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Zwischen Himmel und Erde

Verbotene Liebe an der Uferstraße des Nil

29.3.2008 | Nelly Youssef | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Heute ist ein schöner Tag mit leichtem Wind, der einen dazu bringt, am Nil entlangzuspazieren. Ich sagte mir, nach der Arbeit mache ich einen kurzen Spaziergang über die Kasr-Al-Aini-Brücke. Obwohl ich die zauberhafte Luft genoss, ärgerte ich mich, denn die ganze Brücke war auf beiden Seiten über und über voll mit jungen Frauen und Männern, ein Paar nach dem anderen.

Ich erinnerte mich an ein Lied, in dem es heißt: "Alle, die lieben, sind zu zweit, zu zweit, doch du, mein Herz, wo ist dein Liebster." Ich setzte meinen Spaziergang fort und gelangte auf die Gabalaya-Straße, die zum Turm von Kairo führt; diese Straße wird auch "Straße der Verliebten" genannt, da sich in ihr die verliebten Pärchen verstecken, um einige Augenblicke der Liebe für sich allein zu sein – fern von der Ablehnung dieser Liebe durch die Eltern und die Gesellschaft.

Plötzlich einsam

Trotz des beschwerlichen Weges für ein Mädchen alleine – ohne Freund – ging ich weiter bis zum Turm von Kairo und löste dort ein Ticket, um zur Spitze hochzufahren. Ich war fast die die Einzige, die für sich alleine ein Ticket löste, die Warteschlange bestand ansonsten nur aus Touristen und Liebespärchen. Aber was ich angefangen hatte, wollte ich zu Ende bringen und fuhr den Turm hinauf. Oben im Turm wimmelte es nur so vor Liebespärchen, vor Küssen und Umarmungen, die alle Paare austauschten.

Obwohl wir in der Zeit von Internet und Computer leben, und obwohl es aufgeschlossene Eltern gibt, ist die Liebe in Ägypten noch immer ein Tabuthema. Liebespärchen müssen sich an solchen Orten verstecken, für viele sind sie die letzte Zuflucht – das Gras an der Uferstraße oder der Turm, ganz nah am Himmel.

Gezwungen zum Lügen

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Ich hörte, wie ein Mädchen zu seiner Mutter am Handy sagte, "Ich bin mit einer Freundin beim Einkaufen", und ich dachte an den Kurzfilm "Blick in den Himmel", den ich im Kreativitätszentrum des Opernhauses gesehen habe. Es geht darin um ein Mädchen in der Pubertät, das an der Brücke des Sechsten Oktobers ein heimliches Rendezvous mit einem jungen Mann hat. Sie wird von ihrem Onkel gesehen und von dem gegenüber ihrem Vater derart zum Lügen und zur Verleugnung gezwungen, dass dieser mit dem Koran zu ihr kommt und sie sogar auf ihn schwören lässt. Sie schwört, dass das Gelogene die Wahrheit sei, leidet weiter und sperrt sich selbst im Haus ein, um ihre Lüge zu sühnen.

Überall sieht man, wie die Verkäufer von Rosen, Lupinen und Erfrischungsgetränken ihre Ware an die Liebespärchen an der Uferstraße verkaufen. Kauft man nichts bei ihnen, dann bleiben sie stehen und stören das romantische Treffen des Paares. So zwingen sie die meisten von ihnen zum Kauf ihrer Ware, und als Gegenleistung schweigen sie dann.

So ist die Uferstraße zum einen ein Treffpunkt für arme Kleinhändler geworden, die ihre "Sorgen" verkaufen und so die Situation der anderen ausnutzen. Sie ist aber auch Treffpunkt für Liebespärchen geworden, die die schwierige Situation, auch die schwierige wirtschaftliche Situation dazu zwingt, zum Nil zu gehen und an dessen Ufern ihre unterdrückten Gefühle herauszulassen – ohne dafür zu bezahlen. Denn die meisten von ihnen können sich das neue Phänomen namens "Minimum Charge" – eine neue Mode in den Cafés: Gäste werden verpflichtet, ein variierendes Mindestumsatzentgelt zu entrichten – nicht leisten. Es bleibt ihnen außer der Uferstraße nichts anderes Kostenloses übrig.

Ich habe Eltern, mit denen ich offen über alle Themen sprechen kann. Ich wurde mit Vertrauen und Unterstützung erzogen. Die meisten Mädchen, auch viele meiner Freundinnen, können mit ihren Eltern jedoch nicht über die Liebe sprechen, weil die Liebe als Tabuthema zum Bereich der Schande und des Verbotenen zählt.

Eines Tages sagte mein Vater zu mir: Wenn wir sehen, wie die jungen Frauen und Männer heutzutage an der Uferstraße so "aneinander kleben", dann wäre das im Gegensatz zu früher eine Herausforderung an die Gesellschaft. Diese Frauen und Mädchen lebten ethische Liebesgeschichten voller romantischer Liebe. Früher gab es solche Szenerien am Nil nicht und wesentlich mehr Strenge und Unterdrückung. Die Theorie besagt: Je mehr die Unterdrückung und das Einengen zunehmen, desto stärker sträubt man sich dagegen und umso eher kommt es schließlich zu einem Ausbruch. Die jungen Frauen und Männer haben sich entschieden, gegen ihre Wirklichkeit zu rebellieren. Sie treffen sich an besonderen Orten – ohne sich darum zu kümmern, was um sie herum geschieht, als lebten sie in ihrer eigenen Welt.

Die harten Regeln der Gesellschaft

Mein Vater sagte auch: "Die Liebe ist nicht verboten. Ja, die göttlichen Religionen stützen sich sogar alle auf den Gedanken der Liebe. Doch diese Jugendlichen fanden nicht den idealen Weg, ihre Liebe auf normale Art und Weise vor den Augen ihrer Familie und der Gesellschaft zu zeigen und zu leben. Ein Mädchen, das sich in einen jungen Mann verliebt, wünscht sich natürlich eine Bindung mit ihm und eine Heirat, doch wenn er zu ihr nach Hause kommt, um bei ihrem Vater um ihre Hand anzuhalten, beginnen die Eltern unbewusst Forderungen aufzustellen, die kein junger Mann in heutiger Zeit in Ägypten erfüllen kann. Und da keiner sich gegen seine Liebe wehren kann, bleiben als Lösung nur Lügen und Flucht weit weg von den Eltern und allen anderen, um diese Momente heimlich zu leben, wie wir es heutzutage überall sehen."

Das Problem kommt also von der Gesellschaft, es ist nicht ein Problem des Einzelnen. Ob wir wollen oder nicht – wir sind beteiligt an der Entwicklung solcher Szenen, indem wir nicht berücksichtigen, wie viele und wie viel verschiedene junge Männer und Frauen es gibt. Die Mädchen benötigen aufgeweckte, offene Eltern, um mit ihnen über alles, was in ihrem Leben geschieht, sprechen zu können, damit diese Eltern sie mit freundschaftlichem Rat, mit Ruhe und Vertrauen unterstützen und nicht mit Härte vorgehen, wie heutzutage in den meisten ägyptischen Familien. Wir haben es versäumt, den Jugendlichen Chancen für einfache Arbeiten bereitzustellen; anstatt sie zu unterstützen, ignorieren wir ihre Forderungen und ihre Visionen und belasten sie mit einem Übermaß an Schande, Vorschriften und Verboten.

Und das vielleicht Wichtigste: Unsere Gesellschaft gibt jungen Paaren keine Möglichkeit, sich vor der Heirat gut kennen zu lernen – auch wenn sie sich an die moralische Anforderung der Gesellschaft halten würden –, so dass sich ihre Beziehung gesund entwickeln kann.

Nelly Youssef ist 27 Jahre alt und arbeitet als Journalistin bei der Zeitung Al-Akhbar.

Dieser Text erschien zuerst bei Li-Lak – mit freundlicher Genehmigung von Li-Lak, der deutsch-arabischen Jugendwebsite.

Fotos: ©Ibtihal Shedid, LiLak



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www.wikivoyage.org/de/Kairo
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