
Die langen Beine in schwarze Röhrenjeans gesteckt, ein
einfaches graues T-Shirt über den schlaksigen Oberkörper geworfen, ein umwerfendes
Lächeln und genau die richtige Frisur auf dem Kopf – so springt Joe Stretch auf
die Bühne, um mit seiner Band aufzutreten. "I need a short sharp shock!",
kreischt er ins Mikrofon, das Publikum schwitzt, jubelt und tanzt. Die Lesungen
des jungen Mannes laufen ähnlich ab. Joe Stretch ist nämlich nicht nur Sänger
und Songwriter von (we are) performance,
sondern auch Schriftsteller. Gerade ist sein Debütroman "Widerstand"
erschienen.
In seiner Heimat England wird Stretch als der neue Kultautor
seiner Generation gefeiert, als eine wilde Mischung aus Bret Easton Ellis und
Michel Houllebecq. Aber wie genau wird man eigentlich zum ersten Kultautor des
21. Jahrhunderts?
Das nächste große
Ding
Man muss auf jeden Fall mehr können als einfach nur
schreiben. Zunächst braucht man einen guten Namen – den hat Joe Stretch. Das
Aussehen spielt natürlich auch eine wichtige Rolle. Stretch ist ein hübscher
Kerl, der aussieht, als hätte er schon mal gemodelt. Jung sollte man sein –
Stretch wurde 1983 geboren. Außerdem hilfreich: Mitglied einer angesagten
Electro-Death-Pop-Band zu sein. Ein eigener YouTube-Channel
mit schrägen Leseperformance-Clips und eine Facebook-Seite
sollten auch zum Repertoire gehören. Aber das Wichtigste bleibt trotzdem: Ein
saucooles Buch zu schreiben, das einschlägt wie eine Bombe, etwas total Neues, "the next big thing". "Widerstand" scheint genau so ein Kracher zu sein.
Stretch lässt darin fünf junge Leute wie Tiere durch die
Clubs und Stripbars Manchesters streifen. Ihre Welt dreht sich um Sex, ihre
Welt ist Sex. Sie reiben sich kaputt an sich selbst und aneinander. "Sex ist
ein erstickender Machtwettkampf. Gucken, glotzen, berühren, ficken, sich
verlassen, vermissen, aufgeben, leben, es wieder versuchen und wieder, es
versauen, anal, aufhören."
Die Jungs in "Widerstand" haben eine Dauererektion und
kommen bei den Frauen so gut wie nie zum Stich. Ihr Leben scheint aus endlosem "Wichsen" zu bestehen. Die Mädchen werden für ein bisschen Kohle zu
Sexsklavinnen, die sich ihre Orgasmen später beim Shoppen holen – und das ist
nicht metaphorisch gemeint.
Die fünf sind auf der Suche nach Glück und suchen es im Sex.
Von der Liebe haben sie auch schon mal gehört. Johnny, eine der männlichen
Hauptfiguren, hat da seine Erfahrungen gemacht: "Die Liebe ist, als würde man
Formaldehyd trinken oder den Kopf in gefrierendes Wasser tauchen." Sie suchen
nach den immer härteren Kicks. Die Mädels treiben es schließlich mit Maschinen,
die Jungs finden Gefallen daran, Frauen zu schwängern und die Kinder dann zum
Spaß abzutreiben.

J. Stretch / ©C. Frazier Smith
Keine Kompromisse
Jedes zweite Wort, das aus den Mündern dieser Kaputten
kommt, hat entweder mit einer Körperöffnung oder einer Körperflüssigkeit zu
tun. Momente der Zärtlichkeit werden umgehend mit dem Hammer zerschlagen. Der
Erzähler ist selbst nicht Teil des Geschehens; er schaut aus der nahen Zukunft
auf unsere Gegenwart. Mit der Neugier eines Historikers beobachtet er den
Beginn des 21. Jahrhunderts, eine Zeit, in der die Menschen sich "zu Tode
fickten". In "Widerstand" gibt es keine
Kompromisse. Diesem Sex-Inferno kann keiner entkommen.
Auch wenn Stretch sich in Interviews gern als Moralist gibt,
der die Allgegenwart der Pornographie anprangert, ist es die Pornographie, die
seinen
Amazon-Verkaufsrang in die
Höhe schnellen lässt. Solch detaillierte Analsex-Szenen hat es wirklich schon
lange nicht mehr gegeben. Nach fast vierhundert Seiten Nonstop-Penetration
wünscht man sich vielleicht, dass der erste Kultautor oder die erste
Kultautorin der Nuller-Jahre wirklich etwas gewagt hätte – und ein Buch über
Liebe geschrieben hätte. Aber die Liebe ist vielleicht nicht hart genug.
Joe Stretch: Widerstand
(Rowohlt 2008, 19.90 €)
Magdalena Taube ist 24 Jahre alt und lebt in Berlin. Sie
ist Redakteurin der Berliner Gazette und du-machst.de.
Foto: ©Chris Frazier Smith
www.youtube.com/joestretch
Joe Stretch bei
YouTube, hier kann man sich auch von dem Autor aus dem Buch vorlesen lassen
http://profile.myspace.com
Das
MySpace-Profil
von Joe Stretch
http://weareperformance.co.uk
Die Seite von Stretchs Band
(we are) performance
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