Schafe zählen

dialogue_en_perspective | 15.02.12 14:23 | 0 Kommentar(e) | » zum Blog: Berlinale im Dialog - der Blog zur 62. Berlinale

Panoramablick auf eine schneebedeckte Wiese im Morgengrauen: 800 Schafe stehen dichtgedrängt aneinander. Neben ihnen bewegt sich eine große Felldecke. Darunter liegen Pascal und Carole, die Hirten. Der Dokumentarfilm Hiver Nomade von Manuel von Stürler dokumentiert Freiheit und Leidenschaft auf eine ganz besondere Art: Schlafen, Kochen, Leben unter freiem Himmel, bei jedem Wetter zu Fuß unterwegs sein, die Tiere so gut kennen, dass jedes Geräusch, jede Bewegung vertraut ist.

Ein vergessener Beruf

Die Qualität des Grases bestimmt ihren Weg. Mit den Hirten und den Schafen wandert der Zuschauer durch die verschneite Schweiz. Es ist ein Weg der Gegensätze: Ruhepausen in der Mittagssonne, sternenklare Nächte und prasselnde Feuer. Aber auch Dauerregen, extrem harte Arbeit, keine Privatsphäre. Die idyllische Natur ist immer wieder durchzogen von Schnellstraßen und Neubausiedlungen. Freunde der Schäfer, die sie beherbergen, wechseln sich ab mit wütenden Bauern, die den Hirten den Weg versperren, und Passanten, die verträumt die Schafe betrachten.

Neben den Mahlzeiten am Feuer wird der Besuch im Supermarkt zur absurden Situation. Ebenso wie die Geschäftsinteressen des Züchters neben der Hingabe der Schäfer zu ihrer Arbeit. Das bindende Element zwischen diesen Gegensätzen ist die Situationskomik. Die Momente, in denen die Tiere menschliche Züge zeigen.

Die Bilder erzählen die Geschichte

Stilistisch ist Hiver Nomade sehr klar und stringent mit langen Einstellungen und großen Panorama-Bildern. Es fällt auf, das von Stürler Berufsmusiker ist, denn der Ton spielt in dem eher leisen Film eine besondere Rolle. Das Knacken der Hölzer, fallende Regentropfen, das Schnauben der Tiere, all das lenkt die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf Details. Während die sparsam eingesetzte Musik unter den Landschaftsaufnahmen dem Film eine schwebende Atmosphäre verleiht.

Die Kamera ist immer dabei, aber mischt sich nie ein. Es gibt keine Interviews, keinen Kommentar. Alles, was wir erfahren, erfahren wir aus den Gesprächen der beiden Schäfer. Belangloses, Diskussionen und Schweigen beschreiben die Beziehung zwischen dem alten Hirten und der jungen Frau, die sich erst seit Kurzen zu diesem Leben berufen fühlt. Diese interessante Beziehung wird allerdings zu wenig beleuchtet, und viele Fragen über die Beweggründe der beiden Protagonisten bleiben offen.

Hiver Nomade ist ein Film, der die Sehnsucht nährt, auszusteigen, auch wenn ein solcher Ausstieg kaum noch zu verwirklichen ist.

von Franziska Hessberger

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