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Reborn Muslims?

Was sind die wichtigsten muslimischen Jugendbewegungen?

17.3.2008 | | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Man fährt gemeinsam ins Pfingstlager, trifft sich zum Billardspielen im Gemeindezentrum, pilgert zusammen zum Weltjugendtag. Christen/innen in Deutschland sind organisiert. Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) vereint über 650.000 junge Katholiken/innen. Die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend vertritt gut doppelt so viele, etwa 1,2 Millionen junge Gläubige – bundesweit, hierarchisch bis zu den Ortsgruppen hinab.

Anders die Situation der jungen Moslems in Deutschland. Sie sind hier aufgewachsen, sprechen fließend Deutsch und versuchen den westlichen Lifestyle mit ihrer Religiosität zu verbinden. Doch in den über 2.000 muslimischen Vereinen finden sie nicht, wonach sie suchen. "Sie wollen Fortschritt, Erfolg und verlangen nach Integration", sagt Julia Gerlach und schrieb ein Buch über sie, "die Pop-Muslime". Die zweite, bedeutende Strömung ist der Salafi-Islam, die in Deutschland vor allem durch den charismatischen Prediger Pierre Vogel an Beliebtheit gewinnt. fluter.de sprach mit der Journalistin und Autorin Julia Gerlach, Autorin des Buches "Zwischen Pop und Dschihad".

Sie sprechen in Ihrem Buch von einer neuen islamischen Jugendbewegung. Sind die jungen Moslems auf dem Weg sich zu organisieren?

Nein, ich glaube, man kann das nicht sagen, weil es ja gerade hier in Deutschland so ist, dass es so sehr viele verschiedene einzelne Geschichten gibt. Wenn man sich anschaut, wo die einzelnen Familien herkommen – da gibt es bosnische und türkische und arabische und iranische Herkunftsfamilien. Dann sind sie unterschiedlich lange hier und inzwischen gibt es auch viele deutsche Muslime. Sie alle verstehen sich sehr unterschiedlich, haben eine sehr unterschiedliche Identität, haben eine sehr unterschiedliche Geschichte und haben – wenn man mal auf die Jugendkultur schaut – auch sehr unterschiedliche Szenen. Generell kann man nur sagen, dass die jungen Moslems, ab zehnte Klasse etwa, sich in der Moschee ihrer Eltern nicht mehr so wohl fühlen.

Das hat einmal mit dem normalen Abnabeln von zu Hause zu tun und zum anderen, weil sie auch nicht verstehen, was die Imame sagen. Das ist wegen der Sprache so oder weil sie finden, dass die Imame sozusagen von einem anderen Stern kommen. Sie sind keine geeignete Vorbildperson mehr, weil sie vielleicht gar nicht wissen, wie es sich als junger Moslem hier in Deutschland lebt.

J. Gerlach / Foto: C. Wiens

Sie haben den Begriff "Pop-Islam" geprägt. Was genau verstehen Sie darunter?

Der Pop-Islam ist eine Form von streng religiöser, islamischer Jugendkultur. Es ist eine Bewegung, die aus der arabischen Welt kommt, die es aber auch in der Türkei oder Indonesien gibt. Es ist eine islamisch orientierte Jugendbewegung, die eine Art Remix macht. Sie nehmen die Symbole der westlichen Popkultur, versehen diese mit islamischen Vorzeichen und machen daraus etwas Neues. Sehr charakteristisch ist, dass dazu eher erfolgreiche Jugendliche zählen, die eine gute Ausbildung haben und die aus der Mittelschicht kommen.

Es sind die Jugendlichen, von denen man bislang gedacht hatte: "Naja, es dauert noch ein paar Jahre und dann sind die so wie wir", also wie der Westen, dass sie ihre Religion also hinter sich lassen würden. Das ist aber nicht passiert, sondern es ist die Parole entstanden, etwas aus seinem Leben zu machen – in einer Art protestantischer Ethik. Denn dieser Erfolg ist gottgewollt. Zugleich ist es eine sehr politische Bewegung. Denn nach den Worten des ägyptischen Predigers Amr Khaled wird das dann zur Nahda, also zur Renaissance der Umma führen. Und verfolgt man diesen Ansatz zurück, dann landet man bei Hassan al-Banna, dem Gründer der Moslembruderschaft, der auch über Bildung und den individuell bürgerlichen Ansatz von unten die Verbesserung der Gesellschaft angestrebt hat und als großes Ziel eine gute islamische Gesellschaft von unten vor Augen hatte.

Die andere bedeutende Jugendbewegung ist der Salafi-Islam. Als Prediger ist hier Abu Hamza, der deutsche Ex-Boxer Pierre Vogel, sehr gewichtig. Er ist Deutschlands prominentester Prediger der Konvertitenszene. Was macht ihn für die jungen Moslems so interessant?

Es ist auch ein Remix, was Pierre Vogel macht, das zeigt sich in der Art, wie er auftritt, wie er redet und wie er Jugendkultur und das Leben als Moslem hier in Deutschland mit bestimmten islamischen Botschaften mixt. Er grenzt sich dabei ganz klar vom traditionellen Islam ab. Man denkt zwar zunächst, er trägt gerne Galabija, dann hat er sein Bärtchen und sein Käppi, aber was er darstellt und predigt, ist etwas ganz Neues. Und gerade wenn man sich in dem Spektrum die Kleidung anschaut – bei Jugendkultur bietet sich das an –, da ist dann wichtig, wie lang die Galabija ist. Und es gibt die Diskussion um Sunna-Kleidung. Da sind ganze Chats und Foren voll damit, wie die Kleidung zu sein hat und ob man diese jetzt durch Jeans und T-Shirt ersetzen darf und ob das T-Shirt dann bedruckt sein darf mit "I Love My Prophet", also ob man sich durch seine Kleidung so weit ausgrenzen muss, um den Geboten des Islam gerecht zu werden. Denn in einer Galabija geht es sich eben nicht so gut in die Schule.

Das Internet spielt also eine wichtige Rolle, hilft beim Austauschen und Beantworten von Fragen?

Beim Popislam und beim Salafi-Islam, was im Moment die beiden Trend-Bewegungen in Deutschland sind, ist das Internet sehr wichtig, weil es eben keine richtigen Organisationen gibt. Es gibt natürlich die Muslimische Jugend in Deutschland und andere. Aber viel funktioniert über Internetplattformen wie waymo.de (A.d.R.: Interaktive Medienplattform für Moslems), man schaut, was auf Amr Khaleds Webseite steht. Und es gibt das Kreativwerk, eine Initiative von jungen Muslimen, die Wettbewerbe machen wie "Zeig mir den Propheten". Das läuft dann bei den Popmuslimen über Mailinglisten oder bestimmte Foren. Im Salafi-Spektrum ist es so, dass die komplette Szene über Internetauftritte von einzelnen charismatischen Predigern funktioniert und weiteres daran angedockt wird. Man bezieht sich untereinander aufeinander und die entsprechenden Prediger sind dann eine Art Gütesiegel, weil die User sonst kaum unterscheiden können, welche der vielen Webseiten verlässlich und glaubwürdig für sie sind. Aber auch auf StudiVZ wird groß diskutiert. Gerade zu dem Kreativwettbewerb "Zeig mir den Propheten", wo die Teilnehmer auch aufgefordert waren zu singen und zu tanzen – worin ja nicht alle der Meinung sind, dass das erlaubt ist. Im Internet kann dann diskutiert werden: "Was können wir anpassen?", "Was dürfen wir nicht anpassen?" und eben "Was ist der richtige islamische Lifestyle?", sowohl in Sachen Mode, aber auch ganz entscheidend in der Frage zum Leben in Deutschland.

Wohin werden sich die verschiedenen Strömungen entwickeln?

Es ist schwer zu sagen, welche Strömung im Moment stärker ist: Der Pop-Islam oder der Salafi-Islam. Schaut man im Internet, dominiert eindeutig die Salafi-Richtung. Schaut man in der Fußgängerzone oder an der Uni, scheint der Pop-Islam stärker zu sein. Dieser Eindruck kommt aber auch daher, dass sich die Lebensformen der Jugendlichen unterscheiden. Der Pop-Islam ist sicherlich besser mit dem Leben in Deutschland vereinbar. Allerdings fehlt dieser Strömung das theoretische Fundament und so landen die, welche sich auf Deutsch über ihre Religion informieren wollen, dann doch bei Pierre Vogel und Co. Islamische Bildung in deutscher Sprache ist nach wie vor Mangelware und diese Leerstelle besetzen im Moment noch die Salafis.

alle Fotos: ©Links Verlag



Strömungen, Vereine und Organisationen im Überblick

Organisation Lifemakers

Zielgruppe: Kinder der eingewanderten Arbeitsmigranten/innen
Motiv: "Wir wollen uns nützlich machen und gute Moslems sein."
Aktionen: Deutschkurse, Gotteshaus-Putzen, Armenspeisungen ...
Status: Verliert an Beliebtheit

"Vermutlich, weil es eine Modewelle war und die jungen Leute jetzt 15 Mal Butterbrote an Obdachlose verteilt haben und jetzt einfach(( keine Lust))keinen Bock mehr haben." (Julia Gerlach)

Mitgliederzahl: schwindend
Kennzeichen: bildungsoffensiv
Prediger: Fethullah Gülen
Kritik: Eine Art Seilschaft

Strömung Pop-Islam

Zielgruppe: Kinder der Mittelschicht mit westlichem Lifestyle
Motiv: Remix aus Pop und Islam
Status: Sehr beliebt

"Eine trendy Bewegung, der vorgeworfen wird, dass sie seicht sei, dass die Botschaften nicht fundiert, religiös begründet sind und alles etwas locker daherkommt." (Julia Gerlach)

Kennzeichen: Mainstream
Prediger: Amr Khaled

Strömung: Salafi-Islam

Zielgruppe: Neue Muslime/innen. Sowohl bei Konvertiten/innen als auch bei wiedergeborenen Muslimen/innen ist diese strenge Richtung besonders beliebt.
Motiv: Möglichst keine Kompromisse machen, wörtliche Befolgung der Lebensweise der frühen Muslime/innen
Status: Sehr beliebt

"Die Wurzeln stammen vom Wahhabismus, der für eine sehr wortgetreue, strenge Auslegung des Korans steht. Sie beziehen sich zwar rückwärts, was sie tun, ist aber neu." (Julia Gerlach)

Kennzeichen: stark korangetreu
Prediger: Pierre Vogel

Organisation: Islamische Gemeinschaft Milli Görüş e.V. (IGMG)

Zielgruppe: türkischstämmige Jugendliche
Motiv: Dachverband
Aktionen: Gegen Kopftuchverbot
Status: "spießig"

"Sie haben immer eine Tagesordnung. In Jugendsprache würde man vielleicht sagen: Die sind etwas spießiger (als die Lifemakers)." Julia Gerlach

Mitgliederzahl: 26.500
Kennzeichen: gut organisiert
Kritik: Ideologisierung des Islam. IGMB wird vom Verfassungsschutz beobachtet.

Organisation: MJD - Muslimische Jugend in Deutschland

Motiv: religiöser Dialog
Aktionen: jährliches MJD-Meeting, vermittelt Stipendien ...

"Es gibt Parallelen zur Moslembruderschaft. Oft heißt es deshalb: 'Aha: radikal, fundamentalistisch, führt zum Dschihad.' Aber es ist dumm, sie in diese Kiste zu stecken, denn es gibt auch ganz andere Strömungen." (Julia Gerlach)

Mitgliederzahl: über 250 Vereine
Kritik: Parallelen zur Moslembruderschaft

Links:

www.waymo.de
Die muslimische Multimediaplattform, ein Mix aus YouTube und MySpace

www.medienprojekt-wuppertal.de/v_85.php
"Junge Moslems in Deutschland", eine Dokureihe über junge Moslems, initiiert und produziert vom Medienprojekt Wuppertal

LITERATUR :
Julia Gerlach: Zwischen Pop und Dschihad. Muslimische Jugendliche in Deutschland (256 Seiten, Links Verlag 2006, Preis 16,90 €, oder als Band 593 der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bestellnummer 1539, 4 €)
ISBN-10: 3861534045
ISBN-13: 978-3861534044


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