1948 proklamierte David Ben-Gurion den Staat
Israel, er selber wurde der erste Ministerpräsident. Sogleich erklärten die
angrenzenden arabischen Staaten dem neuen Staat den Krieg, der sich 1949 für
Israel entschied. In diesem Krieg verlor aber auch der junge israelische Staat
einen großen Teil der Landesbevölkerung, denn ungefähr 800.000
Palästinenser/innen zogen die Flucht vor oder wurden vertrieben. Für jene, die in
Israel blieben, und für die Palästinenser/innen im Gaza-Steifen und in der West Bank
heißt der historische Akt der Erinnerung "Al Nakba": die Katastrophe. Wenn nun
Israel unter großer Anteilnahme der Welt dieses Jahr den 60. Geburtstag des
jüdischen Staates feiert, dürfen auch diese Vertriebenen und Toten nicht
vergessen werden.
"Kontrapunktische" Leseweisen
Der 2003 verstorbene palästinensische
Literaturwissenschaftler Edward Said hat mit Blick auf das gegenseitige
kulturelle Nichtverstehen einmal von der "Notwendigkeit kontrapunktischer
Lektüren" gesprochen: Leseweisen, die immer auch die bewusste Wahrnehmung der
Positionen der anderen einschließen müssten – wenn sie nicht zu verheerenden
Fehleinschätzungen der Gegenseite führen soll. Dies ist in großem historischem
Maßstab dem Diskurs des Westens über den Orient unterlaufen: Noch heute
betrachtet der Westen die Kultur des Orients als minderwertig. Kontrapunktisch
zu lesen, ist im Problemfall Israel und
Palästina geradezu Pflicht. Am Beispiel
des Israelis Tom Segev (geboren 1946) und des Palästinensers Sari Nusseibeh
(geboren 1949) lässt sich das besonders gut zeigen.
Tom Segev gehört zu den kritischen
Wissenschaftlern der israelischen "Neuen Historiker", auch "Postzionisten"
genannt, die sich seit den 1980er-Jahren auf erstmals zugängliches
Archivmaterial stützen konnten. Bevor es die Postzionisten gab, wurde der
Zionismus – so Segev – nicht wissenschaftlich erforscht, sondern wie ein Mythos
behandelt. Schon die Staatsgründung ist mythisch umrankt: Auch heute noch gilt
der
Holocaust, auf Hebräisch Shoah, vielen Israelis als zentrales Motiv für
Gründung und Bestehen des Staates. Tom Segev erblickt in seiner Studie zur
unmittelbaren Gründungszeit des Staates Israel – "Die ersten Israelis. Die
Anfänge des jüdischen Staates" – jedoch nicht in der Shoah die zentrale Ursache
für die Staatsgründung.
Sephardim und Ashkenasim
Das politische zionistische Projekt der
Besiedlung Palästinas lief weit komplexer ab. Segev stellt das auf der Basis
der Dokumente jener Zeit dar: Sitzungsprotokolle ebenso wie Interviews mit
Zeitzeugen und -zeuginnen oder auch David Ben-Gurions Tagebücher. Segevs Forschungsergebnis
ist eine mit großem Gewinn zu lesende Beziehungsgeschichte zwischen Arabern und
Israelis, Orthodoxen und weltlich orientierten Juden und Jüdinnen. Besonders
aber eine Geschichte des Konflikts zwischen israelischen Veteranen und den
Neuankömmlingen, den verarmten Sephardim (Orientalen) und den Ashkenasim
(Europäern). Ein Konflikt, der Züge annahm, die entfernt an das erinnern, was
Israel heute als
Apartheid-Politik gegenüber den Palästinensern/innen vorgeworfen
wird.
Dies führt zum zweiten Teil der
Gründungsgeschichte: dem Drama der Palästinenser/innen im Staate Israel. Die
siegreichen Israelis bemerkten bald, dass die vertriebenen Palästinenser/innen dem
Lande fehlten. Und laut Segevs Beobachtung drehte sich die energische Suche
nach der "ersten Million" eingewanderter Juden und Jüdinnen auch um die Ersetzung dieser
fehlenden Arbeitskräfte. Die Einwanderer/innen aus Nordafrika, dem Jemen und
Osteuropa waren aber nicht unbedingt der Kibbuz-Ideologie oder dem Mythos vom
landbauenden Juden zugeneigt, sondern fühlten sich oft als Juden zweiter Klasse
behandelt.
Das Leben der anderen
Sari Nusseibeh, ein palästinensischer
Akademiker aus einer alten Jerusalemer Familie, erzählt in "Es war einmal ein
Land" die politische Geschichte der heutigen zweiten Klasse Israels, der
Flüchtlinge und der israelischen Araber/innen. Wer sich ein rundes Bild von der
Geschichte Israels machen will, der oder die sollte dringend dieses Buch lesen.
Als Philosophiedozent und späterer Direktor der Al-Quds-Universität in
Jerusalem war Nusseibeh in den so genannten "Krieg der Steine" involviert; die "Erste Intifada", ab 1987. Zu Beginn der Al-Aqsa-Intifada (auch "Zweite Intifada"
genannt, ab 2000) war er Arafats Statthalter, also stellvertretender Verwalter,
in Jerusalem. Man glaubt Nusseibeh gerne, dass Bildung und die Vermittlung von
Wissen ihm wichtiger sind als die Politik. Seine Erforschung der eigenen
Geschichte und der Geschichte des Konfliktes ist offenbar philosophischer
Rationalität verpflichtet – aber auch einer warmen Menschlichkeit und dem
kritischen Respekt vor der anderen Seite.
Über den israelischen Schriftsteller Amoz Oz
stellt Nusseibeh fest, dass in dessen Kindheitserfahrungen "Eine Geschichte von
Liebe und Finsternis" praktisch keine Araber/innen vorkommen. Es sei denn, als
militärische Feinde. Er fragt: "Ist diese Unfähigkeit, sich das Leben der 'anderen' vorzustellen, nicht der Kern des israelisch-palästinensichen
Konfliktes?" Offensichtlich ist die mangelnde Empathie im Zeichen des jüdischen
wie auch des arabischen Nationalismus ein zentrales Problem der Gesellschaften
im Nahen Osten, das zu unlösbar scheinenden Konflikten und zu einer unendlichen
Spirale der Gewalt führt. Vielleicht können Bücher wie die von Nusseibeh
und Segev etwas zum gegenseitigen Verständnis beitragen, jeweils auf der
anderen Seite gelesen. Auch für uns liegt in derart kontrapunktischer
Lektüre eine Chance – man lernt, auch von der anderen Seite her zu
denken.
Tom Segev: Die ersten Israelis. Die Anfänge
des jüdischen Staates (Siedler Verlag 2008, 414 S., 24.95 €)
Sari Nusseibeh: Es war einmal ein Land. Ein
Leben in Palästina (Verlag Antje Kunstmann 2008, 526 S., 24.90 €)
Martin Zähringer lebt in Berlin und
arbeitet als freier Literaturjournalist und Kritiker.
Fotos: ©Verlag
http://sari.alquds.edu
Sari Nusseibehs Seite (englisch/arabisch)
http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Segev
Mehr über Tom Segev auf Wikipedia
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