Die Aussterbenden
Von Goldammern, Biokost und Elefanten-Abschuss
Anne Haeming | 21.4.2008
Je weniger Tier- und
Pflanzenarten es gibt, desto leichter gerät das Gleichgewicht
der Natur aus dem Gleichgewicht. Das gilt nicht nur für die weit
entfernten Regenwälder, sondern gehört zum Alltag in
Deutschland, wie der Naturschützer Frank Neuschulz von der
Deutschen Umwelthilfe im Interview erklärt.
Herr Neuschulz, Säugetier des Jahres 2008 ist der Wisent. Ist
diese Art besonders bedroht?
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| Wisent |
Der
Wisent ist sicherlich ein besonders gutes Beispiel. Er war
ursprünglich in ganz Europa verbreitet und schon in der
Steinzeit Jagdbeute des Menschen. Anfang des 19. Jahrhunderts war er
fast ausgerottet. Damals gab es weltweit nur noch weniger als 100
Exemplare in Zoos. Dort wurden die Tiere nachgezüchtet und
wieder in den ostpolnischen Wäldern, ihrem letzten
Rückzugsgebiet, ausgewildert. Heute gibt es dort wieder mehrere
tausend.
Ab wann spricht man davon, dass eine Art vom Aussterben bedroht
ist?
Wenn
der Artbestand und somit die genetische Vielfalt auf einen kritischen
Schwellenwert zurückgefallen ist. Wie hoch dieser ist, kann von
Art zu Art unterschiedlich sein. Als Faustregel gilt, dass mindest 50
bis 100 Individuen notwendig sind.
Worauf kommt es noch an?
Für
das langfristige Überleben derart seltener Arten ist es wichtig,
dass möglichst viele Teilpopulationen in geografisch getrennten
Regionen bestehen. Für den Wisent reicht es also nicht, nur in
Ostpolen und in Weißrussland heute gesicherte Bestände zu
haben. Vor zwei Jahren wurde übrigens der Haussperling in
Deutschland zum Vogel des Jahres erkoren – um ein Bewusstsein dafür
zu schaffen, dass selbst ehemals häufige Vogelarten immer
seltener werden.
Der Haussperling? Normalerweise geht es bei
Artenschutzdiskussionen immer um exotische Tiere oder Pflanzen.
So
wird das öffentlich oft wahrgenommen, ja. Tatsächlich ist
ein Großteil der in Mitteleuropa heimischen Arten heute
bestandsgefährdet. Ganz verschwinden sie zum Glück selten,
weil die meisten über ein relativ großes Gebiet verbreitet
sind. In den Tropen ist das anders: Die Artendichten sind größer,
die Verbreitungsareale aber oft klein. Nehmen wir nur mal Costa Rica,
das ist so groß ist wie Niedersachsen. In Costa Rica gibt es
12.000 verschiedene Pflanzenarten. In ganz Deutschland sind es 3.000.
In Costa Rica gibt es 3.000 Hartholzarten, bei uns sind es gerade
einmal 30. Da können Sie sich vorstellen, wie viele Arten
verschwinden, wenn etwa wegen Rodungen eine Waldfläche von 1000
Quadratkilometern verschwindet. Häufig bleibt dieses Aussterben
übrigens unerkannt.
Was heißt das?
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| Frank Neuschulz |
Wissenschaftler
haben bis heute 1,7 bis 1,9 Millionen Arten weltweit beschrieben. Man
geht aber davon aus, dass es 30 bis 100 Millionen gibt. Der
allergrößte Anteil an Tier- und Pflanzenarten ist also
noch gar nicht bekannt.
Wieviele Arten sterben denn im Schnitt?
Weil
so viele unbekannt sind, ist das sehr schwer zu sagen. Man geht
jedoch davon aus, dass es etwa 150 Arten pro Tag sind – in
tropischen Regenwäldern. In Deutschland kann an einer
Pflanzenart das Leben von zehn bis 15 verschiedenen Tierarten hängen.
Etwa weil zum Beispiel Schmetterlinge ihre Eier nur an einer
bestimmten Pflanze ablegen. Das ist das Netz des Lebens.
Welche Arten werden denn etwa hier seltener?
Momentan
macht mir besonders der Niedergang der Ackervögel Sorgen:
Kiebitz, Feldlerche und Goldammer sind aufgrund intensiverer
Landnutzung enorm bedroht. Vor allem weil der Maisanbau zunimmt, wird
unsere Landschaft immer monotoner – die Artenvielfalt geht zurück.
In den Tropen ist zwar viel zu tun, bei uns sieht es aber auch nicht
viel besser aus.
Wieso wird das kaum thematisiert?
Die
Antennen für die „Artenkunde“ in der Natur sind bei den
meisten leider nur noch schwach entwickelt. In der Schule lernen die
Kinder zwar den Krebszyklus auswendig, aber sie erfahren nur selten,
wie man eine Heckenbraunelle vom Buchfinken unterscheidet.
Was könnte man denn etwa gegen die Bedrohung der Ackervögel
tun?
Das
können die Verbraucher selbst beeinflussen, indem sie zum
Beispiel konsequent mehr Biokost verlangen: Ein Bioacker fördert
die Artenvielfalt eindeutig mehr als ein Industrieacker.
Vor ziemlich genau 35 Jahren wurde das internationale Washingtoner
Artenschutzabkommen unterzeichnet. Was hat sich seither verändert?
Heute
wissen wir sehr viel mehr über die Prozesse des Aussterbens.
Auch das Bewusstsein für die Notwendigkeit des Artenschutzes
wurde deutlich geschärft. Unter anderem, weil es Erfolge gab,
die als Vorzeigeprojekte Mut machen. So konnte zum Beispiel der Panda
gerettet werden, der Bison bevölkert wieder Prärien in
Nordamerika und auch der Kalifornische Kondor fliegt jetzt wieder in
der Freiheit.
Was hat man denn von einer hohen Biodiversität?
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| Reifer Reis |
Es
gibt schon allein wirtschaftliche Gründe: Die Inhaltsstoffe von
Pflanzen stellen ein enormes Potenzial für die Pharmaindustrie
dar. Die großen Konzerne sind schon längst in den Tropen
aktiv und suchen nach Pflanzen, die sie für neue Medikamente
verwenden könnten. Auch für unsere Nutzpflanzen ist
Vielfalt wichtig: Wir nutzen nur noch ganz wenige Sorten Reis oder
Kartoffeln. Für die regelmäßige genetische
Auffrischung benötigt man jedoch immer wieder auch die
Wildformen. Für mich persönlich sind jedoch ethische Gründe
ausschlaggebend: Jede Art, die von der Erde verschwindet, fehlt uns.
Es mindert unsere Lebensqualität.
Inwiefern?
Es
besteht die Gefahr, dass Ökosysteme durch das Artensterben immer
labiler werden. Wenn etwa in einer Räuber-Beute-Beziehung eine
Art wegfällt – wer regelt dann das Gleichgewicht?
Lässt sich sagen, welche Arten als nächstes aussterben
werden?
Wenn
zum Beispiel in den Hochgebirgen die Gletscher abschmelzen, werden
die Hochgebirgslebensräume eingeengt oder verschwinden komplett.
Artengemeinschaften, die dort leben, sind deshalb besonders
gefährdet. Natürlich gab es schon immer klimatische
Veränderungen, aber der vom Menschen verursachte Klimawandel
verläuft außerordentlich schnell. So schnell, dass sich
die Arten und Lebensräume nicht darauf einstellen können.
Elefanten gelten als eine der bedrohtesten Arten. Momentan wird in
Südafrika diskutiert, sie zum Abschuss freizugeben, weil es zu
viele geworden sind. Was ist davon zu halten?
In
manchen Schutzgebieten sind in der Tat mittlerweile vertretbare
Dichtwerte überschritten, so dass die Tiere Schaden an der
Vegetation anrichten können. Weil es aber meistens nicht möglich
ist, eng gewordene Schutzgebiete entsprechend zu vergrößern,
kommt man dann um ein regulierendes Eingreifen kaum herum. Für
Naturschützer ist das natürlich bitter. Ich selbst arbeite
bereits seit über 30 Jahren im Naturschutz. Lassen Sie es mich
so sagen: Eine optimistische Veranlagung ist für diesen Job sehr
vorteilhaft.
Anne
Haeming schreibt als freie Autorin für Print- und Onlinemedien.
Sie lebt in Berlin.
ZUR
PERSON:
Frank
Neuschulz leitet die Abteilung Naturschutz bei der Deutschen
Umwelthilfe.
Fotos: Public Domain / Privat
www.artenblog.de
Wer
schon immer alles über Artenschutz wissen wollte, ist hier
richtig.
www.loveearth.com
Rettet-die-Erde-Seite
der BBC – ungewöhnlich vielfältig.
www.urbio2008.com
Hier
geht es um Biodiversität in Städten.
www.aga-international.de
Hier
gibt es Informationen der Aktionsgemeinschaft Artenschutz.
www.wisia.de
Artenschutzdatenbank
des Bundesamtes für Naturschutz.
www.duh.de
Seite
der Deutschen Umwelthilfe.