„Die Rote Traumfabrik“ - Möglichkeiten einer Gesellschaft

dialogue_en_perspective | 12.02.12 16:49 | 0 Kommentar(e) | » zum Blog: Berlinale im Dialog - der Blog zur 62. Berlinale

Zwischen den Jahren 1922 und 1936 rückten Deutschland und die Sowjetunion in filmhistorischer Hinsicht eng zusammen. Im russischen Filmstudio Meschrabpom und seinem deutschen Ableger Prometheus entstanden in dieser Zeit etwa 600 Filme. Unter dem Titel „Die Rote Traumfabrik“ hat Rainer Rother, Leiter der jährlichen Berlinale-Retrospektive, um die 40 Arbeiten aus dieser Zeit zusammengestellt und setzt sowohl auf bekannte Klassiker wie Panzerkreuzer Potemkin (Bronenosez Potjomkin, 1924) und Sturm über Asien (Potomok Tschingis-chana, 1929) als auch auf zahlreiche Neu- und Wiederentdeckungen. Mal mehr, mal weniger durchdrungen von sozialistischer Ideologie, widmen sich die Filme dabei nicht nur der Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch einer möglichen Zukunft. Wie könnte also eine ideale Gesellschaft aussehen? Oder ihr genaues Gegenteil?

Einer sozialistischen Utopie widmet sich etwa Nikolai Ekks Der Weg ins Leben (Putjowka w schisn, 1931), bei dem es sich um den ersten russischen Tonfilm handelt. Basierend auf der gleichnamigen Schrift des Pädagogen Anton Makarenko wird hier die verwahrloste Jugend Russlands gerettet. Zunächst macht eine Gruppe minderjähriger Obdachloser die Straßen Moskaus mit Diebstählen unsicher, was Ekk gleich zu Beginn in einer souverän montierten Szene vorführt. Als die Jungen schließlich nach einer Razzia festgenommen werden, tritt ein selbstgefälliger sozialistischer Supermann mit dem Namen Sergejew auf. Er schafft es schließlich, Mustafa, den Anführer der Gang, zu überreden, sich gegen das Gefängnis und für das Leben in einer Kommune zu entscheiden. So sehr der Film ansonsten mit der Behandlung von Jugendkriminalität und dem Einsatz von Laiendarstellern um Authentizität bemüht ist, bleibt diese idealisierte, auf Makarenko basierende Figur reines Propagandawerkzeug.

Doch auf seine Funktion als reiner Träger einer Ideologie lässt sich der Film nicht reduzieren. Mit einer breiten Palette an filmischen Stilmitteln, vom dokumentarischen Blick bis zu expressionistischen Lichtsetzungen, erzählt Der Weg ins Leben, wie sich die Kleinkriminellen langsam in ehrenhafte Arbeiter verwandeln. Dass es sich dabei um kein einfaches Anliegen handelt und von den Jungen großes Durchhaltevermögen gefordert ist, um eine ganze Reihe von Widerständen zu überwinden, lässt der Film dabei nie außer Acht.

Während Nikolai Ekk seinen Zuschauern demonstriert, wie sich eine kranke Gesellschaft kurieren lässt, präsentiert Aleksandr Andrijewski einige Jahre später ein Worst Case Scenario. Der Untergang der Sensation (Gibel sensazii, 1935) ist ein skurriler Science-Fiction-Film, der vor den Folgen der Industrialisierung warnt. Um das heimische Publikum dabei nicht zu sehr in Angst und Schrecken zu versetzen und dem Klassenfeind den Schwarzen Peter zuzuschieben, ist der Film in einem nicht näher definierten englischsprachigen Land in der Zukunft angesiedelt. In den Fabriken sind die Arbeiter nur noch Diener der Maschinen. An Arbeitswillen mangelt es ihnen nicht. Sie können nur den hohen Ansprüchen des Kapitalismus nicht mehr gerecht werden.

Der Ingenieur Jim Ripple steht irgendwo zwischen einfachen Arbeitern und geldgierigen Bossen. Sein Job ist es, die Produktion immer weiter zu optimieren. Als er eine Arme von Robotern entwickelt, die er mit einem Saxofonsolo zum Leben erweckt, ist ihm noch nicht klar, was er damit anrichtet. Erst überwirft er sich mit seinem Bruder, einem Arbeiterführer, dann folgt ein symbolträchtiger Krieg zwischen Mensch und Maschine.

Andrijewski erzählt eine durchgeknallte Dystopie mit dämonisierten Kapitalisten und tanzenden Robotern. Die stärksten Momente des Films sind dabei jene, in denen die verzerrte Sichtweise des zunehmend dem Wahnsinn verfallenden Protagonisten visualisiert werden wird. Der Untergang der Sensation ist ein inszenatorisch wie inhaltlich ausufernder Film über die Schattenseiten des Kapitalismus. Seine Warnung an kommende Generationen vereint ihn trotz starker stilistischer Differenzen dann auch wieder mit Der Weg ins Leben: Den Menschen bloß nicht aufgeben!

von Michael Kienzl

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