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Reisegeschichten

Vergangenheit und Zukunft des Tourismus

2.3.2009 | Frida Thurm | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Reisen und Urlaub ist für viele Menschen die schönste Zeit im Jahr. Gleichzeitig ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig. Aber seit wann reisen wir eigentlich? Und wie wird der Tourismus in der Zukunft aussehen angesichts der Wirtschaftskrise und des Klimawandels? Ein Gespräch mit der Tourismusforscherin Dagmar Lund-Durlacher über Zugfahrten inklusive Tee und Rosinenbrötchen und Billigfluglinien, Wellness-Trends und Massentourismus.

Frau Lund-Durlacher, seit wann fahren Menschen eigentlich in den Urlaub?

Reisen zum Vergnügen gab es schon in der Antike: Die reiche Bevölkerung der Städte Alexandria, Athen und Rom nutzte die gut ausgebauten Wege für ihre Reisen zu Heil- und Thermalquellen, Seebädern oder zu ihren Sommerressorts. Von Tourismus spricht man oft erst ab dem Beginn des Massentourismus. Der ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts, das in England mit der industriellen Revolution begann. Plötzlich gab es billigere Transportmöglichkeiten, außerdem wuchs die Mittelklasse und die Leute hatten Geld für den Urlaub übrig. Das Zeitalter der Pauschalreisen begann am 5. Juli 1841, als Thomas Cook, ein britischer Verleger, für 500 Reisende eine Zugfahrt inklusive Tee und Rosinenbrötchen von Leicester nach Loughborough organisierte. Ein paar Jahre später gab es dann auch Rundreisen durch England und Europa.

Wie wandelt sich der Tourismus durch die Globalisierung?

Globalisierung zeigt sich zuallererst im Flugverkehr: Viele Airlines haben sich zusammengeschlossen, außerdem wächst die Zahl der Billigfluganbieter rapide. Dies ermöglicht Touristen billigeres Reisen und besseren Zugang zu vielen Zielen. Auch die Rolle von e-business im Tourismus wurde durch die Globalisierung immer wichtiger, Reisen zählen mittlerweile in Europa zu den meist verkauften Produkten und Dienstleistungen am Online-Markt.

Gibt es Reiseziele, Reisearten, die es bis vor kurzem noch nicht gab?

Die Globalisierung hat einerseits Auswirkungen auf Reiseziele in Übersee, denn die sind nun billiger und einfacher zu erreichen. Andererseits profitieren jedoch auch etliche Nahdestinationen von verbesserten und billigeren Transportmöglichkeiten, beispielsweise sind viele Städte als Reiseziele attraktiver geworden, weil sie von Billigfliegern direkt angeflogen werden.

Wie verändern sich die Menschen durch das Reisen?

Veränderungen finden auf zwei Seiten statt: bei den Touristen selbst, aber auch bei den Menschen in den Urlaubsorten. Wer reist, entwickelt ein besseres Verständnis und Toleranz für andere Kulturen, Tourismus fördert also den Frieden. Bei der Bevölkerung vor Ort kann er das Selbstbewusstsein stärken und natürlich bringen Touristen immer auch Geld ins Land. Langfristige Verbesserungen sind zum Beispiel eine gute Infrastruktur und die Erhaltung von Kulturgütern.

Gibt es auch Nebenwirkungen?

Es kann Spannungen in der lokalen Bevölkerung an einem Urlaubsort geben, wenn der Profit ungleich verteilt ist. Wenn beispielsweise ausländische Investoren das erwirtschaftete Geld einstreichen oder nur wenige Menschen vom Tourismus profitieren und sich große Teile der Bevölkerung benachteiligt fühlen. Unangenehm für die Bevölkerung wird es auch, wenn der Massentourismus die Kapazitäten des Urlaubsortes übersteigt. Da kann es schlicht um die Abfallentsorgung gehen oder auch um den freien Zugang zum Strand. In manchen Urlaubsorten ist der für Einheimische mit Hotels und Villen verbaut.

Verändert der Klimawandel den Tourismus?

Ja, das sieht man vor allem an den extremen Wetterkonditionen. Je nach Region gibt es Überflutungen, Schneeknappheit, Dürre und Hitzewellen, und die werden noch zunehmen. Im Wintersport wird das deutlich: Wenn die Schneegrenze sich immer weiter nach oben verschiebt, ist das das Aus für viele Skiorte, die dann keinen Schnee mehr haben. Der steigende Meeresspiegel wird viele Küsten überschwemmen, die Prognosen, wie lange das dauert, sind unterschiedlich. Sicher ist, dass sich der Reisestrom von Nord nach Süd umdreht: Weil es in den südeuropäischen Ländern viel zu heiß wird, machen immer mehr Menschen zum Beispiel in Skandinavien Urlaub.

Sie haben ein Forschungsprojekt zur Bevölkerungsentwicklung und Tourismuswirtschaft bis zum Jahr 2050 durchgeführt. Was hat das ergeben?

Es findet ein demografischer Wandel statt, die Bevölkerung wird älter. Die Menschen reisen auch immer länger – bis ins hohe Alter. Deshalb gewinnen neue Reiseformen an Bedeutung. Neben Wellness auch betreutes Reisen und barrierefreies Reisen. Deutsche Rentner ziehen, wenn sie es sich leisten können, für den Winter gerne ganz weg aus Deutschland: Die Zweitwohnsitze in Spanien werden wohl noch zunehmen.

Wie wird sich der Tourismus in der Zukunft entwickeln?

Sicherheit wird beim Reisen eine größere Rolle spielen, also zum einen der Schutz vor Terrorismus, aber auch vor Naturkatastrophen und Krankheitsepidemien wie SARS. Die traditionellen Strandurlaube werden eher abnehmen, dafür gibt es neue Tourismusformen wie Space-Tourismus, also Reisen ins Weltall. Destinationen, die Aktivitäten, Abenteuerurlaub, Events anbieten, werden profitieren. Weil die Treibstoffkosten weiter steigen, werden die Urlauber seltener mit dem Flugzeug fliegen.

Aber was ist mit den Billigfliegern?

Wahrscheinlich wird es die Billigfluglinien schon noch einige Zeit geben, aber der Preis fürs Fliegen wird sich bei steigenden Treibstoffkosten allgemein erhöhen. Billigflieger sind dann vielleicht immer noch günstiger als die regulären Fluglinien, aber deutlich teurer als heute. Angesichts der knappen Ressourcen werden die Menschen anfangen, wieder bewusster zu reisen.

Ist das nicht ein bisschen zu optimistisch?

Nein, der Trend zu nachhaltigen Reiseangeboten ist deutlich. Immer mehr Menschen wollen Reisen, die nicht nur umweltfreundlich, sondern auch sozial verträglich sind. Das heißt nicht, dass sie nicht mehr fliegen. Aber statt jedes Jahr für fünf Tage in die Karibik zu jetten, fliegt man dann vielleicht lieber alle drei Jahre und bleibt drei Wochen.

Frida Thurm arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

Foto, oben: ©cydonna / photocase.com
Foto, unten: ©deborre / photocase.com

Zur Person:

Prof. Dr. Dagmar Lund-Durlacher ist die Leiterin des Bereichs Tourism and Hospitality Management an der privaten Modul Universität in Wien und Dekanin des gleichnamigen Bachelorstudiengangs. Sie ist auch Gastprofessorin an der Fachhochschule Eberswalde in Brandenburg, wo sie bis 2007 den Masterstudiengang für Nachhaltiges Tourismusmanagement leitete.

Infos:

Der Tourismus spielt eine große wirtschaftliche Rolle: Deutsche gaben 2005 für private Reisen 78.852,4 Mill. Euro aus (Statistisches Bundesamt Deutschland 2005). Im gleichen Jahr hat Deutschland als Reiseland Einnahmen von 23.473 Millionen Euro erzielt (Eurostat 2006).

Außerdem ist der Tourismus Arbeitgeber für viele Menschen: Acht Prozent aller Beschäftigten in Deutschland waren im Jahr 2007 im Tourismus tätig (Deutscher Tourismusverband e.V. ). Weltweit ist der Tourismus sogar der größte Arbeitgeber mit 231 Millionen Jobs (World Travel & Tourism Council 2007). Die internationalen Tourismuseinnahmen betrugen 2005 weltweit 466 Milliarden Euro (WTO 2007).

Die Deutschen fahren am liebsten im eigenen Land in den Urlaub, 2007 unternahmen sie hier 29,7 Millionen Urlaubsreisen, die länger als 5 Tage dauerten. Spanien ist die Nummer 2 mit 8,6 Millionen, gefolgt von Italien (7,2 Mio.) und Österreich (5,3 Mio.) (DTV 2008).

Europa ist international ein beliebtes Reiseziel: Weltweit gab es im Jahr 2008 rund 924 Millionen internationale Ankünfte (das sind Reisen, die ins Ausland unternommen wurden). Davon entfallen auf Europa rund 54% dieser internationalen Ankünfte (WTO 2008).



www.fh-eberswalde.de
Der Studiengang Nachhaltiges Tourimusmanagement an der Universität Eberswalde mit zahlreichen Informationen rund um den Tourismus




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