Fast Fashion

Mode wird immer schneller gekauft und wieder ausrangiert – und legt vorher absurd lange Produktionswege zurück

12.9.2015 | Caroline Schmidt-Gross | Kommentar schreiben | Artikel drucken

„Neue Klamotten kaufen“ steht für viele als Freizeitbeschäftigung an erster Stelle und durch Blogs und Magazine sind sie über die neuesten Trends top informiert. Kaum bekannt ist aber, welche Odysseen die meisten Kleidungsstücke hinter sich haben, bevor sie im Laden hängen. Wer mehr darüber wissen möchte, dem bietet die Ausstellung „Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode“ im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg einen interessanten Blick hinter die Kulissen der Textilindustrie.

Allein die typische Reise einer Jeans lässt die Besucher wohl vor Neid oder auch Schrecken erblassen. Von der Idee bis zur fertigen Hose besucht sie acht Länder und legt dabei etwa 40.000 Kilometer – einmal rund um den Globus – im Flugzeug, mit der Bahn oder im Lkw zurück: In den Niederlanden wird sie entworfen, in Usbekistan die Baumwolle angebaut, in Indien das Tuch gewebt, in China gefärbt, in Bangladesch genäht, in der Türkei gebleicht, in Deutschland verkauft und schließlich in Sambia als Secondhandware entsorgt.

In der Hamburger Ausstellung „Fast Fashion“ sichtbar: Die Schattenseiten der immer schnelleren, immer billigeren Mode

In der Hamburger Ausstellung „Fast Fashion“ sichtbar: Die Schattenseiten der immer schnelleren, immer billigeren Mode

Bemerkenswert ist dabei, dass die Hose trotzdem ziemlich billig von den großen Modeketten angeboten wird. Wie kann das sein? „Der Irrsinn ist“, sagt die Kunsthistorikerin und Kuratorin Dr. Claudia Banz, „dass der Transport als Kostenfaktor fast keine Rolle spielt und es so für die Konzerne günstiger ist, die Jeans in vielen verschiedenen Ländern herzustellen.“ Die Idee zur Ausstellung „Fast Fashion“ hatte sie nach dem schweren Unglück in dem Industrie- und Geschäftsgebäude Rana Plaza in Bangladesch. Bei dessen Einsturz im Jahr 2013 wurden mehr als 1.000 Menschen getötet und Hunderte weitere verletzt, die meisten von ihnen arbeiteten in Textilfabriken, die im Gebäude untergebracht waren.

Im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg läuft die Ausstellung seit März. Sie ist ein großer Erfolg, nicht nur bei Schulklassen. In zwei Räumen wird den Besuchern mittels Grafiken, Fotos, Filmen und Schaukästen klargemacht, welche immensen Auswirkungen der zunehmende unbedachte Kauf von Kleidung auf die Weltwirtschaft und die sozialen und ökologischen Zustände in den Produktionsländern hat.

Die Crux ist, das die Käufer sich ständig selbst betrügen

Die Crux ist nur, dass die Käufer sich ständig selbst betrügen. „Das Unterbewusstsein spielt eine entscheidende Rolle“, betont Claudia Banz. Auf der einen Seite ahnt fast jeder, unter welchen unmenschlichen Bedingungen Klamotten hergestellt werden, auf der anderen Seite fällt das Stammhirn immer wieder auf die subtilen Tricks der Werbung herein: Willst du toll sein, brauchst du unbedingt die neuesten Must-haves der Saison. Auch im Netz spinnt sich diese Denkweise weiter: Sogenannte „Shopping Hauls“ werden millionenfach auf YouTube geklickt. Junge Mädchen präsentieren vor laufender Kamera frisch aus der Tüte, welche Kleidungsstücke sie gerade ergattert haben. „Damit sich jeder Besucher ein Bild davon machen kann, haben wir extra für die Ausstellung ein Beispielvideo nachgedreht“, erklärt Claudia Banz.

Anziehsachen werden eben nicht mehr gekauft, weil sie dringend gebraucht werden – wie früher beispielsweise ein Wintermantel. Inzwischen hängen im Kleiderschrank bis zu 40 Prozent ungetragene Hosen oder T-Shirts. Wobei der Konsum der Deutschen in Europa an der Spitze steht, wie eine Grafik in der Ausstellung deutlich macht: Sie kaufen im Durchschnitt pro Jahr 27 Kilo Textilien und werfen gleichzeitig fast 15 Kilo in die Sammelboxen von Altkleiderhändlern.

Was dabei die wenigsten wissen: Umsonst wird die Spende meist nicht weitergegeben – das gilt auch für die großen Organisationen. Ein kleiner Teil der Kleider wird in Deutschland an Bedürftige abgegeben, der große Rest aber in Afrika, Osteuropa sowie Asien auf die Märkte gebracht. Der Handel mit Secondhandklamotten ist ein riesiges weltumspannendes Geschäft – wie der Dokumentarfilm „Mitumba“ des Regisseurs Raffaele Brunetti deutlich macht.

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Er hat ein altes gelbes Fußballtrikot mit der Kamera von dem Wurf in den Sammelcontainer in Deutschland bis nach Tansania begleitet. Dort trägt es jetzt ein kleiner Junge. 1500 Schilling (rund 60 Cent) hat seine Mutter noch dafür bezahlt. Für sie viel Geld. „Mitumba“ ist Swahili und bedeutet „Bündel“, denn als große Ballen kommen die Altkleider in Afrika an. Im Film wird Mitumba zum Synonym für „Kleidung von toten Weißen“. Denn viele Menschen in Afrika  finden es schwer vorstellbar, dass die Ware von lebenden Menschen weggeworfen wurde. Für sie ist daher die einzige plausible Erklärung: Sie stammt von Toten.

Wie rasant sich der Wert von Kleidung im Laufe der Generationen verändert hat, ist ein weiteres Thema der Ausstellung. Daran erinnert in einer Glasvitrine ein kleiner bunter Stofflappen. „Das habe ich früher im Handarbeitsunterricht gelernt“, erzählt eine Großmutter ihrer staunenden Enkelin. „Ich weiß noch, wie man Knopflöcher umrandet und Socken stopft.“ Heute dagegen sind Strümpfe ein Wegwerfprodukt – sehr zum Schaden der Umwelt. Speziell Sportsocken werden intensiv mit Chemikalien behandelt, damit sie nicht so müffeln. „Weil es in vielen Ländern nicht so strenge Gesetze gibt wie in Deutschland, kommen die Gifte eben durch die Hintertür wieder ins Land“, sagt Claudia Banz.

Es geht auch slow

Dass es aber auch anders geht, beweist der zweite Raum der Ausstellung, der unter dem Motto „Slow Fashion“ steht. „Wir wollen zeigen, dass es auch Alternativen gibt“, erklärt Claudia Banz. „Und das Lustigste ist, dass sich ausgerechnet hier viele Besucher am Geruch stören.“ Stimmt, es riecht streng. Aber das ist reine Natur – ein großer Ballen Bioangorawolle. Zum Fühlen sind hier auch Stoffe aus Algen, gewaltfreie Seide, für die keine Raupen gestorben sind, Garn aus Milchfasern oder mit Rhabarber gegerbtes Leder. Zudem wird auf Tausch- und Leihbörsen für Klamotten im Internet hingewiesen, so auf Kleiderkreisel und die Kleiderei. Gleichzeitig läuft an die Wand projiziert eine Fashionshow: ziemlich schicke Mode, hergestellt von Studenten des ersten internationalen Studienganges für nachhaltige Mode der ESMOD Berlin. Museumsbesuch statt Stadtbummel? Für „Fast Fashion“ lohnt sich das.

Die Ausstellung in Hamburg läuft noch bis zum 25. Oktober 2015. Danach wandert sie weiter ins Deutsche Hygiene-Museum Dresden. Mehr Informationen gibt es auch auf der Webseite des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg: www.mkg-hamburg.de

Fotos: Tim Mitchell, Susanne Friedel, Paolo Woods/ Ben Depp


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