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Atemraubende Ziele

Reisen in Zeiten des Klimawandels

10.3.2009 | Maja Schuster & Jürgen Weber | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Mit dem Thema Reisen verbinden sich vor allem Vorstellungen von intensiven und spaßerfüllten Erfahrungen in einem fremden Land, der geschichtsträchtigen Kulisse in einer europäischen Hauptstadt, bei der Party am Strand, beim romantischen Mondscheinspaziergang … mit Erlebnissen also, die die Routine durchbrechen und die außerhalb der alltäglichen städtischen Welt liegen, wo Naturerfahrung und persönliche Authentizität miteinander verschmelzen. Die Reiseliteratur aus dem 19. Jahrhundert weist dagegen deutliche Unterschiede auf: Reisen dienten nicht dem Spaß, sondern der Bildung.

Der Tourismus zählt weltweit zu den größten Wirtschaftszweigen. Nach Angaben der Tourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO) von 2007 ist der Sektor für 46 der 50 ärmsten Länder der Welt die größte Deviseneinnahmequelle und als Entwicklungsmotor bislang unerlässlich. Die boomende Branche stößt jedoch an Grenzen. "Ein anderer Tourismus ist möglich – und dringend notwendig", beschworen Initiativen und Nichtregierungsorganisationen (NRO) vor kurzem beim "Weltsozialforum" 2009 in Belem in Brasilien. Seit Jahren setzen sie sich für einen gerechten und umweltschonenden Tourismus ein. Die Ausbreitung von Prostitution und Verknappung der natürlichen Ressourcen für die einheimische Bevölkerung und die Überlassung der Infrastruktur für devisenbringende Reisende aus den reichen Industrienationen – alle diese Faktoren bringen seit langem unakzeptable Konsequenzen für die Bevölkerungen vor Ort mit sich.

Klimakiller Tourismus?

Analysen zu den Auswirkungen der Industrialisierung von Küstenabschnitten legen zum Beispiel die Vermutung nahe, dass viele Opfer der Tsunami-Flutwellen vom Dezember 2004 noch am Leben sein könnten, wenn nicht an vielen Küsten Indiens und Indonesiens die schützenden Mangrovenwälder für den Ausbau des Tourismussektors zerstört worden wären.

Seit Jahren für Zündstoff sorgt ein Tourismusprojekt der spanisch-brasilianischen Firmengruppe Namens Nova Atlåntida ("Neu-Atlantis") an der Nordküste Brasiliens im Bundesstaat Ceará. Vierzehn Hotels, dreizehn Resorts, sechs Ferienappartements, Yachthäfen und Golfplätze sollen auf dem Land errichtet werden, in dem Angehörige des Tremembé-Indianervolkes leben. René Schärer, ehemaliger Swissair-Geschäftsführer, der seit 1992 in Ceará lebt, sagte dazu: "Hier im Staat Ceará ist es noch üblich, dass die vermögende Klasse sich als Besitzer des Staates aufführt …" – um am Tourismus oder an anderen Geschäften zu verdienen.

In der Vergangenheit haben allerdings nicht so sehr Menschenrechtsanliegen oder große Umweltskandale die Tourismusindustrie in die Kritik gebracht als vielmehr die öffentliche Aufmerksamkeit für den Klimawandel. Inzwischen werden die Produktions- und Konsummuster der Bürger/innen in den Ländern des Nordens einer Überprüfung unterzogen. Denn sie sind es, die national und global gesehen einen Löwenanteil an den CO2-Emissionen ausmachen. Der Anteil des Tourismussektors an den Kohlendioxid-Emissionen liegt bereits zwischen vier und sechs Prozent.

Ohne Anpassungen könnten danach die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2035 um bis zu 150 Prozent steigen. Schon heute sind viele Reiseziele direkt von der Erderwärmung betroffen, etwa durch das vermehrte Auftreten von Quallen und Algen im sich erwärmenden Meerwasser oder durch ausbleibenden Schnee in Wintersportgebieten. Nicht nur Inselgruppen und Länder des globalen Südens, auch die Ferieninsel Sylt oder die Niederlande würden bei fortschreitender Erwärmung der Erde, mit der die Meeresspiegel ansteigen, von großen Überschwemmungskatastrophen bedroht.

Gefragt sind Ideen und Konzepte

"Nachhaltiger Tourismus" ist eine auch im "globalen Süden" gerne genannte Option, um die "Lebensgrundlagen" der Bevölkerung zu erhalten und einen Beitrag zur Reduzierung von CO2-Emissionen zu leisten. Auf Konferenzen und in ihren Netzwerken verständigen sich diese Gruppen auf Konzepte, Strategien und gemeinsame Aktionen.

Im indischen Bundesstaat Goa erklärte im November 2008 die "Armee der wachsamen Goaner" den 12.11. zum "Internationalen Tag gegen unverantwortlichen Tourismus". Im Laufe von zwei Jahrzehnten hätten die negativen Auswirkungen des Tourismus in Goa immer mehr zugenommen. Belästigungen, Sextourismus, Kinderprostitution und Drogenmissbrauch gehören zu den Begleiterscheinungen von unverantwortlichem Tourismus in Goa.

Die srilankische Tourismuspolitik hat sich offiziellen Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben und erst kürzlich zehntausende Sandelholzbäume gepflanzt. Damit soll das Anliegen eines "kohlenstoffneutralen Sri Lanka" unterstützt werden. Der Inselstaat will das erste CO2-neutrale Reiseziel der Welt werden, die Initiative mit dem Namen "Earth Lung – Carbon Free Sri Lanka" setzt dazu auf Aufforstungen und die Kompensation von CO2-Emissionen. Klimabewusstes Reisen kann gegenwärtig nur bedeuten: weniger Fliegen!

Auch die Industrie hat mittlerweile auf die beunruhigenden Prognosen reagiert. Mit der Initiative "TOURpact.gc" will die UNWTO die Tourismusindustrie in die Verantwortung nehmen und dazu anregen, soziale und ökologische Mindeststandards einzuhalten. Dass die Umsetzung der Maßnahmen keiner Überprüfung unterliegt, wird von den alternativen Gruppen allerdings kritisiert. Die beteiligten Unternehmen könnten so vom seriösen Ruf der Vereinten Nationen profitieren, ohne wirklich soziale und ökologische Mindeststandards einzuhalten.

Maja Schuster und Jürgen Weber arbeiten als freie Journalisten in Berlin.

Foto, oben: ©lila_lallo / photocase.com

Foto, mitte: ©smartinka / photocase.com

Foto, unten: ©monster81 / photocase.com



Der nachhaltige Tourismus setzt auf Sensibilisierung von Touristen/innen für ökologischen und verantwortungsvollen Tourismus. Informationen dazu zu finden, ist aber nicht immer einfach. Einige weiterführende Links: www.fairunterwegs.org und www.tourism-watch.org sowie www.equitabletourism.org

Daten und Zahlen zum internationalen Tourismus gibt es auch unter: www.wttc.org und www.unwto.org

Ein Überblick über einige alternative Reiseanbieter findet sich auf den folgenden Websites: http://forumandersreisen.de und www.sanftes-reisen.org/de/php/home.php sowie www.responsibletravel.com

Wie klimabewusstes Reisen praktisch funktioniert und die ökologischen Folgen von Reisen reduziert werden können: www.atmosfair.de, www.myclimate.org, www.srilankaearthlung.travel




Kommentare

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Was bisher geschah...

Klimaschutz

RICHTIG SO!!

Mena | 16. August 2012   08:33

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