Frank Schneider
Schneider: Jeder Begriff ist natürlich
ein Hilfskonstrukt, mit dem man nicht alles abbilden kann. Ich denke
aber schon, dass die "Generation Praktikum" ein
zutreffender Begriff ist. Denn das Phänomen, dass junge Leute
Praktika machen, hat deutlich zugenommen. Das belegen auch die Studien, die in diesem Jahr dazu
erschienen sind. Im Umkehrschluss heißt das hingegen nicht,
dass 100 Prozent eines Jahrgangs in der Praktikumsschleife hängen.
Eine Studie des
Hochschulinformationssystems (HIS) kommt zu der Erkenntnis, dass
Praktika nach dem Studium kein Massenphänomen sind. Nur jeder
siebte Uni-Absolvent absolviert demnach nach dem Studium noch ein
Praktikum …
Rinecker: Das finde ich schon viel …
Schneider: Man muss auch die Frage
stellen: Hat die Studie wirklich alle erfasst? Inwiefern ist sie
repräsentativ? Selbst wenn man der Grundaussage der Studie
vertraut, sollte man beachten, dass gerade die, die ein Praktikum
machen, es eben nicht machen, weil sie es so toll finden, sondern
weil sie real kein Jobangebot bekommen.
Rinecker: Die Studie sagt auch, dass
die wenigsten Praktika wirklich in Arbeitsverhältnisse führen.
Praktika sind also kein Sprungbrett
in den Traumjob?
Rinecker: Nein. Die Absolventen
betrachten Praktika als Notlösung und nicht als Weiterbildung in
ihrem Bereich. Praktika sind lediglich eine Alternative zur
Arbeitslosigkeit.
Schneider: Man muss einfach mal genauer
hinschauen. Ein Praktikum während des Studiums ist sicher gut
und sinnvoll. Da finden sich oft auch Anknüpfungspunkte. Ein
Praktikum nach dem Studium allerdings ist in den meisten Fällen
nicht sinnvoll.
Bleibt nicht vielen Absolventen
oftmals gar nichts anderes übrig, als ein Praktikum zu
absolvieren – weil die Alternativen fehlen?
Schneider: Genau das ist eben die
Frage. Es hat sich in den letzten Jahren – deshalb sprechen wir
auch von dem Phänomen "Generation Praktikum" – etwas
verändert. Wenn man während des Studiums seine drei, vier
Praktika gemacht hat, sollte das eigentlich ausreichen, um danach in
den Beruf einzusteigen. Sei es über ein Trainee-Programm, über
ein Volontariat oder mit dem direkten Einstieg.
Praktikanten sind vielfach fest in
den Betriebsablauf eingeplant und einer hohen Arbeitsbelastung
ausgesetzt, Fairwork spricht in dem Zusammenhang von
"Scheinpraktika".
Schneider: Das ist tagtägliche
Praxis in Deutschland. Wobei man sagen muss, dass der Übergang
zwischen lernen, etwas beitragen und voll als Arbeitnehmer eingesetzt
werden fließend ist. Nicht wenige Praktikumsstellen werden im
Endeffekt dazu genutzt, eine volle Stelle zu ersetzen.
Susanne Rinecker
Rinecker: Diese ganzen Jahrespraktika
würden so schon mal alle wegfallen. Es gibt genügend
Unternehmen, die für zwölf Monate Praktikanten suchen. Da
kann man wirklich nicht mehr von
Lernverhältnissen sprechen. Nach
drei, vier Monaten ist der Praktikant genauso einsatzfähig wie
ein anderer Mitarbeiter und stellt die restlichen acht Monate nichts
anderes als eine billige Arbeitskraft dar. So etwas kann man durch
Gesetze verhindern.
Besteht nicht bei gesetzlichen
Regelungen die Gefahr, dass Unternehmen dann überhaupt keine
Praktikanten mehr einstellen und jungen Leuten, die Erfahrungen
sammeln wollen, Chancen entgehen?
Schneider: Der Vorwurf kommt immer ganz
schnell. Aber ich sehe das nicht so. Ich glaube, dass faire Praktika
von solchen Regelungen nicht eingeschränkt werden. Die können
nach wie vor stattfinden. Wenn damit verhindert werden kann, dass
junge Leute zwölf Monate lang in der Praktikumsschleife hängen, dann
ist das eigentlich nur gut.
Was konntet ihr mit Fairwork
in der Debatte um Praktika bereits erreichen?
Schneider: Wir haben bewirkt, dass das
Thema Praktikum auf der Agenda steht, dass es vielfach durch die
Medien gegangen ist und dass eine Aufklärung erfolgt ist.
Mittlerweile werden Praktika viel differenzierter gesehen. Nach wie
vor ist klar: Ein gutes Praktikum ist eine gute Sache und das sollte
man auch machen. Das ist auch immer unser Anliegen gewesen, denn wir
waren nie pauschal gegen Praktika. Aber neben gesetzlichen
Ergänzungen ist es vor allem wichtig, auf breiter Front zu
informieren. Klar zu machen, wie ein gutes Praktikum aussehen sollte.
Wichtig ist auch, dass man sich nicht erst damit auseinander setzt,
wenn man schon mitten im Praktikum steckt …
Empfehlt ihr eine bestimmte Anzahl
an Praktika, die man höchstens im Lebenslauf stehen haben
sollte?
Schneider: Eine zweistellige Anzahl
sollte es auf keinen Fall sein. Ich würde sagen: Drei bis vier,
maximal fünf gute Praktika reichen locker aus. Wenn man was
gelernt hat und eine bestimmte Richtung verfolgt hat, sind auch zwei
absolut in Ordnung.
Frank, du hast einmal gesagt, du
könntest aus einer Praktikums-Anzeige herauslesen, wann es sich
um ein unfaires Praktika handelt. Welche Formulierung sollte mich
vorsichtig werden lassen?
Schneider: Wenn im Praktikumsvertrag
steht: "Überstunden sind mit dem Praktikumsgehalt
abgegolten", sollte man stutzig werden. Das ist eine
Formulierung, die nicht legal ist. Ein Praktikant ist keine
Führungskraft, daher ist es gesetzlich nicht vorgesehen, dass
Überstunden mit dem Regelgehalt abgegolten werden.
Rinecker: Wenn von
"eigenverantwortlicher Führung des Projektes XY" die
Rede ist, ist das daneben. Der Praktikant soll schließlich eine
Zusatzkraft sein.
Schneider: Ein absolutes No-No ist auch
die Verlängerung eines Praktikums. Das wird immer wieder
angeboten, gerade bei Praktika nach dem Studium. Man sollte nicht
darauf eingehen und sagen: "Ich verlängere gerne, aber auf
einer anderen Basis." Nämlich als freier Mitarbeiter oder befristet Angestellter. Wenn nach
ein paar Monaten angeboten wird, das Praktikum zu verlängern,
ist schließlich klar, dass man eine gute Arbeit geleistet hat.
Für das dreisteste
Praktikumsangebot des Jahres verleiht euer Verein einen Preis – die
"Goldenen Raffzähne". Habt ihr schon einen Favoriten
für 2007?
Schneider: Wir haben ein paar Favoriten
auf unserer Liste …
Rinecker: Da ist auf jeden Fall eine
PR-Agentur dabei, die im Bereich Marketing jemanden gesucht hat und
wo ganz klar war, dass der Praktikant eigenständig ein Projekt
leiten soll. Für 200 Euro im Monat.
Das Interview führte Tobias
Goltz
Fotos: Tobias Goltz
Buchtipp:
"Vom Praktikum zum Job"
Frank Schneider, Bettina König, Susanne Rinecker
Rudolf Haufe Verlag, 2006
Preis: 16,80 Euro.
ISBN 3-448-07554-X
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