Kamera läuft

Verhindern Videokameras Verbrechen?

18.11.2008 | Dietmar Kammerer | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Videokameras an Gebäuden oder auf Laternenmasten gehören in Innenstädten mittlerweile zum vertrauten Anblick. Sie sollen uns vor Taschendieben schützen, Drogendealer erkennen, Bankräuber fangen. Im März 2000 hat die Konferenz der Innenminister den Startschuss zur Ausbreitung der elektronischen Augen gegeben, als sie erklärte, sie sehe in den Kameras "ein geeignetes Mittel, um die Wahrnehmung der polizeilichen Aufgaben im Rahmen der Gefahrenabwehr und der Strafverfolgung wirksam zu unterstützen". Die Kameras sollten zum "verlängerten Auge" der Polizei werden.

 

 

 

 

 

Doch die Kritik hat seither nicht abgerissen. Bürgerrechtler/innen werfen der Technik vor, sie mache unschuldige Bürger/innen zu Verdächtigen und erlaube es dem Staat, ungehindert das Verhalten aller zu beobachten, aufzuzeichnen und damit womöglich zu kontrollieren. Sie berufen sich dabei auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes aus dem Jahr 1983, in dem die Richter jeder Bürgerin und jedem Bürger das Recht auf "informationelle Selbstbestimmung" zuerkannten. Was heißt das? Damit ist das Recht jedes Einzelnen gemeint, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner personenbezogenen Daten zu verfügen. Denn, so die Richter: Wer nicht einschätzen kann, wie viel und was andere über einen selbst wissen, wird versuchen, nicht durch sein Verhalten aufzufallen. Er könnte beispielsweise darauf verzichten, an einer politischen Demonstration teilzunehmen, wenn er damit rechnen muss, dabei gefilmt zu werden. Das aber verträgt sich nicht mit den Grundsätzen einer freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung.

Zwar bezog sich das Gericht damals nicht auf Videobilder, sondern auf die "Volkszählung", in der jeder Haushalt in der Bundesrepublik umfassend Auskunft über die Lebensumstände seiner Angehörigen abgeben sollte. Aber das Urteil gilt nicht nur für Daten im engeren Sinn, sondern genauso auch für Bildaufnahmen, auf denen Personen identifizierbar sind.

Die Richter haben allerdings Ausnahmen formuliert. Eine Einschränkung seines Rechts auf "informationelle Selbstbestimmung" muss jeder dann hinnehmen, wenn übergeordnete Interessen gewahrt werden müssen. Sprich im Fall von Videoüberwachung: wenn an einem bestimmten Ort dadurch die Kriminalitätsrate gesenkt werden soll. Es wäre illegal, Kameras im öffentlichen Raum nur als reine Vorsichtsmaßnahme zu installieren. Jede Kamera muss begründet werden und einen expliziten Zweck verfolgen. Und damit wird die Frage entscheidend: Verhindern Videokameras Verbrechen?

Polizisten und Innenminister sagen (meistens): Ja. Weil sie diese Annahme aber auch begründen wollten, gab die britische Regierung vor einiger Zeit Wissenschaftlern den Auftrag, diese Behauptung mit Zahlen zu untermauern. Das überraschende Ergebnis der mehrjährigen Studie: Nein, Videoüberwachung verhindert keine Verbrechen, oder nur in sehr geringem Maße. "Closed circuit television" (CCTV) – so heißt Videoüberwachung auf der Insel – konnte die Kriminalitätsrate alles in allem um magere drei Prozent senken. Und das ausgerechnet in dem Land, das wie kein zweites in den Ausbau der öffentlichen Augen investiert hat. Für London schätzt man, dass auf vierzehn Einwohner/innen eine Kamera kommt.

Placebo-Effekt bei Kameras

Die Kriminologen haben allerdings ebenfalls festgestellt, dass die Frage schlecht gestellt worden war. Denn in dieser Formulierung ist sie gar nicht eindeutig zu beantworten. Es ist alles andere als einfach, die Wirkung der Kameras isoliert zu betrachten. So wurde beobachtet, dass in manchen Fällen die Kriminalität bereits dann sinkt, wenn in den Medien lediglich darüber berichtet wird, dass eine Videoüberwachung geplant ist – also noch lange bevor Kameras tatsächlich im Einsatz sind. Das ist ein "Placebo-Effekt" und er ist nur vorübergehend wirksam. Denn wenn die Kameras dann einige Monate in Betrieb sind, steigt die Zahl der Straftaten wieder, weil Täter/innen Mittel und Wege gefunden haben, die Kameraaugen zu umgehen. Man müsste also weitergehend fragen: Für welchen Zeitraum und unter welchen Umständen kann Videoüberwachung Verbrechen verhindern?

Zudem ist Videoüberwachung je nach Delikttyp unterschiedlich wirksam. Um Straftaten zu verhindern, die sich gegen Sachwerte richten (wie Autodiebstahl oder Vandalismus), sind Kameras relativ erfolgreich. Keinerlei Effekte zeigen sie hingegen bei Gewalt gegen Personen. Der Grund ist einleuchtend: Solche Taten werden meistens im Affekt begangen, im betrunkenen Zustand oder weil einer der Beteiligten im Zorn die Kontrolle über sich verliert. Kameras aber richten sich an rationale Täter/innen, an diejenigen, die die Folgen ihres Handelns bedenken. Auch hieraus folgt, dass die Frage, ob Videoüberwachung Verbrechen verhindert, nicht pauschal mit "Ja" oder "Nein" zu beantworten ist, sondern je nach Typ des Delikts unterschiedlich ausfällt.

Eines allerdings ist sicher: Selbst im Mutterland der Videoüberwachung, in Großbritannien, beginnen die Verantwortlichen langsam einzusehen, dass es nicht reicht, einfach immer mehr Kameras aufzustellen. Jedenfalls hat erst Anfang des Jahres ein hoher britischer Polizist die bisherigen "Erfolge" der Verbrechensbekämpfung mit Hilfe von Videoüberwachung wie folgt auf den Punkt gebracht: "Es war ein heilloser Fehschlag."

Dietmar Kammerer ist freier Autor für verschiedene Zeitungen und beschäftigt sich seit Jahren mit der Video-Überwachung.

Foto, oben: ©aussi97/ photocase.com

Foto, unten: ©french_03/ photocase.com



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Ein Dossier zur überwachten Stadt

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