Digital herumdoktern

„Open Science“ will transparente Wissenschaft im Netz. Ein Deutscher Doktorand geht schon mal vor

29.12.2015 | Arne Semsrott | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Eigentlich wollte Christian Heise schon vor vier Monaten mit seiner Doktorarbeit fertig sein. Dreimal hat er die Abgabe bereits verschoben. Erst sollte sie im August erfolgen, dann peilte er den September an, schließlich den Oktober – nun soll es im Januar etwas werden. Das ist nichts Ungewöhnliches bei Promotionsvorhaben, die schon mal fünf Jahre beanspruchen können. Christians Doktorarbeit ist trotzdem ein besonderer Fall: Die ganze Welt kann verfolgen, wie es damit vorangeht oder auch nicht. Denn er schreibt die erste rundum digital transparente Doktorarbeit Deutschlands.

„Ich will untersuchen, ob – und wenn ja, wie – Offenheit in der wissenschaftlichen Arbeit möglich ist“, sagt Christian. „Da war es naheliegend, das Thema nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu erarbeiten.“ Seit 2012 sind alle seine Texte live im Internet einsehbar, und auch die Datensätze seiner Arbeit stehen frei zum Download bereit. Sie unterliegen einer offenen Lizenz, nach der jede Person die Inhalte für eigene Zwecke weiterverwenden kann, solange sie den Urheber nennt. Und weil Christian die Daten auf der Entwicklerplattform „GitHub“ hostet, sind sogar all seine Änderungen, die er in den letzten Jahren hochgeladen hat, online miteinander vergleichbar. Am Anfang sei diese Arbeitsweise schon ungewohnt gewesen, sagt Christian. Denn mögliche Fehler waren so für jeden nachvollziehbar. „Aber ich hatte mir für die Arbeit ja genau diese Offenlegung von Fehlern und Unklarheiten gewünscht.“

Staatlich finanzierte Forschung und Lehre sollte allen offen stehen

Dass Christian so transparent mit seiner Arbeit umgeht, passt auch gut zu deren Inhalt: Darin geht es um Open Access und Open Science, also um den freien Zugang zu wissenschaftlichem Wissen. Nicht wenige Wissenschaftler halten einen solch offenen Zugang für dringend geboten, besonders angesichts der Geldnot, in der viele Hochschulen stecken.

Denn Unis und Studierende geben jedes Jahr hohe Summen dafür aus, Zugang zu Fachartikeln und Lehrbüchern zu erhalten. Das ist für die Verfechter von Open Access ein Unding. Sie argumentieren: Da Forschung und Lehre an Hochschulen ohnehin größtenteils vom Staat finanziert werden, sollten die Ergebnisse auch für alle offen zugänglich sein – nicht nur für diejenigen, die es sich leisten können. Zumal Verfassern von Fachbüchern oder -artikeln selbst in der Regel nur wenig von dem Gewinn bleibt, der mit dem Verkauf der Publikationen erzielt wird. Das Geld bleibt zum großen Teil bei den Wissenschaftsverlagen.

Durch den Kontrollmechanismus auch einen Qualitätsgewinn

Das Konzept von Open Science geht noch einen Schritt weiter: Hinter dem Begriff verbirgt sich die Idee, den gesamten Prozess des Erstellens von wissenschaftlichen Arbeiten transparent zu machen. Davon versprechen sich die Verfechter eine bessere Überprüfbarkeit der Ergebnisse und durch diesen Kontrollmechanismus auch einen Qualitätsgewinn. Die Idee der offenen Wissenschaft erscheint dabei gar als Gegenmittel für eine Glaubwürdigkeitskrise, in der manche die Wissenschaft aufgrund von Debatten um gefälschte Doktorarbeiten sehen.

Die Transparenz von Christians Doktorarbeit könnte dabei zum Musterbeispiel werden. Er selbst muss sich jetzt aber erst einmal um den letzten Feinschliff an seiner Arbeit kümmern und sie dann endlich abgeben. Laut seiner Webseite sind 95 Prozent des Arbeitspensums geschafft. Der soziale Druck sei bei einer solch transparenten Arbeitsweise nicht zu unterschätzen, berichtet er. „Da ich im Vergleich zu meinem ursprünglichen Zeitplan in Verzug bin, häufen sich auch die Nachfragen von Besuchern auf meiner Webseite. Sie wollen alle wissen, wann ich fertig werde.“

Wenn Arne Semsrott nicht für fluter.de schreibt, arbeitet er unter anderem für das Informationsportal „Frag den Staat“

Illustration: Anthony Antonellis



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