch einige Exoten. Und natürlich sollte die politische Überzeugung zu der des Abgeordneten passen, meint Stauffer, auch wenn es keinen Parteibuchzwang gibt in Brüssel. Gelernt wird dann von der Hand in den Mund. "Am Anfang habe ich mich ständig verlaufen in diesen riesigen Gebäuden", erinnert sich Anne Stauffer.

Aber mittlerweile scheint ihr alles leicht von der Hand zu gehen. Aber dahinter steckt eine minutiöse Organisation. Auf ihrem Schreibtisch ist jedes Ablagefach genau beschriftet. Das geht von "Besuchergruppen" über "Termine" bis hin zu "Orga-Kram". "Man muss einen kühlen Kopf bewahren und schnell entscheiden, was wichtig ist und was nicht", so beschreibt Anne Stauffer ihr Arbeitsgeheimnis. Allein rund 100 Emails bekommt die Assistentin jeden Tag, eine "Flut von Informationen", die möglichst schnell bearbeitet und einsortiert werden will. "Zum Glück", sagt sie, "muss ich nicht jedes Detail kennen. Wichtig zu wissen ist, wen ich anrufen kann." Und wenn ihr mal alles über den Kopf wächst, dann greift sie einfach auf Drogen zurück, die auch im Europäischen Parlament erlaubt sind: An einem ihrer Regale über dem Schreibtisch klebt die Bestellanforderung: "Things are getting worse - please send chocolat!" - "Die Zeiten werden schlechter - bitte schickt Schokolade!"

Über den Tellerrand

Besonders freut sich Stauffer über die gemeinsamen Erfolge mit Hiltrud Breyer. Gerade erst haben es die beiden geschafft eine neue EU-Richtlinie zum Verbot von gefährlichen Pestiziden durchzuboxen – trotz gehörigen Drucks von der Industrie-Lobby. "Ich durfte an den Gesprächen mit den Vertretern der EU-Kommission und der Mitgliedsstaaten teilnehmen und alles hautnah erleben. Das war unglaublich spannend", erzählt Stauffer. So ist sie Politikerin, Sekretärin und persönliche Beraterin in einem. Und ein bisschen Lehrerin ist sie auch manchmal, wenn Besuchergruppen aus Deutschland zu Gast sind im Europäischen Parlament. "Sie kommen mit den üblichen Vorurteilen, dass die EU zu bürokratisch ist und viel Geld kostet. Wenn sie wieder fahren, haben sie meistens eine bessere Meinung. Das ist dann mein ganz persönliches Erfolgserlebnis."

Schon immer hat sie gerne über den Tellerrand geschaut, war nach dem Abitur für ein paar Monate in London und später während des Studiums in den Vereinigten Staaten. "Es ist nur konsequent, dass ich hier gelandet bin. In Brüssel habe ich begriffen, was für einen großen Einfluss die EU auf unsere Leben in der Zwischenzeit hat."

Auf die europäische Dimension will sie in ihrer Arbeit auch in Zukunft nicht verzichten. Noch will sie sich nicht festlegen, wie es beruflich bei ihr weiter gehen soll, aber Brüssel gefällt der jungen Deutschen und überrascht sie nach wie vor: "Die Stadt ist nicht so einfach zu erkunden. Aber es gibt immer wieder schöne Entdeckungen. Erst kürzlich bin ich durch Zufall auf einen wunderschönen Park mit einer Orangerie gestoßen. Diese versteckten Kleinode machen den Charme von Brüssel aus."

Ruth Reichstein schreibt für deutsche Zeitungen und sendet für deutsche Radiosender aus Brüssel

Fotos: ©Parlement Europeen



www.europarl.de
Das Europäische Parlament: Die Stimme der Bürgerinnen und Bürger in Europa. Kontaktadressen und Links.

www.hiltrud-breyer.eu
Das Büro von Hiltrud Beyer, für das Anne Stauffer arbeitet