Neueste Nachrichten über Rapper Massiv oder Songs aus der Szene im Wedding? Obdachlosenspeisung der
Lifemakers – junge, moderne Muslime/innen aus Bonn, die dem Islam ein soziales Gesicht geben? Oder ungeschönte Fotos aus dem letzten Libanonkrieg mit zornigen Kommentaren deutscher Palästinenser/innen? Das ist ein winziger Ausschnitt dessen, wozu sich auf YouTube jede Menge finden lässt. Das Videoportal mit inzwischen mehr als sechzig Millionen Videos ist eben doch nicht nur ein Archiv für private Belanglosigkeiten. Betrachtet man es als Recherchetool, kann damit jede/r wie ein Ethnograf Entdeckungen machen.
Ob ausgeschnittene Clips aus TV-Programmen und Handys, Profi-Film oder billig produziertes Heimvideo – sie werden massenhaft heruntergeladen, ausgetauscht, kommentiert und diskutiert. Gleichzeitig wird YouTube für
Propaganda-Zwecke genutzt und stellt deshalb eine Reihe Fragen wie zum Beispiel zur Strafverfolgung in den Raum. Andererseits bietet die Schrankenlosigkeit an den Rand gedrängten Minderheiten die Chance, sich mit ihren Belangen darzustellen. Parallelgesellschaft? Bei YouTube wird sie ein Stückchen durchlässiger, die Erfahrung können alle machen, die dort mal wühlen gehen.
Fenster in die Parallelgesellschaft So zum Beispiel hat die junge Türkin Idil mit einfacher Videokamera in "
Mit Koffer, Kummer und Kismet – Mein Bobisch und ich" dokumentiert, wie sich ihr Vater als Ausländer gefühlt hat. Sami kam 1974 nach Berlin, wo er für Siemens im Akkord Waschmaschinen zusammenschraubte. Warum Deutschland nie Heimat geworden ist, fragt sie: "Wenn es so gewesen wäre, hätte ich mich gewehrt, hätte meine Rechte gesucht. Dort (in der Türkei) hätte ich meine Menschlichkeit gebrüllt, aber hier hab ich das nicht hinbekommen. Wir hatten immer Angst, Angst vor dem Auseinanderfallen der Familie, Zukunftsangst wegen der Kinder ... In unseren Träumen waren wir immer in der Türkei. Als was haben sie dich gesehen, wenn nicht als Mensch?" Im Gegensatz zu Sami pochen heute Einwanderer-Kinder auf ihre Rechte – das kann sich gegen Diskriminierung, aber auch gegen religiöse Bevormundung richten.
Wach auf, Schwester "
Wach auf, Schwester" – so der Titel eines Videos, das Muslima in Textbotschaften an die Züchtigkeit erinnert: "Es könnte sein, dass du zurzeit nicht islamisch gekleidet bist … Das Paradies gibt's nicht, ohne was dafür zu tun." Hier ist es spannend, die Kommentare dazu zu lesen: "Sehr schön … aber ich sehe keinen Bruder, der das Gleiche tut." Oder: "Was andere denken, ist mir egal … es ist nur, ich komm nächstes Jahr auf die Fachhochschule, und da sind nur Deutsche … in Bayern ist das nun mal der Fall, dass Lehrer sehr oft was gegen muslimische Schüler haben." Auch der spanische Kurzfilm "
Hijab" von Xavi Sala rollt das Thema Diskriminierung aus Sicht der Muslima auf. Die 15-jährige Fatima soll ihr Kopftuch absetzen, bevor sie die neue Klasse betritt, und wird von der Lehrerin über die Prinzipien der Gleichheit belehrt. Am Ende sind alle Schüler/innen individuell gekleidet, nur von der Muslima wird Anpassung erwartet. "Ich bin frei" – Basketballspielen und Schleier sind kein Widerspruch – das verkünden Frauen der
The Muslim American Society, MAS, die an amerikanischen Universitäten studieren.
Hijab - vom Modeaccessoire zum Kündigungsgrund Wer immer schon wissen wollte, auf welche Art der Schleier getragen werden kann – Modevideos wie "
Vharda" präsentieren die neue Muslimin nicht als undefinierbaren Sack, sondern als modern, cool und sexy. "
How to wear a Hijab" führt das Anlegen des Kleidungsstücks akribisch vor. Daneben gibt es ironischere Formen der Selbstinszenierung auch von College-Studentinnen (cynicalmd).
Unentschiedenen Muslima im Streit mit ihrem Arbeitgeber erteilt der deutsche Imam Pierre Vogel in einer Predigt zum Thema Kopftuch den Rat: "Vergiss den Arbeitgeber!" Er ruft Frauen, die wegen des Kopftuches kündigen wollen, zu Standfestigkeit auf, selbst wenn Eltern dies nicht unterstützen, weil sie um die berufliche Zukunft der Töchter bangen. Von der Angst vor noch mehr Ausgrenzung berichten übrigens auch nichtreligiöse Websites wie
Muslimische-Stimmen.de. Die mitreißenden wie manipulativen Reden von Pierre Vogel oder anderen wie Abdul Adhim Quamous aus der Neuköllner Al-Nur-Moschee, der größten arabischen Moschee in der Hauptstadt, verdienten in jedem Fall mehr kritische Aufmerksamkeit, besonders an Schulen. Beide sprechen mit ihrem autoritären Gestus vor allem junge Männer ohne Perspektiven aus bildungsfernen Schichten an, denen sie "Rettung" versprechen.
Erweckungsvideos Es gibt daneben "harmlose" Erweckungsvideos. Darin wollen junge Muslime/innen ein "normales Bild" von sich verbreiten. In "
Deutsche Familie im Islam" (Absender: drjonaspepper) erzählt ein junger Mann aus Potsdam, wie er mit 17 Jahren zum Glauben kam. Im Familienkreis bei sich zu Hause berichtet er von seinem neuen Leben ohne Materialismus und Abhängigkeiten vom Geld. Sympathisch wirkt die Konvertitin Aischa aus Köln in "
Spaß im Islam? Leben einer jungen Muslima". Ihre Antwort auf den Umgang mit dem Kopftuch: Nicht das Kopftuch, sondern die Persönlichkeit stünde für sie im Vordergrund. Muslime/innen sollten sich nicht auf ihre religiöse Identität festlegen lassen. Denn: "Islam kann man mit Genuss leben – das versuche ich."
Susanne Gupta lebt in Berlin. Sie schreibt für Magazine und für das Internet.
www.bpb.de/IslamismusSeit 9/11 hat ein Wort Hochkonjunktur: Islamismus. Aber was versteht man eigentlich unter Islamismus? Wie ist er entstanden? Und welche Erscheinungsformen gibt es? Eine Definition
www.bpb.de/GlaubenReza Aslan erzählt auf fesselnde Weise die Geschichte des muslimischen Glaubens vom Propheten Mohammed bis zur Gegenwart. Dabei behandelt er zahlreiche umstrittene Begriffe und Themen.
www.bpb.de/ElitenTerroristen, Schläfer und Ehrenmorde – das sind meist die Schlagzeilen, mit denen über Muslime in Europa berichtet wird. Dabei hat die große Mehrheit damit nichts zu tun. Mehr als 300 Muslime berichten in diesem Buch über ihr berufliches und gesellschaftliches Engagement.
www.islam.de/1639.phpEine Linkliste aus muslimischer Sicht
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