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Zwischen Tee und Mandelgebäck

Die Große Moschee von Paris

10.3.2008 | Isabella Kroth | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Wenn es Abend wird und der Lärmpegel auf den Straßen in Paris wieder ansteigt, wirkt es, als recke das Minarett stolz seinen Kopf. Schwalben ziehen dann dort vorbei, manche lassen sich auf den Mauern nieder, neben Mond und Stern, den Symbolen für die Grundpfeiler des Islam – Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosen, Ramadan und eine Wallfahrt nach Mekka. Die Große Moschee von Paris liegt inmitten eines der ältesten und geschäftigsten Viertel der Stadt. Das fünfte Arrondissement ist ein traditionelles Universitätsviertel, die Sorbonne und das Quartier Latin sind nur ein paar Gehminuten entfernt. Hier sind die Mieten teuer, die Menschen elegant, die Politik konservativ. Nachmittags drängen sich Besucher/innen um den Eingang der Moschee. Nicht um zu beten allerdings. Es ist der Tee-Salon, der sie anzieht, oder das Hammam, das auch Nicht-Muslimen/innen offen steht.

Samir nippt an seinem Minztee. Der 27-Jährige ist Algerier, aber den Glauben seiner Eltern, die vor über 30 Jahren nach Paris kamen, praktiziert er nicht mehr. "Für den Islam interessiere ich mich aber schon noch", sagt Samir. Um ihn herum herrscht geschäftiges Treiben: Ein Kellner bahnt sich den Weg durch die vielen Gäste, die nach einem freien Platz Ausschau halten. Um die niedrigen, goldenen Tische herum sitzen meist mehrere Menschen, die sich gerade eben erst kennen gelernt haben. Der Platz im Tee-Salon ist eben begrenzt und so passt sich die übliche französische Distanziertheit den Traditionen der islamischen Welt an. Den Tee und zuckersüßes Mandelgebäck, Baklava, gönnt sich Samir, nachdem er die Moschee von innen besichtigt hat. "Fast zwei Stunden lang war ich dort, es ist ein komisches Gefühl gewesen, fast alle Gläubigen dort waren Landsleute von mir."

Besucher/innen und Betende, ganz entspannt

Nach einer vorsichtigen Schätzung des französischen Innenministeriums leben mehr als vier Millionen Muslime/innen in Frankreich. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn es widerspricht dem Prinzip des neutralen, laizistischen Frankreichs, die Religionszugehörigkeit der Bürger/innen zu erfassen. Die meisten Muslime/innen kommen wie Samir aus Algerien, oder aus Marokko und Tunesien, den ehemaligen Kolonieländern Frankreichs.

Aber auch Schwarzafrikaner/innen und Einwanderer/innen aus dem Nahost gehören dazu. Nach amerikanischen Statistiken liegt die Zahl der Muslime/innen weitaus höher als bei französischen Schätzungen: Sie zählen rund sechs Millionen Muslime/innen – also rund zehn Prozent der französischen Bevölkerung. Egal welche Zahl nun stimmt: In jedem Fall ist der Islam die nach dem Christentum zweitgrößte Konfession im Land.

Die Große Moschee von Paris jedoch gehört zu den wenigen offiziellen Religionshäusern in Frankreich. Nur rund 100 Moscheen wurden extra gebaut. Der weitaus größere Teil, nämlich rund 1.400 weitere Räumlichkeiten, wurden zu Gebetsräumen umfunktioniert. Die ehemaligen Lagerhallen, Baracken, Hinterhöfe und Kellergewölbe ziehen meist ärmere Muslime/innen aus den Vorstädten an. Unzufriedenen Jugendlichen, die sich stigmatisiert und ausgegrenzt fühlen, versprechen radikal-islamistische Gruppierungen Halt. Sie predigen eine streng islamische Ausrichtung und Argwohn gegenüber dem freizügigen Lebensstil der westlichen Welt. Gleichzeitig aber erschweren sie damit die Integration dieser Jugendlichen in Frankreich.

Auf dem Innenhof der Großen Moschee von Paris ruft der Imam zum Gebet. Plötzlich eilen über den zuvor leeren Hof die Gläubigen, schlüpfen aus ihren Schuhen, verschwinden im Gebetssaal. Und dann kehrt wieder die gleiche Ruhe ein, die zuvor geherrscht hat. Nur ein paar Besucher/innen lugen neugierig zu den Betenden, schlendern über den Patio, fotografieren die mit arabischen Schriftzeichen verzierten Holztüren und Mauern. Vor dem Eingang des Gebetssaals wartet Serge, ein Philosoph. Er will die Gläubigen zu ihrer religiösen Einstellung befragen. "Hier bekomme ich wenigstens Antworten auf meine Fragen", sagt er und kritisiert damit andere muslimische Organisationen, wie etwa die Union des organisations islamiques en France (UOIF), die meist mit den radikal-islamistischen Muslimbrüdern verglichen wird und eine der größten Gruppierungen in Frankreich darstellt. Tatsächlich stellt sich eine junge Muslimin geduldig seinen Fragen. Inwiefern sich die Große Moschee von anderen muslimischen Organisationen unterscheide? "Sieht man das nicht", sagt Meryem und lacht. "Viele Frauen sind ohne Schleier hier zu Besuch – in anderen Moscheen wäre das nicht möglich."

Wegen ihrer moderaten Einstellungen zum Islam unterstützt auch die französische Regierung die Große Moschee. Als es etwa vor fünf Jahren darum ging, einen Präsidenten für den neu gegründeten Muslimrat zu finden, bestimmte der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy den Präsidenten der Großen Moschee, Dalil Boubakeur, für das Amt. Und das, obwohl andere Organisationen wie die UOIF deutlich stärker im Rat vertreten waren. Auch Boubakeurs Wiederwahl zwei Jahre später setzte Sarkozy durch.

Im Tee-Salon ist die politische Rolle der Großen Moschee den meisten Gästen egal. Sie genießen die Atmosphäre, den orientalischen Flair. Ein Spatz hat sich neben das Honiggebäck von Samir gewagt. Forsch pickt er nach den gehackten Pistazien. Es ist spät geworden. Das Minarett der Moschee ist im Dunkeln verhüllt, erst morgen wieder wird es die Gläubigen zum Gebet rufen.

Isabella Kroth schreibt für Zeitungen und Magazine. Sie lebt in München und Paris.

Fotos: ©Isabella Kroth


www.bpb.de/KleineGeschichteFrankreichs
Knapp, übersichtlich, handlich – dabei auf dem neuesten Stand und für Laien wie Fachleute gut lesbar: eine kleine Geschichte unseres westlichen Nachbarlandes Frankreich

www.eurotopics.net/de/magazin
Kopftuch-Streit, Terrorismus, Türkei-Beitritt: In vielen Debatten in Europa spielt die Frage eine Rolle, ob der Islam mit den europäischen Werten vereinbar ist. Könnte ein Euro-Islam die Antwort sein?

www.qantara.de
Das arabische Wort "qantara" bedeutet Brücke. Mit dem Internetportal Qantara.de wollen die bpb, die Deutsche Welle, das Goethe-Institut Inter Nationes e.V. und das Institut für Auslandsbeziehungen zum Dialog mit der islamischen Welt beitragen.

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nadjatbell | 12. Februar 2011

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