Die will nicht nur spielen

Eine „Girls only“-Games Convention gründen – und das in Saudi-Arabien. Interview mit der unerschrockenen Gamerin Tasneem Salim

16.3.2016 | Sara Geisler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Ein Leben lang einen Vormund haben, Ganzkörperschleier tragen, nicht Auto fahren dürfen – Saudi-Arabien taugt nicht unbedingt zum Vorbild in Sachen Gleichberechtigung. Umso mehr erstaunt, dass sich gerade in dem erzkonservativen Königreich eine Riege junger Entwicklerinnen in der männlich dominierten Gaming Culture zu etablieren scheint. Zusammen mit Felwa al-Swailem gründete die 25-jährige Tasneem Salim eine Games Convention für Frauen. Im vergangenen Jahr fand die Spielemesse bereits zum vierten Mal statt und wurde von 3.000 weiblichen Gamern und Developern besucht. Im Skype-Interview spricht Tasneem Salim über Hürden in der Gaming-Branche, die beliebtesten Spiele in ihrer islamischen Heimat und eine Seite Saudi-Arabiens, von der man im Westen nichts ahnt.

„Gaming öffnet Türen zu neuen Ideen und Identitäten, die man im wahren Leben nicht haben darf.“ – Klar, dass die Idee einer „Girls only“-GCON von saudischen Frauen dankbar aufgenommen wurde

„Gaming öffnet Türen zu neuen Ideen und Identitäten, die man im wahren Leben nicht haben darf.“ – Klar, dass die Idee einer „Girls only“-GCON von saudischen Frauen dankbar aufgenommen wurde

Fluter: Tasneem, wie kam es, dass du eine „Girls-only“-Games Convention gestartet hast?

Tasneem Salim: Bevor wir 2012 GCON anfingen, gab es in Saudi-Arabien mehrere Spielemessen. Bei solchen Großevents läuft es bei uns normalerweise so: Es gibt einen Bereich für Männer und einen für Frauen, so sieht es die Geschlechtertrennung vor. Anders bei Spielemessen: Da waren Frauen komplett ausgeschlossen.

Also hast du mit einer Freundin eine eigene Games Convention gegründet.

Richtig. Im ersten Jahr fand die Messe an unserer Uni statt, weil unser Budget noch sehr klein war. Aber zu dem Zeitpunkt hatten wir schon begonnen, große Firmen zu kontaktieren.

 

„Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es in Saudi-Arabien eine große Community weiblicher Spieler gibt.“

 

Heute arbeitet ihr mit Microsoft, Nintendo, Huawei, Sony und Ubisoft zusammen. War es schwierig, diese großen Firmen für eure Messe zu gewinnen?

Oh ja. Als wir sie kontaktierten, waren sie erst einmal ziemlich überrascht. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es in Saudi-Arabien eine große Community weiblicher Spieler gibt.

Wie konntet ihr sie davon überzeugen mitzumachen?

Unsere erste Convention war ein „proof of concept event“, also eine Art Prototyp, mit dem wir beweisen wollten, dass es ein großes weibliches Publikum gibt. Wir bezahlten fast alle Ausgaben aus eigener Tasche. Zu Sony und Co. sagten wir: „Hey, wenn euch das hier quasi nichts kosten würde – keine Miete, kein Personal –, würdet ihr mitmachen und uns mit Spielen unterstützen?“

Wie hat sich GCON seitdem entwickelt?

Am Anfang war GCON ein Gratis-Event an der Uni. Heute verkaufen wir Tickets und buchen große Hallen. Jedes Jahr kommen mehr Frauen, zuletzt ungefähr 3.000. Und im vergangenen Jahr haben wir zum ersten Mal zwei Messen veranstaltet: eine in Riad, eine in al-Khobar. Es ist noch nicht ganz offiziell, aber in diesem Jahr haben wir etwas Ähnliches vor.

Es gibt kaum Bilder von der GCON. Wie kann man sich die Convention vorstellen?

Stell dir einfach eine Low-Budget-Convention vor, auf der nur Frauen sind. Es gibt Stationen für jedes Spiel, die üblichen Warteschlangen, Turniere für Need for Speed, Assassin’s Creed, Uncharted. Und natürlich Cosplay. Drinnen ziehen die Besucherinnen ihre Vollverschleierung aus.

Von anfänglichen Schwierigkeiten mal abgesehen klingt es, als hättet ihr nur positives Feedback bekommen.

Nein. Wir wurden viel kritisiert und hatten einige Rückschläge. Es gab eine Menge junger männlicher Spieler, die sich beschwerten: „Mädchen sollten nicht Computer spielen!“, hieß es dauernd. Da kamen einige kulturelle Streitfragen zum Vorschein.

 

„Gaming öffnet Türen zu neuen Ideen, anderen Kulturen, Identitäten, die man im wahren Leben nicht haben darf – erst recht nicht als Frau.“

 

War GCON auch vom „Gamergate“ betroffen, der großen Sexismus-Debatte, die 2014 in den USA geführt wurde?

Die Diskussion erreichte uns praktisch gar nicht. In Saudi-Arabien gibt es kaum Studios, kaum Verleiher und nur sehr wenige Entwickler. Die Frage, ob Frauen in der Branche gleich behandelt werden, gleiche Karrierechancen haben etc., stellt sich erst gar nicht. Auch wenn sich vieles verbessert hat: In Saudi-Arabien diskutiert man immer noch, ob Frauen überhaupt spielen dürfen.

Geschlechtertrennung und andere strikte Regeln prägen das Leben in Saudi-Arabien. Kann es sein, dass sich Frauen in restriktiven Gesellschaften erst recht mit neuen Technologien und Games beschäftigen?

Definitiv. Gaming ist in Saudi-Arabien eine der größten Unterhaltungssparten. Aber Spiele werden längst nicht nur als Unterhaltung gesehen: Gaming öffnet Türen zu neuen Ideen, anderen Kulturen, Identitäten, die man im wahren Leben nicht haben darf – erst recht nicht als Frau. Viele spielen online mit Menschen auf der ganzen Welt. Oft erzählen saudische Gamer zum Beispiel, dass sie durchs Spielen Englisch gelernt hätten.

In Saudi-Arabien sind nur wenige Frauen erwerbstätig. GCON will Frauen ermutigen, Spiele zu entwickeln und so ihr Geld selbst zu verdienen. Wie wollt ihr das machen?

Während der ersten Convention starteten wir mit einer Reihe von Workshops: Wie entwickelt man ein Spiel? Was für Leute und Skills brauche ich dafür? Die Jahre darauf haben wir jeweils einen Wettbewerb veranstaltet, die „GCON Game Development Competition“. Wir bekamen eine Menge Einreichungen, die meisten waren natürlich kleine Indie-Spiele, und manche waren nicht besonders ausgefeilt. Aber dadurch hat sich eine Community gebildet, die immer größer und professioneller wird.

Und bei der letzten Convention?

2015 präsentierten wir ausgereifte Demos von sechs Spielen. Das war ein riesiger Schritt für uns und die Developer – sie bekamen extrem viel Feedback. Das Gute an der Arbeit als Spieleentwickler ist ja auch, dass man praktisch von überall aus arbeiten und sich vernetzen kann – selbst in den entlegensten Flecken der Welt. Man muss nicht mal in ein Büro fahren. Für saudische Frauen natürlich perfekt.

Die Entwicklerin Elizabeth Sampat sagte auf einer Spiele-Konferenz, dass die Unternehmenskultur es Frauen schwer mache, ins Geschäft einzusteigen. Wie ist deine Erfahrung?

Ich glaube, wir haben da einen sehr unterschiedlichen Zugang. In Saudi-Arabien musst du erst einmal ein Unternehmen finden, das überhaupt Leute einstellt, egal ob Frau oder Mann.

Und außerhalb Saudi-Arabiens?

Auf der GDC [Game Developer Convention, San Francisco] habe ich mit vielen Spieleentwicklerinnen gesprochen. Manche haben darüber geklagt, nicht weiterzukommen, weil die Branche so männerdominiert sei. Andere hatten dagegen überhaupt kein Problem und fanden sich nicht ausgeschlossen.

 

„Es gibt immer diese Annahme, dass sich Spiele mit weiblichen Protagonisten schlecht verkaufen.“

 

Wenn es so viele Entwicklerinnen gibt, warum ist dann die Anzahl an weiblichen Protagonisten in den Spielen immer noch so gering?

Oh, dafür gibt es viele Gründe. Ich glaube, es gibt immer diese Annahme, dass sich Spiele mit weiblichen Protagonisten schlecht verkaufen. 2014 konnte man das bei einigen Spielen auch beobachten. Tatsächlich war es aber so: Die Spiele haben sich nicht schlecht verkauft, weil sie weibliche Protagonisten hatten. Sie haben sich schlecht verkauft, weil sie schlechte Spiele waren.

Manche Statistiken behaupten, Frauen würden hauptsächlich Handyspiele zocken, Candy Crush und Co. Also keine „richtigen Spiele“.

Da widerspreche ich komplett. Diese Statistiken vermischen Segmente wie „Casual Games“ und „Console Games“. Die populärsten Spiele auf der GCON waren zum Beispiel Call of Duty und Fifa.

Egoshooter und Fußballsimulationen.

Genau. Einmal wollten wir ein Call of Duty-Turnier absagen – die Reaktionen darauf waren so heftig, dass wir es schnell wieder zurückholten.

Okay, letzte Frage: Was spielst du im Moment?

Tatsächlich muss ich mich gerade ein bisschen zurückhalten, um meine Leseliste abzuarbeiten. Aber mein letztes Spiel? Assassin’s Creed.

 

Tasneem Salim wurde in Ägypten geboren, wuchs in Riad in Saudi-Arabien auf und studierte Informatik und Marketing.

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Ashwag Bandar; privat



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