Tatort Genacker
Körner im Getriebe
Patricia Hecht | 16.6.2008
Wie Schatten bewegen sich 13 schwarz
gekleidete Gestalten in der Dunkelheit. Wenn Scheinwerfer
aufflackern, ducken sie sich tief über die Erde und warten
reglos, bis sich die Lichter wieder entfernt haben. Hin und wieder
hört man Holz aufeinander schlagen. Schnell und leise
verschwinden die Gestalten schließlich so unbemerkt durch die
Lücke im Zaun, wie sie 20 Minuten zuvor gekommen sind. Am
Waldweg angekommen, leuchtet die Taschenlampe eines Wachmanns auf.
Ich treffe Malte zum ersten Mal in einem
Café in Berlin. Er ist 23, trägt Bart und Brille, die
rote Jacke ist Second Hand. Es geht konspirativ zu, als er von der
geplanten Genfeld-Besetzung erzählt: Das Datum schreibt er auf
einen Zettel und schiebt ihn zu mir herüber. Wenn ich bei der
Aktion dabei sein will, wird er mir den Ort zwei Tage vorher am
Telefon nennen.
Feldeinsatz statt Imagepflege
Malte gehört zu einer
bundesweiten Szene, die jenseits von Greenpeace oder Robin Wood gegen
Gentechnik, Atomkraft und Klimawandel kämpft. Organisationen
waren nichts für ihn, sagt Malte, zu viele Regeln, zu viel
Imagepflege, zu viele Ansichten, die er nicht teilt. Vor zwei Jahren
ist er bei Greenpeace ausgestiegen.
Als er mich ein paar Tage nach dem
ersten Treffen anruft, erfahre ich, dass ich in die Nähe von
Gießen fahren werde. In Gießen befinden sich die einzigen
zehn Quadratmeter Boden in Deutschland, auf denen in einem
dreijährigen Freilandversuch der Justus-Liebig-Universität
gentechnisch veränderte Gerste angebaut wird.
Untersucht werden zwei Gengerstenlinien,
die für Tiere besser verdaulich sind und bessere
Braueigenschaften als natürliche Gerste haben. Die transgene
Gerste wird darauf getestet, ob sie im Anbau schädlichen
Einfluss auf nützliche Bodenpilze hat. In den beiden ersten
Versuchsjahren haben Besetzer zwei Mal Teile der Pflanzen aus der
Erde gerissen und den Boden aufgewühlt. Zerstört, sagt die
Uni. Befreit, sagen die Aktivisten.
Dieses Jahr soll die
Gerste nach der Aussaat mit Flutlicht und Wachschutz vor möglichen
Feldbesetzern geschützt werden. "Da durch zu kommen wäre
unmöglich", sagt Malte. Weil der Wachschutz aber erst
patrouilliert, wenn die Gengerste gepflanzt ist, wollen die Besetzer
das Feld noch vor der Aussaat zerstören. "Entweder sie
holen uns mit schwerem Gerät vom Feld, dann ist der Boden
sowieso kaputt", sagt Malte. "Oder wir bleiben so lange
sitzen, bis die Aussaat unmöglich geworden ist."
In einem kleinen Dorf nahe Gießen
holt mich Malte schließlich vom Bahnhof ab. "Die anderen
üben", sagt er, wir fahren zu ihnen. Die Sonne scheint, es
riecht nach Feldern und Kühen. Als wir an einem einsam gelegenen
Bauernhof ankommen, stehen da dreizehn schlammbespritzte Menschen um
einen Traktor. Sie sind zwischen 20 und 40, ein paar von ihnen leben
wie Malte nur für ihre Aktivitäten, ein paar studieren.
Einer ist Krankenpfleger, ein Ehepaar hat eine eigene Firma. Nur
wenige kommen aus Gießen, die meisten sind extra für die
Aktion angereist. Die Idee entstand auf einem Camp. Seit zwei Wochen
wird mit einigen Leuten vor Ort geplant, jetzt wird ein letztes Mal
alles durchgesprochen.
Gekommen um zu bleiben
Es ist Mitternacht, als es losgeht,
stockfinster und kalt. Obwohl das Feld selbst noch nicht bewacht
wird, dreht ein Sicherheitsmann der Uni stündlich seine Runden.
Die meisten sehen das Gelände zum ersten Mal. Neben den
Unigebäuden liegt ein fußballfeldgroßer umzäunter
Acker am Waldrand, in dessen Mitte zehn Quadratmeter mit weißen
Stangen markiert sind. An zwei Seiten des Ackers führen Straßen
entlang, von denen aus das Gelände voll einsehbar ist. Ständig
fahren Streifenwagen am Feld vorbei - 300 Meter stadteinwärts
steht das Polizeipräsidium.
Ein paar Blicke gehen hin und her. Vor
Ort ist es unübersichtlicher als auf dem Stadtplan. "Dass
die Aktion mehr als dreist designt ist, war klar", sagt Malte.
Dass sie illegal und strafbar ist, auch. Alle haben sich die Nummer
eines Anwalts auf den Arm geschrieben. Dann schneiden zwei schwarz
gekleidete Gestalten tief über den Boden gebückt ein Loch
in den Zaun. Der Traktor rattert heran, die Lichter sind aus. Ein 600
Kilo schwerer, dunkel bemalter Betonklotz wird abgeladen und mit
Seilen und Rollstraße ein paar Meter auf das Feld gezogen.
Rückzug in den Wald. Immer wieder leuchtet Blaulicht auf, aber
die Dunkelheit verschluckt die Menschen, die zwischen Unigelände
und Waldrand unterwegs sind.
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Ein paar Träger wuchten Baumstämme
über den Zaun und legen sie geübt und schnell zurecht,
bevor sie durch die Lücke im Zaun wieder auf die Straße
schlüpfen. Nachdem sie den Waldweg erreicht haben, steht
plötzlich der Wachmann vor ihnen. Es ist vorbei, denkt einer,
holt tief Luft und lügt, eine nächtliche Schnitzeljagd sei
im Gang. "Ach so", sagt der Mann und nickt verständnisvoll,
"dann viel Spaß noch". Obwohl alle auf dem
unübersichtlichen Gelände verteilt sind, spricht sich der
Zwischenfall in der Gruppe schnell herum. Die Nachricht gibt einen
Kick für die Nacht.
Befreiung oder Behinderung?
Um drei Uhr früh ist alles auf dem
Feld. Die drei zwölf Meter langen Baumstämme werden mit
Seilen verknotet und hochgezogen, so dass ein Turm in die Luft ragt.
Auf zehn Metern Höhe wird eine Ebene zum Sitzen eingebaut. Der
Betonklotz wird unter den Turm geschoben. Von zwei Seiten sind Rohre
in den Klotz eingemauert, in die zwei Leute einen Arm schieben und
sich anketten. Müde und gelöst werden bunte Transparente
aufgehängt, "Gendreck weg –überall und immer"
steht darauf, und "turmhoch dageGEN: Kontrollwahn, Profitdenken,
Prestigegier". Malte hat seit dem Mittag nichts mehr getrunken,
trotzdem zieht er Windeln an. Um vier Uhr morgens klettert er auf den
Turm und kettet sich fest.
Noch am selben Tag teilt
die Pressesprecherin der Gießener Universität mit, dass
wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung Strafantrag gegen
die Besetzer gestellt wurde. Das Feld wird von Polizisten bewacht,
aber nicht geräumt; die Uni wollte das so. Die Feldbesetzer
bleiben drei Wochen. Es regnet und schneit, Besucher bringen Essen
und Decken. Als es für die Aussaat zu spät ist und die Uni
bekannt gibt, den Versuch für dieses Jahr abzubrechen, räumen
sie das Feld.
Patricia Hecht schreibt als freie Autorin für Magazine und Zeitungen. Sie lebt in Berlin.
Fotos: Patricia Hecht
www.giessener-allgemeine.de
Website der Gießener Allgemeinen Zeitung mit einem Artikel über die Feldbesetzung
www.faz.net
Website der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit einem Artikel über die Feldbesetzung
www.uni-giessen.de
Website der Universität Gießen mit einer Beschreibung des Forschungsprojekts zu gentechnisch verändertem Getreide
www.biosicherheit.de/de/getreide/494.doku.html
"Uns interessiert das Bodenleben." Ein Gespräch mit dem Forscher Karl-Heinz Kogel über den Freilandversuch mit gentechnisch veränderter Gerste in Gießen