Mit
dem Thema Reisen verbinden sich vor allem Vorstellungen von
intensiven und spaßerfüllten Erfahrungen in einem fremden
Land, der geschichtsträchtigen Kulisse in einer europäischen
Hauptstadt, bei der Party am Strand, beim romantischen
Mondscheinspaziergang … mit Erlebnissen also, die die Routine
durchbrechen und die außerhalb der alltäglichen
städtischen Welt liegen, wo Naturerfahrung und persönliche
Authentizität miteinander verschmelzen. Die Reiseliteratur aus
dem 19. Jahrhundert weist dagegen deutliche Unterschiede auf: Reisen
dienten nicht dem Spaß, sondern der Bildung.
Der
Tourismus zählt weltweit zu den größten Wirtschaftszweigen.
Nach Angaben der Tourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO)
von 2007 ist der Sektor für 46 der 50 ärmsten Länder
der Welt die größte Deviseneinnahmequelle und als
Entwicklungsmotor bislang unerlässlich.
Die
boomende Branche stößt jedoch an Grenzen. "Ein
anderer Tourismus ist möglich – und dringend notwendig",
beschworen Initiativen und Nichtregierungsorganisationen (NRO) vor
kurzem beim "Weltsozialforum" 2009 in Belem in Brasilien.
Seit Jahren setzen sie sich für einen gerechten und
umweltschonenden Tourismus ein. Die Ausbreitung von Prostitution und Verknappung der natürlichen Ressourcen für
die einheimische Bevölkerung und die Überlassung der
Infrastruktur für devisenbringende Reisende aus den reichen
Industrienationen – alle diese Faktoren bringen seit langem
unakzeptable Konsequenzen für die Bevölkerungen vor Ort mit
sich.
Klimakiller Tourismus?
Analysen
zu den Auswirkungen der Industrialisierung von Küstenabschnitten
legen zum Beispiel die Vermutung nahe, dass viele Opfer der
Tsunami-Flutwellen vom Dezember 2004 noch am Leben sein könnten,
wenn nicht an vielen Küsten Indiens und Indonesiens die
schützenden Mangrovenwälder für den Ausbau des
Tourismussektors zerstört worden wären.
Ceará, Brasilien
Seit Jahren für Zündstoff sorgt ein Tourismusprojekt der spanisch-brasilianischen Firmengruppe Namens Nova Atlåntida ("Neu-Atlantis") an der Nordküste Brasiliens im Bundesstaat Ceará. Vierzehn Hotels, dreizehn Resorts, sechs Ferienappartements, Yachthäfen und Golfplätze sollen auf dem Land errichtet werden, in dem Angehörige des Tremembé-Indianervolkes leben. René Schärer, ehemaliger Swissair-Geschäftsführer, der seit 1992 in Ceará lebt, sagte dazu: "Hier im Staat Ceará ist es noch üblich, dass die vermögende Klasse sich als Besitzer des Staates aufführt …" – um am Tourismus oder an anderen Geschäften zu verdienen.
Im
indischen Bundesstaat Goa erklärte im November 2008 die "Armee
der wachsamen Goaner" den 12.11. zum "Internationalen Tag
gegen unverantwortlichen Tourismus". Im Laufe von zwei
Jahrzehnten hätten die negativen Auswirkungen des Tourismus in
Goa immer mehr zugenommen. Belästigungen, Sextourismus,
Kinderprostitution und Drogenmissbrauch gehören zu den
Begleiterscheinungen von unverantwortlichem Tourismus in Goa.
Die
srilankische Tourismuspolitik hat sich offiziellen Klimaschutz auf
die Fahnen geschrieben und erst kürzlich zehntausende
Sandelholzbäume gepflanzt. Damit soll das Anliegen eines
"kohlenstoffneutralen Sri Lanka" unterstützt werden.
Der Inselstaat will das erste CO2-neutrale Reiseziel der Welt werden,
die Initiative mit dem Namen "Earth Lung – Carbon Free Sri
Lanka" setzt dazu auf Aufforstungen und die Kompensation von
CO2-Emissionen. Klimabewusstes Reisen kann gegenwärtig nur
bedeuten: weniger Fliegen!
Auch
die Industrie hat mittlerweile auf die beunruhigenden Prognosen
reagiert. Mit der Initiative "TOURpact.gc" will die UNWTO
die Tourismusindustrie in die Verantwortung nehmen und dazu anregen,
soziale und ökologische Mindeststandards einzuhalten. Dass die
Umsetzung der Maßnahmen keiner Überprüfung
unterliegt, wird von den alternativen Gruppen allerdings kritisiert.
Die beteiligten Unternehmen könnten so vom seriösen Ruf der
Vereinten Nationen profitieren, ohne wirklich soziale und ökologische
Mindeststandards einzuhalten.
Maja Schuster und Jürgen Weber arbeiten als freie Journalisten in Berlin.
Fotos: ©Photocase
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