Nur Mut

fluter-Heft: Angst

Kommentare (3) | Kommentar schreiben
Angst ist mehr als ein Gefühl. Beim Nachdenken über das Feld der kursierenden Ängste begegnen wir den Schnittstellen von persönlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Die Übergänge sind fließend und spannungsreich. Die eigenen Ängste treten oft als stille Macht auf. Sie ziehen uns zurück, halten uns im Bereich des vermeintlich Sicheren fest. Wird das als Blockade erfahren, beginnt das Nachdenken über mögliche Wege aus der Angst.

Wachsendes Selbstbewusstsein beginnt damit, die Ängste zum Sprechen zu bringen und sich dazu zu verhalten. Dann kann es sehr schnell politisch werden, nicht zuletzt im eigenen sozialen Nahraum. Die an uns herangetragenen und von uns übernommenen Erwartungen von Eltern, Freunden und der weiteren Umwelt, der allgegenwärtige Konkurrenzdruck können zum Thema werden. So kommen die Fragen nach der eigenen Entwicklungsperspektive in den Blick: Wer steht mir bei? Wem kann ich vertrauen, was will ich mir selbst zutrauen?

Wer diesen Fragen gegenüber offen ist, erfährt alle, auch Angst erzeugende Verhältnisse als veränderbar. Dieser aktivierende Aspekt der Angst wird häufig vergessen, doch gerade er ist ihre wichtigste Konsequenz: Wer sich seiner Angst stellt, sucht auch nach einem Ausweg. Dann wird die persönliche Sicherheitszone verlassen – sei es, um sich in dynamischen Märkten zu behaupten und neue Geschäftsmodelle auszuprobieren oder um gegen politische Unterdrückung aufzustehen, wie junge Menschen in Ägypten, Hongkong oder der Ukraine.

Aber bei uns gibt es auch Menschen, die fundamentale Ängste haben müssen. Die nicht wissen, ob sie die Nacht auf der Straße überleben. Oder ob sie bald in ihr Heimatland abgeschoben werden, in dem blutige Konflikte den Alltag bestimmen. Ihre Ängste sind nicht nur ein Spiegel, sondern auch die Warnsignale für gesellschaftliche Konflikte.

Wer die Ängste der Menschen im Griff hat, hat in gewissem Maß sie selbst im Griff. Wie überall, wo Macht verteilt wird, gibt es Akteure, die diffuse Ängste im eigenen Interesse gezielt schüren. Das Spiel beherrschen viele – Medien, Unternehmen, Politik. Umgekehrt gilt auch, dass Populisten da leichtes Spiel haben, wo die entscheidenden Eliten allgemeine Ängste ignorieren oder unterschätzen.

Eine wichtige Verbündete der Angstkultur ist die Bequemlichkeit des Konformismus, der vorschnelle Rückzug auf das Vorgegebene. Die Arbeit der Veränderung ist dagegen nicht leicht, aber sie kann befreiend wirken. Die Forderung danach richtet sich immer an beide, das Selbst und die Umwelt. Charakterbildung trägt deshalb Züge einer politischen Ökologie der Affekte. Sie ist politisch, weil sie unser Handeln prägt. Freiheit wird damit ein Maß der Balance zwischen Mut und Gelassenheit, Selbst-Vertrauen und Risikobereitschaft. Souveränität gelingt, wo Ängste unser Handeln mitbestimmen, aber nicht diktieren können.

Thorsten Schilling


Hier kannst du das gesamte Heft als PDF herunterladen.    

                           
  •            
    Ich, Psycho
                Über eine junge Frau mit vielen Ängsten und sehr viel Lebensfreude                      
  •                                          
  •            
    Das dumme Gefühl, dass es die anderen besser hinkriegen
                Verdiene ich genug? Studiere ich das Richtige? Mögen mich die anderen? Sind solche Fragen blöd? Wir suchen Rat bei einem Soziologen                      
  •                                          
  •            
    Jetzt halt mal die Presse
                Wie die Panikmache der Medien funktioniert                      
  •                                          
  •            
    Fear gewinnt
                Was dahinter steckt, dass man in anderen Ländern von "German Angst" spricht                      
  •                                          
  •            
    Komisches Gefühl
                Selbstständig sein, kreativ arbeiten - klingt gut. Wenn da nur nicht die Existenzängste wären                      
  •                                          
  •            
    Machen!
                Manchmal muss man auch mal was riskieren und die Warnungen der anderen in den Wind schießen                      
  •                                          
  •            
    Schwarzseher
                Im Wahlkampf kann man schon mal Muffensausen kriegen. Ein Blick auf politische Kampagnen                      
  •                                          
  •            
    Die Sorgen der anderen
                Niklas hat keine Lust, zur Schule zu gehen - was wiederum seinen Eltern schlaflose Nächte beschert. Ein klärendes Gespräch mit ihm.                      
  •                                          
  •            
    Wir kriegen dich, du Schwein!
                Im Angesicht von Neonazis kann einem angst und bange werden. Über einen, der dagegen kämpft                      
  •                                          
  •            
    Centerfold: game of fear
                Jetzt seid ihr mal dran: Wer am wenigsten Schiss hat, gewinnt                      
  •                                          
  •            
    Keine Bange
                Die biologischen Grundlagen der Angst und ihr Nutzen                      
  •                                          
  •            
    So ein Terror
                In Kenia fürchten sich einige vor Terroranschlägen und machen die Somalier zu Sündenböcken                      
  •                                          
  •            
    "Ein Scheißhaufen auf der Straße"
                Gino ist obdachlos. Mit uns spricht er ganz offen über seine Sorgen                      
  •                                          
  •            
    Hallo, ich bin Arne
                Unser Autor hat versucht, seine Schüchternheit zu überwinden                      
  •                                          
  •            
    Im Zweifel für den Zweifel
                Wie es ist, wenn man täglich damit rechnen muss, abgeschoben zu werden                      
  •                                          
  •            
    Arbeitsplätze gehen verloren!
                Mit solchen und anderen Szenarien wollen uns Unternehmen Bange machen – eine kleine Sammlung                      
  •                                          
  •            
    Nur Mut - drei Aktivisten erzählen
                Man muss ganz schön Courage haben, wenn man in Kiew, Kairo oder Salamiyya gegen die Machthaber demonstriert                      
  •                                          
  •            
    Kuscheln, bis das Blut spritzt
                Interview mit einem jungen Regisseur von Horrorfilmen                      
  •                                          
  •            
    Holy Schiss
                Wir haben natürlich die ganze Zeit Angst, ein paar Ängste übersehen zu haben. Deswegen kommt hier noch mal ein Schwung                      
  •                                          
  •            
    Vorschau und Impressum
                                     
  •                                                  




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Was bisher geschah...

abo

Ich würde gerne das fluter Heft abonnieren. Leider funktioniert der link bei mir nicht.

Katrin rohoff | 23. Dezember 2014   23:10

Bei Anpfiff Angst

liebe Fluter-Macher, Im Heft wird auf der letzten Seite der Artikel "Bei Anpfiff Angst" auf der Webseite angekündigt. Aber hier ist er nirgends zu finden. Oder so gut versteckt, daß ich ihn nicht finde. Bin aber normalerweise nur geringfügig unterdurchschnittlich intelligent. Wo ist er? PS: Es heißt übrigens korrekt "Bitte gib die Zeichenfolge auf dem Bild wieder. Oder bringt der Adhortativ an dieser Stelle irgendeinen Erkenntnisgewinn gegenüber dem Imperativ?

Kay Sylvander | 22. Dezember 2014   09:40

Bei Anpfiff Angst

Im Heft wird auf der letzten Seite der Artikel "Bei Anpfiff Angst" auf der Webseite angekündigt. Aber hier ist er nirgends zu finden. Oder so gut versteckt, daß ich ihn nicht finde. Bin aber normalerweise nur geringfügig unterdurchschnittlich intelligent. Wo ist er?

Kay Sylvander | 22. Dezember 2014   09:39

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)