Ich, Staatenloser

Palästinenser? Syrer? Mensch! Hier schreibt Ramy Al Asheq über das Leben als Flüchtling ohne Reisepass

4.12.2015 | Ramy Al-Asheq | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Keine Staatsangehörigkeit zu besitzen bedeutet, dass man einen Reisepass nur in den Händen anderer kennt und ihn neugierig und sehnsuchtsvoll betrachtet. Dass man verlegen wird und rot im Gesicht, wenn einem die ganz normale Frage gestellt wird: „Woher kommst du?“. Dass man an Flughäfen stundenlang wartet, weil man auf der Liste der Aussätzigen steht. Dass einem alle Länder einen Tritt in den Hintern verpassen, wenn man ein Einreisevisum beantragt. Und dass man einen Flecken auf dieser Erde sucht, wo den eigenen Kindern das Recht zugestanden wird, ganz normal zu leben! Dass man wie besessen auf das am unteren Bildrand entlanglaufende Nachrichtenband im Fernsehen starrt, weil vielleicht irgendwo auf der Welt eine Entscheidung getroffen wurde, durch die man einen klaren Status erhält.

Vielleicht kann es mal eine Welt geben, in der Staatsangehörigkeit keine Rolle mehr spielt – in der alle Länder dein Land, alle Völker dein Volk, alle Farben deine Farbe sind. Aber wenn du in der Welt, wie sie heute ist, keine Staatsangehörigkeit hast, bist und bleibst du ein Nichts!

Ich komme aus Syrien, aber ich bin kein Syrer. Meine Mutter ist Syrerin, und mein Vater wurde vor mehr als einem halben Jahrhundert in Syrien geboren. Aber er blieb die ganze lange Zeit über ein Flüchtling! In arabischen Staaten können Mütter ihre Staatsangehörigkeit nicht an ihre Kinder weitergeben. Auch nicht an ihren Ehemann. Und es genügt nicht, in einem Land geboren worden zu sein und 50 Jahre dort zu leben, um dessen Staatsangehörigkeit zu erhalten. Mein Großvater floh mit seiner Familie aus Palästina nach Syrien, nachdem Israel die Kontrolle über unsere schöne Stadt Akko übernahm, die ich nur von Fotos kenne. Ich kann nicht dorthin fahren, nicht einmal zu Besuch, weil ich außerhalb des sogenannten palästinensischen Staates lebe, oder der Westbank und des Gazastreifens, und außerhalb des israelischen Staatsgebietes. Beide wollen mich nicht, Israel, weil es mich als ererbten Feind betrachtet, und Palästina, weil ich im Weg stehe bei den Verhandlungen mit den Israelis über die Errichtung eines Staates.

Der Unterschied zwischen dir und mir

Übrigens: Ich unterscheide mich nicht allzu sehr von dir, vielleicht ist mein Haar ein wenig dunkler und gekräuselter, aber ich habe den gleichen Körper und den gleichen Verstand, zwei Augen, zwei Hände und zwei Füße. Wir gehören also beide der sogenannten Gattung Mensch an.

Der Unterschied zwischen dir und mir ist, dass du mehr Glück hattest als ich, weil du in einem europäischen Land geboren wurdest, dessen Regierung dir deine natürlichen Rechte gewährt, die für uns der größte Traum sind. Deshalb ist es ganz natürlich, dass du danach strebst, ins All zu fliegen, und ich danach, einen Reisepass zu besitzen. Dass du zum Beispiel zu Jazzmusik tanzt, während wir tanzen, nachdem wir einer Granate entkommen sind. Und es ist auch ganz natürlich, dass du, wenn du deine Frisur, deine Klamotten oder dein Handy wechseln willst, dies ganz einfach tun kannst – während wir, wenn wir unsere Freiheit haben wollen, zuerst  Diktatoren stürzen müssen.

Ich gewöhne mich an eine Polizei, die nicht tötet

Die Demokratie hier ist für mich eine neue Erfahrung. Die Polizei in Deutschland ist freundlich, auch wenn ich immer wieder Reißaus nehme, wenn ich sie sehe. Die Uniformen machen mir Angst. Ich habe das Gefühl, dass all die Waffen, die sie bei sich tragen, auf meine Brust gerichtet sind. Aber ich beginne mich allmählich an eine Polizei zu gewöhnen, die nicht tötet – wie jene, die ich kenne.

Für die Veranstaltung „Turn The Lights Back On“ wurde Ramys Gedicht „SYGNS“ in Neonschrift produziert. Die einzelnen Worte wurden verkauft und der Erlös an die Organisation „Save The Children“ gespendet, die Kindern in Syrien hilft.

Die Veränderung begann für mich, als ich im letzten November auf dem Köln-Bonner Flughafen ankam. Ich rechnete damit, gleich am Flughafen verhaftet und verhört zu werden, wie es einem Staatenlosen, einem Palästinenser oder einem Syrer überall passiert. Muss mir das nicht erst recht so gehen, wo ich doch diese drei Eigenschaften in mir vereine? Ich besitze ein „syrisches Reisedokument für palästinensische Flüchtlinge“. Es ist kein Reisepass, sondern ein weniger wertvoller Status für Leute ohne Staatsangehörigkeit. Es ist ein „syrisches“ Reisedokument, weil es in Syrien, wo ich lange Jahre lebte, ausgestellt wurde. Und es ist für „palästinensische Flüchtlinge“, weil die arabischen Staaten ein Abkommen unterzeichneten, das besagt, dass den Palästinensern keine Staatsangehörigkeit gegeben werden soll, damit das „Recht auf Rückkehr“ gewahrt bleibt. Und „Recht auf Rückkehr“ bedeutet, dass wir das Recht haben sollen, in unsere palästinensischen Städte und Dörfer zurückzukehren – doch das scheint in absehbarer Zeit nicht möglich zu sein.

Ich sage mir lachend: Du steckst schon tief drin in dem Strudel

Ich rechnete also damit, dass ich am Köln-Bonner Flughafen Probleme bekomme, doch so kam es nicht: Der Polizeibeamte am Flughafen empfing mich lächelnd und begrüßte mich mit den Worten: „Deutschland wird Ihre neue Heimat sein.“

Alle meine deutschen Freunde wollen mir helfen und öffnen mir neue Türen. Aber mit dem deutschen System ist es nicht ganz einfach. Die Bürokratie ist schon echt nervenaufreibend und kompliziert. Mittlerweile habe ich mich ein bisschen angepasst und ärgere mich über einen Anruf meiner Mutter, wenn wir dafür nicht vorher einen Termin vereinbart haben. Das System hier zieht dich immer weiter in seinen Strudel, ohne dass du es merkst. Meistens kann ich frei über meine Zeit verfügen und bin nicht in Eile, aber wenn ich die Menschen im Bahnhof so schnell laufen sehe, laufe ich ganz unbewusst mit. Dann sage ich mir lachend: „Du steckst schon ganz tief drin in dem Strudel.“

Meine Mutter und ich verlieren uns allmählich

Ich habe meine Mutter seit Monaten nicht gesehen. Sie ist im Juni in Deutschland angekommen, und bis jetzt hat ihr niemand auch nur eine einzige Frage gestellt. Sie lebt immer noch in einem Flüchtlingslager in einer anderen Stadt und wartet seit vier Monaten auf den Termin für die Anhörung. Sie ist Grundlage für die Entscheidung, ob ihr in Deutschland Asyl gewährt wird. Wir können uns nicht ständig besuchen, denn die Verkehrsmittel sind teuer und es kostet Zeit. Meine Mutter und ich, wir lernen beide Deutsch, aber wir verlieren uns allmählich.

Wie kann ich meine Mutter davon überzeugen, dass die Zeit nicht reicht? Und dass ich möchte, dass sie in derselben Stadt lebt wie ich, aber dass die Genehmigung dafür noch nicht gekommen ist. Meine Mutter glaubt, dass ich sie nicht sehen möchte. Und das ist ganz normal für eine ältere Dame, die nichts von diesem Land weiß, die Sprache nicht spricht und das hiesige System nicht kennt. Eine Frau, die das Meer überquert hat und fast gestorben wäre, um hierherzukommen und mich zu sehen. Und die die Hoffnung hat, ihre anderen Kinder herzuholen, die wiederum darauf warten, dass sie eine Aufenthaltserlaubnis bekommt, damit sie nachkommen können. Die Situation ist sehr schwierig für sie, das Warten wird tödlich, wenn man gezwungen ist, an einem Ort zu bleiben, wo man niemanden kennt und wo man nicht das Gefühl hat, zur Ruhe kommen zu können. Dann wird die Zeit, in der man weint, unendlich lang.

Was ich von dir möchte?

Die Syrer haben keinen Hunger. Sie sind nicht wegen des Essens hergekommen oder um von finanzieller Unterstützung zu leben. Sie sind vor der Diktatur und dem Tod geflohen und möchten ein ganz normales Leben führen. Die meisten Syrer sind gebildet und haben einen Beruf. Hast du schon einmal syrisches Essen probiert? Geh mal in irgendein Flüchtlingsheim zu irgendeiner syrischen Familie und bitte sie, einmal ein syrisches Gericht kosten zu dürfen. Du wirst sehen, sie werden glücklich darüber sein.

Die Syrer brauchen das Gefühl, willkommen zu sein. Und sie brauchen jemanden, der ihnen sagt: „Ihr seid in Sicherheit.“ Glaub mir, es ist nicht einfach, ein Fremder, ein Flüchtling zu sein. Ich werde wahrscheinlich so lange keine Kinder bekommen, bis ich sicher sein kann, dass sie die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. Ich möchte nicht, dass sich diese Welt an der Ankunft eines neuen Flüchtlings erfreut. Ich habe mehrmals erlebt, was es heißt, Flüchtling zu sein. Ich bin sogar Experte in dieser Sache. Ich schreibe mit immer größerer Erfahrung darüber, beginnend mit der Auswanderung meines Großvaters über die Zuflucht in Syrien bis zur Flucht von Syrien nach Jordanien und dann nach Deutschland.

Wer verfügt schon wie ich über eine 70-jährige Erfahrung, obwohl er doch selbst die sechsundzwanzig noch nicht überschritten hat? Vielleicht ist das so, als ob man die Biografie eines anderen schreibt. Ich habe in großem Leid geforscht, von dem du nichts weißt. Du liest in einem Artikel wie diesem darüber, dann wendest du dich wieder ab und kehrst zu deinem normalen Leben zurück. Ich tadele dich nicht dafür und wünsche dir auch nicht, dass du das erlebst, was wir erlebt haben. Ich möchte nur, dass du weißt, wie glücklich du bist, weil du normal bist – und dass du jenen, die nicht so normal sind, dabei hilfst, normal zu sein.

Aus dem Arabischen übersetzt von Larissa Bender.

 

Ramy Al-Asheq (26) ist ein syrisch-palästinensischer Dichter und Journalist. 2011 geriet er bei friedlichen Protesten gegen das Assad-Regime in Lebensgefahr, floh nach Jordanien und kam dort ins Gefängnis. Nach der Haft schrieb Al-Asheq in Amman sein erstes Buch. 2014 erhielt er ein Autorenstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung und wohnt seither in Köln.

Foto: privat



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