Raus aus der Schleife

Wann ist ein Praktikum noch sinnvoll?

19.2.2008 | Tobias Goltz | Kommentar schreiben
Die Macher vom Verein Fairwork über die Generation Praktikum, faire Praktika und einen Mindestlohn für Praktikanten/innen.
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Wann sollte man ein Praktikum machen? Wie viele Praktika sind zu viel im Lebenslauf? Und wann sollte man erst gar nicht den Vertrag unterschreiben? Frank Schneider und Susanne Rinecker vom Verein Fairwork über die Generation Praktikum und faire Praktika, absolute No-Nos und einen Mindestlohn für Praktikanten/innen.

Wenn über junge Berufsanfänger gesprochen wird, ist häufig von der "Generation Praktikum" die Rede. Ist das aus eurer Sicht eine treffende Bezeichnung für die Situation von Hochschulabsolventen?

Frank Schneider

Schneider: Jeder Begriff ist natürlich ein Hilfskonstrukt, mit dem man nicht alles abbilden kann. Ich denke aber schon, dass die "Generation Praktikum" ein zutreffender Begriff ist. Denn das Phänomen, dass junge Leute Praktika machen, hat deutlich zugenommen. Das belegen auch die Studien, die in diesem Jahr dazu erschienen sind. Im Umkehrschluss heißt das hingegen nicht, dass 100 Prozent eines Jahrgangs in der Praktikumsschleife hängen.

Eine Studie des Hochschulinformationssystems (HIS) kommt zu der Erkenntnis, dass Praktika nach dem Studium kein Massenphänomen sind. Nur jeder siebte Uni-Absolvent absolviert demnach nach dem Studium noch ein Praktikum …

Rinecker: Das finde ich schon viel …

Schneider: Man muss auch die Frage stellen: Hat die Studie wirklich alle erfasst? Inwiefern ist sie repräsentativ? Selbst wenn man der Grundaussage der Studie vertraut, sollte man beachten, dass gerade die, die ein Praktikum machen, es eben nicht machen, weil sie es so toll finden, sondern weil sie real kein Jobangebot bekommen.

Rinecker: Die Studie sagt auch, dass die wenigsten Praktika wirklich in Arbeitsverhältnisse führen.

Praktika sind also kein Sprungbrett in den Traumjob?

Rinecker: Nein. Die Absolventen betrachten Praktika als Notlösung und nicht als Weiterbildung in ihrem Bereich. Praktika sind lediglich eine Alternative zur Arbeitslosigkeit.

Schneider: Man muss einfach mal genauer hinschauen. Ein Praktikum während des Studiums ist sicher gut und sinnvoll. Da finden sich oft auch Anknüpfungspunkte. Ein Praktikum nach dem Studium allerdings ist in den meisten Fällen nicht sinnvoll.

Bleibt nicht vielen Absolventen oftmals gar nichts anderes übrig, als ein Praktikum zu absolvieren – weil die Alternativen fehlen?

Schneider: Genau das ist eben die Frage. Es hat sich in den letzten Jahren – deshalb sprechen wir auch von dem Phänomen "Generation Praktikum" – etwas verändert. Wenn man während des Studiums seine drei, vier Praktika gemacht hat, sollte das eigentlich ausreichen, um danach in den Beruf einzusteigen. Sei es über ein Trainee-Programm, über ein Volontariat oder mit dem direkten Einstieg.

Praktikanten sind vielfach fest in den Betriebsablauf eingeplant und einer hohen Arbeitsbelastung ausgesetzt, Fairwork spricht in dem Zusammenhang von "Scheinpraktika".

Schneider: Das ist tagtägliche Praxis in Deutschland. Wobei man sagen muss, dass der Übergang zwischen lernen, etwas beitragen und voll als Arbeitnehmer eingesetzt werden fließend ist. Nicht wenige Praktikumsstellen werden im Endeffekt dazu genutzt, eine volle Stelle zu ersetzen.

Fairwork setzt sich für "faire Praktika" ein. Wie definiert ihr ein "faires Praktikum"?

Rinecker: Die Grundvoraussetzung ist, dass das Praktikum ein Lernverhältnis ist und dass nicht die Erbringung von Arbeitsleistung im Vordergrund steht. Dann sollte ein Praktikant einen Mentor haben. Jemand, der ihm zur Seite steht und der ihm sagt, ob er seine Arbeit gut macht und was er besser machen kann. Es kann nicht sein, dass dem Praktikanten gesagt wird: "Hier ist dein Schreibtisch, setz dich hin und dann mach mal." "Fair" ist ein Praktikum auch, wenn sich der Arbeitgeber an die gesetzlichen Regelungen hält …

welche gesetzlichen Rechte gibt es denn für Praktikanten?

Rinecker: Es gibt keinen eigenen Paragraphen für Praktikanten. Im Gesetz steht, dass Praktikanten in einem arbeitnehmerähnlichen Verhältnis stecken. Daher sollten auf Praktikanten die gleichen gesetzlichen Regelungen angewendet werden wie auf Arbeitnehmer.

Schneider: Wenn jemand bis abends um zwei Uhr arbeitet, ist es nicht statthaft, dass er morgens um sieben Uhr wieder auf der Matte stehen muss. Außerdem hat man nach sechs Stunden das Anrecht auf eine Pause. Diese Schutzbestimmungen müssen auch für Praktikanten gelten. Im Idealfall ist ein Praktikum ein Win-Win-Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Ein fairer Arbeitgeber gibt seinem Praktikanten auch mal einen Nachmittag frei, wenn der zu einem Vorstellungsgespräch
eingeladen ist. Dann muss man sich gar nicht erst auf Gesetze berufen.

Bedarf es dennoch spezifischer gesetzlicher Reglungen für Praktika?

Schneider: Ich denke, dass es sinnvoll wäre, die Länge von Praktika zu begrenzen. Dass man sagt: Alles, was über sechs Monate hinaus geht, ist zu lang, ist kein Praktikum mehr.

Susanne Rinecker

Rinecker: Diese ganzen Jahrespraktika würden so schon mal alle wegfallen. Es gibt genügend Unternehmen, die für zwölf Monate Praktikanten suchen. Da kann man wirklich nicht mehr von
Lernverhältnissen sprechen. Nach drei, vier Monaten ist der Praktikant genauso einsatzfähig wie ein anderer Mitarbeiter und stellt die restlichen acht Monate nichts anderes als eine billige Arbeitskraft dar. So etwas kann man durch Gesetze verhindern.

Besteht nicht bei gesetzlichen Regelungen die Gefahr, dass Unternehmen dann überhaupt keine Praktikanten mehr einstellen und jungen Leuten, die Erfahrungen sammeln wollen, Chancen entgehen?

Schneider: Der Vorwurf kommt immer ganz schnell. Aber ich sehe das nicht so. Ich glaube, dass faire Praktika von solchen Regelungen nicht eingeschränkt werden. Die können nach wie vor stattfinden. Wenn damit verhindert werden kann, dass junge Leute zwölf Monate lang in der Praktikumsschleife hängen, dann ist das eigentlich nur gut.

Was konntet ihr mit Fairwork in der Debatte um Praktika bereits erreichen?

Schneider: Wir haben bewirkt, dass das Thema Praktikum auf der Agenda steht, dass es vielfach durch die Medien gegangen ist und dass eine Aufklärung erfolgt ist. Mittlerweile werden Praktika viel differenzierter gesehen. Nach wie vor ist klar: Ein gutes Praktikum ist eine gute Sache und das sollte man auch machen. Das ist auch immer unser Anliegen gewesen, denn wir waren nie pauschal gegen Praktika. Aber neben gesetzlichen Ergänzungen ist es vor allem wichtig, auf breiter Front zu informieren. Klar zu machen, wie ein gutes Praktikum aussehen sollte. Wichtig ist auch, dass man sich nicht erst damit auseinander setzt, wenn man schon mitten im Praktikum steckt …

Empfehlt ihr eine bestimmte Anzahl an Praktika, die man höchstens im Lebenslauf stehen haben sollte?

Schneider: Eine zweistellige Anzahl sollte es auf keinen Fall sein. Ich würde sagen: Drei bis vier, maximal fünf gute Praktika reichen locker aus. Wenn man was gelernt hat und eine bestimmte Richtung verfolgt hat, sind auch zwei absolut in Ordnung.

Frank, du hast einmal gesagt, du könntest aus einer Praktikums-Anzeige herauslesen, wann es sich um ein unfaires Praktika handelt. Welche Formulierung sollte mich vorsichtig werden lassen?

Schneider: Wenn im Praktikumsvertrag steht: "Überstunden sind mit dem Praktikumsgehalt abgegolten", sollte man stutzig werden. Das ist eine Formulierung, die nicht legal ist. Ein Praktikant ist keine Führungskraft, daher ist es gesetzlich nicht vorgesehen, dass Überstunden mit dem Regelgehalt abgegolten werden.

Rinecker: Wenn von "eigenverantwortlicher Führung des Projektes XY" die Rede ist, ist das daneben. Der Praktikant soll schließlich eine Zusatzkraft sein.

Schneider: Ein absolutes No-No ist auch die Verlängerung eines Praktikums. Das wird immer wieder angeboten, gerade bei Praktika nach dem Studium. Man sollte nicht darauf eingehen und sagen: "Ich verlängere gerne, aber auf einer anderen Basis." Nämlich als freier Mitarbeiter oder befristet Angestellter. Wenn nach ein paar Monaten angeboten wird, das Praktikum zu verlängern, ist schließlich klar, dass man eine gute Arbeit geleistet hat.

Für das dreisteste Praktikumsangebot des Jahres verleiht euer Verein einen Preis – die "Goldenen Raffzähne". Habt ihr schon einen Favoriten für 2007?

Schneider: Wir haben ein paar Favoriten auf unserer Liste …

Rinecker: Da ist auf jeden Fall eine PR-Agentur dabei, die im Bereich Marketing jemanden gesucht hat und wo ganz klar war, dass der Praktikant eigenständig ein Projekt leiten soll. Für 200 Euro im Monat.

Das Interview führte Tobias Goltz

Fotos: Tobias Goltz

Buchtipp:
"Vom Praktikum zum Job"
Frank Schneider, Bettina König, Susanne Rinecker
Rudolf Haufe Verlag, 2006
Preis: 16,80 Euro.
ISBN 3-448-07554-X




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