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Kontrapunktisch lesen!

Israel wird 60

13.6.2008 | Martin Zähringer | Kommentar schreiben | Artikel drucken
1948 proklamierte David Ben-Gurion den Staat Israel, er selber wurde der erste Ministerpräsident. Sogleich erklärten die angrenzenden arabischen Staaten dem neuen Staat den Krieg, der sich 1949 für Israel entschied. In diesem Krieg verlor aber auch der junge israelische Staat einen großen Teil der Landesbevölkerung, denn ungefähr 800.000 Palästinenser/innen zogen die Flucht vor oder wurden vertrieben. Für jene, die in Israel blieben, und für die Palästinenser/innen im Gaza-Steifen und in der West Bank heißt der historische Akt der Erinnerung "Al Nakba": die Katastrophe. Wenn nun Israel unter großer Anteilnahme der Welt dieses Jahr den 60. Geburtstag des jüdischen Staates feiert, dürfen auch diese Vertriebenen und Toten nicht vergessen werden.

"Kontrapunktische" Leseweisen

Der 2003 verstorbene palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said hat mit Blick auf das gegenseitige kulturelle Nichtverstehen einmal von der "Notwendigkeit kontrapunktischer Lektüren" gesprochen: Leseweisen, die immer auch die bewusste Wahrnehmung der Positionen der anderen einschließen müssten – wenn sie nicht zu verheerenden Fehleinschätzungen der Gegenseite führen soll. Dies ist in großem historischem Maßstab dem Diskurs des Westens über den Orient unterlaufen: Noch heute betrachtet der Westen die Kultur des Orients als minderwertig. Kontrapunktisch zu lesen, ist im Problemfall Israel und Palästina geradezu Pflicht. Am Beispiel des Israelis Tom Segev (geboren 1946) und des Palästinensers Sari Nusseibeh (geboren 1949) lässt sich das besonders gut zeigen.

Tom Segev gehört zu den kritischen Wissenschaftlern der israelischen "Neuen Historiker", auch "Postzionisten" genannt, die sich seit den 1980er-Jahren auf erstmals zugängliches Archivmaterial stützen konnten. Bevor es die Postzionisten gab, wurde der Zionismus – so Segev – nicht wissenschaftlich erforscht, sondern wie ein Mythos behandelt. Schon die Staatsgründung ist mythisch umrankt: Auch heute noch gilt der Holocaust, auf Hebräisch Shoah, vielen Israelis als zentrales Motiv für Gründung und Bestehen des Staates. Tom Segev erblickt in seiner Studie zur unmittelbaren Gründungszeit des Staates Israel – "Die ersten Israelis. Die Anfänge des jüdischen Staates" – jedoch nicht in der Shoah die zentrale Ursache für die Staatsgründung.

Sephardim und Ashkenasim

Das politische zionistische Projekt der Besiedlung Palästinas lief weit komplexer ab. Segev stellt das auf der Basis der Dokumente jener Zeit dar: Sitzungsprotokolle ebenso wie Interviews mit Zeitzeugen und -zeuginnen oder auch David Ben-Gurions Tagebücher. Segevs Forschungsergebnis ist eine mit großem Gewinn zu lesende Beziehungsgeschichte zwischen Arabern und Israelis, Orthodoxen und weltlich orientierten Juden und Jüdinnen. Besonders aber eine Geschichte des Konflikts zwischen israelischen Veteranen und den Neuankömmlingen, den verarmten Sephardim (Orientalen) und den Ashkenasim (Europäern). Ein Konflikt, der Züge annahm, die entfernt an das erinnern, was Israel heute als Apartheid-Politik gegenüber den Palästinensern/innen vorgeworfen wird.

Dies führt zum zweiten Teil der Gründungsgeschichte: dem Drama der Palästinenser/innen im Staate Israel. Die siegreichen Israelis bemerkten bald, dass die vertriebenen Palästinenser/innen dem Lande fehlten. Und laut Segevs Beobachtung drehte sich die energische Suche nach der "ersten Million" eingewanderter Juden und Jüdinnen auch um die Ersetzung dieser fehlenden Arbeitskräfte. Die Einwanderer/innen aus Nordafrika, dem Jemen und Osteuropa waren aber nicht unbedingt der Kibbuz-Ideologie oder dem Mythos vom landbauenden Juden zugeneigt, sondern fühlten sich oft als Juden zweiter Klasse behandelt.

Das Leben der anderen

Sari Nusseibeh, ein palästinensischer Akademiker aus einer alten Jerusalemer Familie, erzählt in "Es war einmal ein Land" die politische Geschichte der heutigen zweiten Klasse Israels, der Flüchtlinge und der israelischen Araber/innen. Wer sich ein rundes Bild von der Geschichte Israels machen will, der oder die sollte dringend dieses Buch lesen. Als Philosophiedozent und späterer Direktor der Al-Quds-Universität in Jerusalem war Nusseibeh in den so genannten "Krieg der Steine" involviert; die "Erste Intifada", ab 1987. Zu Beginn der Al-Aqsa-Intifada (auch "Zweite Intifada" genannt, ab 2000) war er Arafats Statthalter, also stellvertretender Verwalter, in Jerusalem. Man glaubt Nusseibeh gerne, dass Bildung und die Vermittlung von Wissen ihm wichtiger sind als die Politik. Seine Erforschung der eigenen Geschichte und der Geschichte des Konfliktes ist offenbar philosophischer Rationalität verpflichtet – aber auch einer warmen Menschlichkeit und dem kritischen Respekt vor der anderen Seite.

Über den israelischen Schriftsteller Amoz Oz stellt Nusseibeh fest, dass in dessen Kindheitserfahrungen "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" praktisch keine Araber/innen vorkommen. Es sei denn, als militärische Feinde. Er fragt: "Ist diese Unfähigkeit, sich das Leben der 'anderen' vorzustellen, nicht der Kern des israelisch-palästinensichen Konfliktes?" Offensichtlich ist die mangelnde Empathie im Zeichen des jüdischen wie auch des arabischen Nationalismus ein zentrales Problem der Gesellschaften im Nahen Osten, das zu unlösbar scheinenden Konflikten und zu einer unendlichen Spirale der Gewalt führt. Vielleicht können Bücher wie die von Nusseibeh und Segev etwas zum gegenseitigen Verständnis beitragen, jeweils auf der anderen Seite gelesen. Auch für uns liegt in derart kontrapunktischer Lektüre eine Chance – man lernt, auch von der anderen Seite her zu denken.

Tom Segev: Die ersten Israelis. Die Anfänge des jüdischen Staates (Siedler Verlag 2008, 414 S., 24.95 €)



Sari Nusseibeh: Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina (Verlag Antje Kunstmann 2008, 526 S., 24.90 €)




Martin Zähringer lebt in Berlin und arbeitet als freier Literaturjournalist und Kritiker.

Fotos: ©Verlag



http://sari.alquds.edu
Sari Nusseibehs Seite (englisch/arabisch)

http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Segev
Mehr über Tom Segev auf Wikipedia




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