Was wir nicht sehen

Muslime unterdrücken ihre Frauen. Ein Vorurteil, das weniger über den Islam aussagt – und mehr über unser geschöntes Selbstbild

6.1.2015 | Khola Maryam Hübsch | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Plötzlich leben wir in einem Land, in dem man sich ständig Sorgen um die Sicherheit und Würde von Frauen macht. Aber nicht etwa, weil eine EU-Studie zu dem Ergebnis kommt, dass jede dritte Frau in Deutschland bereits sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt hat. Es geht auch nicht um das häufig sexistische und frauenverachtende Rollenbild, das in der Massen- und Popkultur in Tausenden von Musikvideoclips, auf Werbeplakaten, Zeitschriftencovern und in Hollywoodfilmen verbreitet wird. Daran haben wir uns längst gewöhnt.

Es geht darum, dass die deutsche Frau vom muslimischen Mann bedroht wird. Obwohl es bislang keine Belege dafür gibt, dass es zu einer Zunahme sexueller Belästigungen durch Flüchtlinge gekommen ist. So gab das BKA im Oktober 2015 bekannt, dass Flüchtlinge nicht häufiger straffällig werden als der Durchschnittsbürger. Und der Anteil der Sexualdelikte an den von ihnen begangenen Straftaten liege bei „unter einem Prozent“.

Dennoch ist das Vorurteil, dass der muslimische Mann seine Triebe nicht beherrschen kann, immer noch weit verbreitet. Was freilich mehr über den Westen sagt als über den Islam. Solange in Deutschland noch eine prüde, christlich geprägte Sexualmoral herrschte, wurde diese als Garant für Fortschritt und Zivilisation und in Abgrenzung zur „dekadenten“ muslimischen Sexualmoral idealisiert. Gleichzeitig war der Orient eine Projektionsfläche für die Fantasien des weißen Mannes: ein Ort ungehemmter Haremserotik. Der Islam eine unzivilisierte Religion der erotischen Libertinage. Doch durch die sexuelle Revolution in den 60er-Jahren änderte sich das Bild. Plötzlich wurde in Deutschland eine selbstbestimmte und freie Sexualität propagiert. Und nun galt der Islam als rigide, lust- und körperfeindlich. Das Bild, das damals wie heute vom Islam gezeichnet wird, sagt mehr darüber aus, wie wir uns selbst sehen möchten, als über die vielfältige sogenannte islamische Welt.

„Was ist der Geist von Europa? Auf jeden Fall gehört zu ihm die Hochachtung der Frau – ein großer Unterschied zur arabischen Tradition. Und das müssen die Flüchtlinge akzeptieren“, schreibt die Tageszeitung „Die Welt“ angesichts der Flüchtlingsströme. Die Überlegenheit der europäischen Kultur gründe auf der Tatsache, dass die „Europäer Maskulinität in Schach zu halten wussten“, da sie sich selbst auf den „Geist der Galanterie“ verpflichtet hatten. Der Europäer als edler Kavalier also, der Muslim als unzivilisierter Mensch, der Frauen unterdrückt. Angesichts fanatischer Islamisten mag eine derartige bipolare Sicht naheliegen, doch gerade die vereinfachende Aufteilung der Welt in Gut und Böse macht ein fundamentalistisches Weltbild aus.  

Sicherlich kann nicht geleugnet werden, dass es autoritäre islamische Staaten gibt, die Menschenrechte missachten und Frauen strukturell diskriminieren. Körperliche und sexuelle Gewalt gegen Frauen ist jedoch weltweit derart verbreitet, dass die Weltgesundheitsorganisation von einem „epidemischen Ausmaß“ spricht. Sie kommt in allen Ländern und in allen Schichten vor. Ob wir an den Aufruhr nach den Vergewaltigungsskandalen im hinduistischen Indien denken oder eben an häusliche und sexuelle Gewalt in Deutschland: Gewalt gegen Frauen und Sexismus sind globale Massenphänomene, die ihre Ursachen oft in sozialen Missständen haben.

Und dennoch ist der öffentliche Diskurs davon geprägt, Diskriminierung von Frauen zu einem Spezifikum des Islam zu erklären. Die Religion sei es, die den geistigen Humus für eine patriarchale Mentalität bilde. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ problematisierte ein Pädagoge das Vorkommen sexueller Belästigung in Flüchtlingsunterkünften, musste aber zugeben, dass es keine genauen Zahlen gibt. Als Hauptursache für sexuelle Übergriffe machte er das traditionell Verständnis der jungen muslimischen Männer aus. Dabei verkennt er, dass es einen Unterschied zwischen patriarchalen Kulturpraktiken gibt, die gerade in ländlichen Regionen tatsächlich global verbreitet sind, und der islamischen Religion, die zwar mitunter als Label benutzt wird, um solche Praktiken zu legitimieren, ursprünglich einmal aber ein anderes Anliegen hatte.

„Die Besten unter euch werden die sein, die am besten zu ihren Frauen sind.“

Mohammed, der Prophet des Islam, versuchte trotz heftigen Widerstands die Unterdrückung der Frau zu bekämpfen. „Die Besten unter euch werden die sein, die am besten zu ihren Frauen sind.“ Das sind seine Worte. Mohammeds erste Frau Khadija war eine emanzipierte, erfolgreiche Kauffrau. Eine der wichtigsten Gelehrten des Islam ist eine Frau: Aischa, die schon im Frühislam Männer unterrichtete. Ihrem Vorbild folgend wurde 859 in Marokko eine der weltweit ersten und ältesten Universitäten von der Muslimin Fatima al-Fihri gegründet. Auf die Bildung von Frauen legte Mohammed viel Wert: „Wer zwei Töchter hat, sie gut aufzieht und ihnen Bildung zukommen lässt und die Söhne nicht bevorzugt, der erwirbt dadurch das Paradies.“ Allerdings gibt es auch frauenfeindliche Überlieferungen, die dem Propheten zugeschrieben werden, die nicht selten von einer männlichen Orthodoxie zitiert werden, um Frauen zu benachteiligen.

Dass es weltweit muslimische Feministinnen gibt, die sich gegen die Vereinnahmung des Islam durch eine frauenfeindliche Orthodoxie wehren, ist oft ebenso wenig bekannt wie die Tatsache, dass alle drei muslimischen Frauen, die in den letzten Jahren den Friedensnobelpreis bekommen haben, dafür plädieren, die Lehre des Islam als Mittel gegen patriarchale Strukturen einzusetzen. Zwei von ihnen tragen dabei ein Kopftuch.

Für die Frontfrau der deutschen Frauenbewegung, Alice Schwarzer, ist dieses Stück Stoff ein politisches Symbol der Frauenunterdrückung. Sie übernimmt damit die Meinung derer, die tatsächlich versuchen, den Islam für politische Interessen zu instrumentalisieren. Viele muslimische Frauen möchten aber nicht zulassen, dass die Deutungshoheit über ihre Religion von Ideologen bestimmt wird. Sie leben einen spirituellen Islam, der die Gleichheit von Mann und Frau betont. Für beide Geschlechter gilt die Philosophie, die den Islam im Kern ausmacht: die Überwindung des Egos, um sich Gott hingeben zu können. Dazu gehört, leidenschaftliche Triebe mit der Vernunft zu steuern, um moralische Eigenschaften zu entwickeln. Der oft missbrauchte Begriff „Dschihad“ meint ursprünglich diesen Kampf des Menschen gegen sein eigenes Ego, gegen niedere Leidenschaften.

Die Narration vom triebgesteuerten muslimischen Mann wird jedoch gebraucht, um den westlichen Mann trotz durchsexualisierter Massenkultur als besonders zivilisiert und aufgeklärt darstellen zu können. Patriarchale Dominanz und Sexismus? Darum brauchen wir uns dann in unseren Reihen nicht mehr so sehr zu kümmern, es wird als Problem ausgelagert und auf den muslimischen Mann projiziert. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung finden zwar 76,1 Prozent der befragten Deutschen, dass die muslimischen Ansichten über Frauen den westlichen Werten widersprechen würden, gleichzeitig sind aber 52,7 Prozent derselben Befragten der Meinung, dass Frauen ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen müssten.

Stutzig machen sollte auch die Tatsache, dass sich im aktuellen Diskurs über Flüchtlinge nun ausgerechnet diejenigen den Kampf gegen das Patriarchat auf die Fahnen schreiben, die bisher eher mit antifeministischen Positionen aufgefallen sind. Darunter rechtspopulistische Aktivisten, die die Frau sonst an den Herd wünschen. Spätestens hier dürfte deutlich werden: Die neuen alten Ressentiments gegen den muslimischen Mann sind auch Ausdruck eines 
Kulturchauvinismus, der den Feminismus 
vereinnahmt, um vom eigenen Sexismus und Rassismus abzulenken.

Fotos: Paul Langrock/Zenit/laif; Samaneh Khosravi


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