Poetischer Versuch über Tiere und Menschen

dialogue_en_perspective | 18.02.12 16:34 | 0 Kommentar(e) | » zum Blog: Berlinale im Dialog - der Blog zur 62. Berlinale

Im Rahmen von „Dialoge en perspective“ wird unsere siebenköpfige Jury ein Gespräch mit dem kanadischen Filmemacher Denis Coté führen. Sein aktueller Film Bestiaire ist auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion Forum zu sehen. Irgendwo zwischen Dokumentar- und Essayfilm angesiedelt, funktioniert Bestiaire ohne Dialoge und setzt auf die assoziative Kraft der Montage.

Für seine Versuchsanordnung hat Coté ein Zeichenatelier, einen Wildpark und die Werkstatt eines Tierpräparators ausgesucht. Man möchte meinen, dass ein solcher Versuch Langeweile provozieren könnte, doch Denis Coté gelingt es, den Zuschauer durch ungewohnte Kameraeinstellungen zu fordern und zugleich in eine sonderbar kontemplative Stimmung zu versetzen.

Dabei ist Bestiaire gespickt mit Momentaufnahmen und Bildern, die in ihrer Fragmenthaftigkeit beinahe skurril wirken: Ein tierisches Ohr wedelt uns entgegen, ein Pferdetorso taucht im unteren Bildrand auf, ein Alpaka-Kopf blickt uns wiederkäuend an. Dann sehen wir Rinder, die dem Klicken einer Stalltür entgegenpoltern, Schimpansen, die trotzig ihre Ration Obst durch Gitterstäbe hindurch fassen, und Rehkitze, die im Streichelzoo von Kinderhänden begraben werden.

Grausam wird es, wenn uns die Kamera nüchtern und forschend am Prozess des Ausstopfens teilhaben lässt. Die morbide Facette in der Interaktion von Mensch und Tier wird hier deutlich sichtbar gemacht und zieht ihr Echo durch den gesamten Film.

Bestiaire ist aber nicht als reine Polemik gegen Tierhaltung im Allgemeinen zu verstehen. Vielmehr kann der Film als poetischer Versuch gesehen werden, dem stetigen Ungleichgewicht, den Widersprüchen und Störungen in der Beziehung zwischen Menschen und Tieren nachzugehen.

Der voyeuristische Blick zieht sich vom Zeichenkurs über den Tierpark bis hin zum Präparator und somit zurück zum Anfang. In dieser Kreisbewegung befragt Coté sowohl inhaltlich als auch formal unsere Sehgewohnheiten und eröffnet neue Möglichkeiten, mit offener Dramaturgie umzugehen.

Visuell erfreut Bestiaire besonders Liebhaber jener kargen Ästhetik, die schon aus Caracasses  (2009) oder Curling (2010) bekannt ist. Bemerkenswert ist auch der eindringliche Sound, der sich kongenial mit den Bildern verbindet. Es liegt letzten Endes beim Betrachter, sich auf das Zusammenwirken der Eindrücke einzulassen.

von Deniz Sertkol

Zum Berlinale Blog   

Kinofilme auf fluter.de


 

Berlinale 2012: Die Jury begegnet Denis Côté



Neuer Kommentar

Um Kommentare abgeben zu können, musst Du als User/in registriert und eingeloggt sein.

Mediathek