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Joe Stretch: Widerstand

Die Pornographie des Alltags

16.5.2008 | Magdalena Taube | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die langen Beine in schwarze Röhrenjeans gesteckt, ein einfaches graues T-Shirt über den schlaksigen Oberkörper geworfen, ein umwerfendes Lächeln und genau die richtige Frisur auf dem Kopf – so springt Joe Stretch auf die Bühne, um mit seiner Band aufzutreten. "I need a short sharp shock!", kreischt er ins Mikrofon, das Publikum schwitzt, jubelt und tanzt. Die Lesungen des jungen Mannes laufen ähnlich ab. Joe Stretch ist nämlich nicht nur Sänger und Songwriter von (we are) performance, sondern auch Schriftsteller. Gerade ist sein Debütroman "Widerstand" erschienen.

In seiner Heimat England wird Stretch als der neue Kultautor seiner Generation gefeiert, als eine wilde Mischung aus Bret Easton Ellis und Michel Houllebecq. Aber wie genau wird man eigentlich zum ersten Kultautor des 21. Jahrhunderts?

Das nächste große Ding

Man muss auf jeden Fall mehr können als einfach nur schreiben. Zunächst braucht man einen guten Namen – den hat Joe Stretch. Das Aussehen spielt natürlich auch eine wichtige Rolle. Stretch ist ein hübscher Kerl, der aussieht, als hätte er schon mal gemodelt. Jung sollte man sein – Stretch wurde 1983 geboren. Außerdem hilfreich: Mitglied einer angesagten Electro-Death-Pop-Band zu sein. Ein eigener YouTube-Channel mit schrägen Leseperformance-Clips und eine Facebook-Seite sollten auch zum Repertoire gehören. Aber das Wichtigste bleibt trotzdem: Ein saucooles Buch zu schreiben, das einschlägt wie eine Bombe, etwas total Neues, "the next big thing". "Widerstand" scheint genau so ein Kracher zu sein.

Stretch lässt darin fünf junge Leute wie Tiere durch die Clubs und Stripbars Manchesters streifen. Ihre Welt dreht sich um Sex, ihre Welt ist Sex. Sie reiben sich kaputt an sich selbst und aneinander. "Sex ist ein erstickender Machtwettkampf. Gucken, glotzen, berühren, ficken, sich verlassen, vermissen, aufgeben, leben, es wieder versuchen und wieder, es versauen, anal, aufhören."

Die Jungs in "Widerstand" haben eine Dauererektion und kommen bei den Frauen so gut wie nie zum Stich. Ihr Leben scheint aus endlosem "Wichsen" zu bestehen. Die Mädchen werden für ein bisschen Kohle zu Sexsklavinnen, die sich ihre Orgasmen später beim Shoppen holen – und das ist nicht metaphorisch gemeint.

Die fünf sind auf der Suche nach Glück und suchen es im Sex. Von der Liebe haben sie auch schon mal gehört. Johnny, eine der männlichen Hauptfiguren, hat da seine Erfahrungen gemacht: "Die Liebe ist, als würde man Formaldehyd trinken oder den Kopf in gefrierendes Wasser tauchen." Sie suchen nach den immer härteren Kicks. Die Mädels treiben es schließlich mit Maschinen, die Jungs finden Gefallen daran, Frauen zu schwängern und die Kinder dann zum Spaß abzutreiben.

J. Stretch / ©C. Frazier Smith

Keine Kompromisse

Jedes zweite Wort, das aus den Mündern dieser Kaputten kommt, hat entweder mit einer Körperöffnung oder einer Körperflüssigkeit zu tun. Momente der Zärtlichkeit werden umgehend mit dem Hammer zerschlagen. Der Erzähler ist selbst nicht Teil des Geschehens; er schaut aus der nahen Zukunft auf unsere Gegenwart. Mit der Neugier eines Historikers beobachtet er den Beginn des 21. Jahrhunderts, eine Zeit, in der die Menschen sich "zu Tode fickten". In "Widerstand" gibt es keine Kompromisse. Diesem Sex-Inferno kann keiner entkommen.

Auch wenn Stretch sich in Interviews gern als Moralist gibt, der die Allgegenwart der Pornographie anprangert, ist es die Pornographie, die seinen Amazon-Verkaufsrang in die Höhe schnellen lässt. Solch detaillierte Analsex-Szenen hat es wirklich schon lange nicht mehr gegeben. Nach fast vierhundert Seiten Nonstop-Penetration wünscht man sich vielleicht, dass der erste Kultautor oder die erste Kultautorin der Nuller-Jahre wirklich etwas gewagt hätte – und ein Buch über Liebe geschrieben hätte. Aber die Liebe ist vielleicht nicht hart genug.

Joe Stretch: Widerstand
(Rowohlt 2008, 19.90 €)




Magdalena Taube ist 24 Jahre alt und lebt in Berlin. Sie ist Redakteurin der Berliner Gazette und du-machst.de.

Foto: ©Chris Frazier Smith



www.youtube.com/joestretch
Joe Stretch bei YouTube, hier kann man sich auch von dem Autor aus dem Buch vorlesen lassen

http://profile.myspace.com
Das MySpace-Profil von Joe Stretch

http://weareperformance.co.uk
Die Seite von Stretchs Band (we are) performance




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