Das Büro im Rucksack

Die digitalen Nomaden

18.6.2014 | Paul Henkel | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Reisen ist für die meisten eine seltene Unterbrechung des Alltags. Die zwei, drei Wochen Spaß und Abenteuer, auf die man sich schon viele Monate vorher freut, die akribisch geplant werden und dann viel zu schnell vorbei sind. Aber so muss es nicht sein. Immer mehr Menschen kombinieren reisen und arbeiten. Die digitalen Nomaden haben ihre Arbeit als Unternehmer oder Freelancer so organisiert, dass sie von fast jedem Ort der Welt Geld verdienen können. Wie das funktioniert, was die Herausforderungen dieses Nomadenlebens sind und wie sie sich ihre Zukunft vorstellen, haben drei digitale Nomaden im Interview erzählen. 

Marcus Meurer – Online Unternehmer und Gründer der DNX – Digitale Nomaden Konferenz

"Alles fing Anfang 2013 mit einer Weltreise an. Meine Freundin Felicia und ich wollten ein halbes Jahr reisen, Abstand gewinnen und dann zurückkommen. Das war zumindest der Plan. Ich hatte zehn Jahre im Online Marketing bei großen Online-Unternehmen und Start-ups gearbeitet. Nachdem ich mein BWL-Studium nach dem Vordiplom abgebrochen hatte, habe ich erst bei einer Marketing-Agentur in Münster angefangen und mich dann mit jedem Jobwechsel weiter in der klassischen Karriere hochgearbeitet. Am Ende war ich Head of Online Marketing, hatte die Verantwortung für ein eigenes Team und ein sechsstelliges Budget. Das klingt toll, aber ich konnte mich nicht selber verwirklichen.

Also habe ich Ende 2012 gekündigt. Meine Freundin brauchte auch einen Jobwechsel, hat auch gekündigt und ist dann mit mir zusammen auf Weltreise gegangen. Für unsere Familien und Freunde haben wir während der Reise den Blog www.travelicia.de geschrieben. Fotos und Urlaubseindrücke geteilt. Auf den Philippinen habe ich das eBook von einem befreundeten Online-Kollegen gelesen, "Vom Job in die Freiheit". Das war mein Aha-Erlebnis. 

Meine Freundin hat mitgemacht. Sie kommt aus dem Eventmanagement und Online Marketing. Relativ schnell fiel dann der Entschluss, selber etwas gemeinsam online zu starten. Für uns hieß das: unseren Blog zu professionalisieren. Das haben wir noch von unterwegs angefangen, im April 2013. Wir verdienen am Blog seitdem vorwiegend über Produktempfehlungen – zu Produkten, die wir selbst getestet haben. In wenigen Tagen haben wir dann unsere anderen Services an den Start gebracht: Wir erstellen Websites für Unternehmen und Freiberufler und bieten Online-Marketing-Dienstleistungen an. Mit dem Abstand zu Deutschland hatten wir den Mut, der uns bisher für den Sprung in die Selbstständigkeit gefehlt hatte. Wenn man immer von selbst ernannten Marketing-Experten umgeben ist, hat man Zweifel, ob die eigenen Fähigkeiten für den Schritt ausreichen. Dass wir bereits Kontakte im Online Marketing und damit sofort die ersten Kunden hatten, hat natürlich geholfen. Aber im Prinzip kann es jeder schaffen: Das Wissen darüber, wie man ein Online-Business aufbaut, ist im Netz frei verfügbar. Rückblickend würde ich sagen, man sollte nichts überstürzen, sich mit seinen Talenten und Leidenschaften beschäftigen und sich mit inspirierenden Menschen umgeben.

Im Sommer 2013 sind wir zurück nach Berlin und haben dort zum ersten Mal andere digitale Nomaden kennengelernt. Das war unheimlich inspirierend und motivierend. Im Dezember haben wir uns direkt wieder aufgemacht nach Mittelamerika. Das Tollste am digitalen Nomadenleben ist, dass sich die Arbeit nicht nach Arbeit anfühlt, dass wir nicht mehr mit dem Wecker aufstehen müssen und unser Leben selbstbestimmt leben. Wir konnten von Anfang an von unserem neuen Job leben und arbeiten weiter daran. Da uns immer mehr Fragen erreicht haben, wie man digitaler Nomade wird und was die ersten Schritte sind, haben wir die DNX gegründet: eine Konferenz für digitale Nomaden. Die erste hat im Mai in Berlin stattgefunden, unserer Homebase, wenn wir in Deutschland sind. Was in fünf Jahren ist, interessiert mich nicht. Ich will auch nicht in Rente gehen. Ich lebe im Jetzt.“ 

Conni Biesalski  – Bloggerin für www.planetbackpack.de und Unternehmerin 

"Ich habe schon immer nomadig gelebt. Seit ich ein Teenager bin. Habe Schüleraustausche in den USA und England verbracht, später in Österreich und den USA studiert. Nach meinem Studium der Medienwissenschaften bin ich zwei Jahre lang um die Welt gereist. 2011 habe ich meinen ersten Erwachsenen-Job angenommen, einen Trainee in einer PR-Agentur in Berlin. Sehr schnell habe ich aber festgestellt, dass nine to five arbeiten nichts für mich ist. So bin ich relativ schnell aufs Bloggen gekommen. Ich habe mich dann gründlich auf meinen Sprung in die Selbstständigkeit vorbereitet. Fünf bis sechs Monate alles zum Thema digitale Nomaden gelesen, was ich im Netz finden konnte und mehrere Onlinekurse belegt. Ich hatte einen Puffer von einigen tausend Euro angespart, damit ich Durststrecken aushalten konnte, falls mal einige Monate nichts reinkommen würde. Einfach so kündigen und anfangen, das kann auch klappen, halte ich aber für ein bisschen naiv.

Ich habe zuerst als Freelancer für Online-PR, Übersetzungen und Wordpress-Installationen gearbeitet. Die ersten Kunden hatte ich schon, weil ich vorher regelmäßig auf Events in Berlin zum Thema Social Media, Start-ups und Online-PR war und jede Gelegenheit genutzt habe, um auf mich und das, was ich machen will, aufmerksam zu machen. Das Netzwerken hat mir viel gebracht, auch weil ich andere kennengelernt habe mit einer ähnlichen Lebens- und Arbeitsphilosophie. Vielen Leuten, die sich für das digitale Nomadenleben interessieren, fehlt die richtige Motivation. Auch die Bereitschaft, Zeit zu investieren und neue Dinge zu lernen. Nach eineinhalb Jahren als Freelancerin und Bloggerin habe ich mich dann komplett aufs Bloggen konzentriert. 

Jetzt verdiene ich vorwiegend über Marketing mit meinem Backpacker Blog Geld und über unsere Blog-Camp-Kurse. Zurzeit arbeite ich außerdem an meinem ersten E-Book, ein Leitfaden für den Start ins digitale Nomadenleben. Mir war von Anfang an wichtig, dass ich ein gewisses Einkommenslevel erreiche. Immer nur rumkrebsen, das war nie mein Ziel. Jetzt kümmere ich mich privat um meine Altersvorsorge. Von Ängsten vor Krankheit oder Altersarmut will ich mich nicht abhalten lassen, mein Leben zu leben.

Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, in Zukunft irgendwann einen Bürojob zu machen. Diese komplette Selbstverantwortung und Freiheit möchte ich gegen nichts eintauschen. Ob ich immer als Bloggerin arbeiten werde, weiß ich nicht, aber ich werde immer ortsunabhängig arbeiten. Klar gibt es beim Reisen auch Momente der Einsamkeit, aber ich bin relativ extrovertiert und finde daher recht schnell Kontakte. Es entstehen auch weltweit immer mehr Hubs, Orte, an denen sich digitale Nomaden treffen, zum Beispiel Medellín in Kolumbien oder Chiang Mai in Thailand. Familiengründung ist zurzeit kein Thema für mich. Aber wer weiß, was kommt. Ich habe da ja noch etwas Zeit. In diesem Jahr geht es für mich aber erst mal noch nach Australien, in die USA und nach Indien.  2015 sind dann wieder mehr Reisen geplant. Und irgendwann setze ich vielleicht auch mal ein Offline-Projekt um, ein Hostel oder Gästehaus zu starten. Die Ideen gehen nicht aus." 

Tim Chimoy  – freiberuflicher Architekt, bloggt auf www.earthcity.de übers Reisen und ortsunabhängige Arbeiten

"Mein gelernter Beruf ist nicht klassisch für einen digitalen Nomaden, da er sich nicht vollkommen online abspielt. Es funktioniert aber trotzdem, als Architekt weitgehend ortsunabhängig zu arbeiten, wenn man es richtig anstellt.  Gereist bin ich schon immer gerne. Nach dem Abschluss meines Architekturstudiums 2007 habe ich bei verschiedenen Unternehmen in Deutschland, in den USA und China als Architekt gearbeitet. Im Anschluss daran habe ich einen Masterstudiengang in Projektmanagement in Helsinki draufgesattelt. 2011 hatte ich dann meinen ersten festen Job in Deutschland als Projektmanager im Bauwesen. Da geht es knallhart um Kosten, Termine und viel Geld. Ziemlich schnell war mir klar, dass ich in den Strukturen eines großen Unternehmens nicht glücklich bin. Ich wollte mehr Freiheit, mir meine eigenen Projekte suchen und meine Persönlichkeit nicht an der Garderobe abgeben.

Ich habe nach einem längeren Urlaub damals den Entschluss gefasst, zu kündigen und mich selbstständig zu machen und das dann auch erfolgreich durchgezogen. Rücklagen hatte ich wenige. Anderen würde ich heute empfehlen, anfänglich mehr zu sparen. Ich habe mich damals mit einem Service für architektonische Zeichnungen und Visualisierungen selbstständig gemacht und konnte dabei noch von Kontakten aus früheren Jobs profitieren. Parallel habe ich mit dem Bloggen angefangen. Es hat mehr als ein Jahr gedauert, bis ich auch damit ein wenig Geld verdient habe. Der Blog war nie meine primäre Einkommensquelle, so wie bei anderen digitalen Nomaden. Ich habe in den letzten zwei Jahren echt viel ausprobiert. Viel gelernt. Diverse Website-Projekte gestartet. Es ist nicht alles rosarot: Wer selbstständig arbeitet, braucht Selbstdisziplin. Man braucht schon ein paar feste Strukturen.

Ein Großteil meiner Einnahmen kommt zurzeit aus meiner Arbeit rund um die Architektur. Ich erstelle mit meinem 'Tusche-Team' technische Zeichnungen, Marketingpläne für Immobilienfirmen, 3D-Visualisierungen von Gebäuden und arbeite hin und wieder auch klassisch architektonisch im Innenausbau. Mein Team arbeitet dabei zwar nicht vom selben Ort, durch virtuelle Kollaboration stehen wir trotzdem in ständigem Kontakt. Die Kostenersparnis können wir an die Kunden weitergeben. Das klappt super. Viele denken, ihr Job ist für ortsunabhängiges Arbeiten nicht geeignet. Aber es muss nicht immer Bloggen oder Online-Marketing sein. Manchmal findet man mit etwas Kreativität auch Lösungen für andere Berufe. Nischen findet man in vielen Bereichen.

Man darf keine Angst haben, auch  einmal auf die Nase zu fallen, wenn man den Weg ins digitale Nomadentum wählt. Aber da ist diese ständige Ungewissheit, was passiert, wenn eine wesentliche Einnahmequelle mal versiegt. Wer mit dieser Angst nicht umgehen kann, sollte sich nicht selbstständig machen. Ich genieße meine Freiheit allerdings sehr. Ich bin nicht permanent im Ausland unterwegs, nicht jeder digitale Nomade ist Weltreisender. Ich reise gern, etwa vier bis fünf Monate im Jahr, verbringe die Sommer aber in Berlin. Zwar arbeite ich heute mehr als damals, habe aber viel mehr Selbstbestimmung."

Links

Das Blog Camp ist ein Online-Kurs, den Connie Biesalski und ihr Blogger-Kollege Sebastian Canaves anbieten. Sie zeigen Anfängern, wie sie Schritt für Schritt zum erfolgreichen Blogger werden können.

Die DNX ist die erste Konferenz in Deutschland, die sich ausschließlich dem digitalen Nomadentum widmet. Im Oktober 2014 findet sie zum zweiten Mal in Berlin statt. 

Marcus Meurer bloggt hier

Das betahaus ist eines der ältesten Co-Working-Spaces in Deutschland und ein beliebter Treffpunkt für digitale Nomaden aus der ganzen Welt. Mittlerweile gibt es nicht nur eine Dependance in Hamburg, sondern auch in Sofia und Barcelona.

Im Forum "digitalen Nomaden" können sich alle austauschen, die sich für den Lifestyle der digitalen Nomaden interessieren oder selbst bereits ortsunabhängig arbeiten.   



Paul Henkel lebt in Bielefeld und schreibt als freier Autor vor allem über Wirtschafts- und Gesellschaftsthemen.




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