Eine Reise ohne Wiederkehr

Interview mit Ville Tietäväinen, Autor von "Unsichtbare Hände"

6.7.2014 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wer von Afrika nach Europa flüchten will, der hat eine lange, überteuerte und äußerst gefährliche Reise vor sich. Und nur selten Aussicht auf eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Der finnische Grafiker und Comiczeichner Ville Tietäväinen hat sich der Geschichte eines solchen Immigranten angenommen, eines "Papierlosen", der sich als Arbeitssklave in den ausgedehnten Gewächshausplantagen Spaniens verdingt.

Tietäväinen hat fünf Jahre für seine Graphic Novel "Unsichtbare Hände" recherchiert. Hinter seinem Protagonisten Rashid, der von Tanger aus mit einem klapprigen Fischerboot nach Spanien aufbricht, verbirgt sich keine reale Person. "Die Geschichte, die dieses Buch erzählt, ist frei erfunden, aber es gibt tausende von Variationen davon, die wahr sind", schreibt der Anthropologe und Islam-Experte Marko Juntunen, der Tietäväinen bei der fünfjährigen Recherche in Marokko und Spanien unterstützt und begleitet hat.

"Unsichtbare Hände" erschien 2011 in Finnland und wurde mit dem renommierten Finlandia-Literaturpreis ausgezeichnet. Vor kurzem hat der Avant Verlag das Buch auf Deutsch veröffentlicht. Eine Ausstellung über die Graphic Novel und die Recherchen dazu ist noch bis 31. August 2014 im Literarischen Colloquium Berlin zu sehen. fluter.de-Redakteurin Stephanie Wurster sprach mit dem in Helsinki lebenden Künstler.

fluter.de: Lieber Ville, deine Graphic Novel “Unsichtbare Hände“ hat in Finnland mehrere Preise abgeräumt, super Kritiken in den Zeitungen und eine Menge Aufmerksamkeit bekommen. Wie geht es dir damit?

Ville Tietäväinen: Natürlich bin ich sehr geschmeichelt. Es kommt nicht oft vor, dass ein Buch so gut von Kritikern und Lesern zugleich angenommen wird! Besonders glücklich bin ich darüber, dass mehrere tausend finnische Leser, die nie zuvor eine richtige Graphic Novel gelesen haben, jetzt verstehen, dass man mit Comics jede Geschichte, die man will, erzählen kann.

Wie kam es eigentlich dazu – wieso fingst du an, doch mit den Schicksalen papierloser Immigranten in Europa zu beschäftigen?

2001 sah ich einen echten Vorgänger meines Protagonisten Rashid; er warf diese Superman-Klebefigürchen auf Schaufenster von Modeboutiquen in Paris. Der Kontrast zwischen diesem lethargischen Mann und seiner Umgebung waren so irritierend, dass ich anfing, darüber nachzudenken, was dieser Mann wohl für ein Leben hatte.

Überleben in den "Folienstädten" von Almeria

War es schwer, Menschen zu finden, die dir ihre Geschichte erzählten? Und wie funktionierte die Zusammenarbeit mit dem Anthropologen Marko Juntunen, mit dem du nach Marokko und Spanien gereist bist?

In Marokko empfing man uns mit offenen Armen. Die meisten, die wir getroffen haben, kannten Marko bereits – er hat dort drei Jahre gelebt, einige dort haben ihn wie einen Verwandten behandelt. Das Vertrauen in uns war so groß, dass ich zum Beispiel gefragt wurde, ob ich der "offizielle Fotograf" bei der Beschneidung des Sohnes einer Familie sein könnte – meine Kamera war die einzige im ganzen Viertel. In Spanien, in Almeria, war es schwerer, Vertrauen zu den papierlosen Immigranten aufzubauen. Jeder Europäer bedeutete für sie erstmal die Gefahr einer Abschiebung. Mit der Hilfe von Markos flüssigem Arabisch schafften wir es aber, ihr Vertrauen zu erlangen, und sie zeigten uns, wie sie es schafften, unter den fürchterlichsten Umständen zu leben und zu arbeiten.

Dein Protagonist Rashid ist ein gläubiger Muslim und ein liebevoller Familienvater. Das hilft ihm auf seiner Passage nach Europa aber nicht – eigentlich wird in deinem Comic sogar deutlich, dass etwas kriminelle Begabung dazu gehört, um die Prüfungen so einer Reise auszuhalten. Ich fand, dass dies vielleicht der interessanteste Aspekt an deinem Buch ist. Am Ende aber wird seine Reise wieder spirituell – verstehe ich das richtig?

Ohne alles verraten zu wollen, aber ja, das stimmt: In Europa verliert Rashid nach und nach alles, was ihm in Marokko lieb und teuer war. Das eigentliche Thema meines Buches ist, wie fragil die Identität ist. Dass es unmöglich ist, man selbst zu bleiben, wenn einem nicht mal gestattet ist, zu existieren. Rashid kommt nach Europa, um für sich und seine Familie ein besseres Leben zu finden. Er möchte zeigen, dass er alles hat, was man braucht, um ein Mann zu sein. Seine Reise ist auch ein Männlichkeitsritus. Das Superman-Outfit, das er am Ende anzieht – zu dem mich die Superman-Klebefigürchen inspiriert haben – ist eine unterbewusste Manifestation dieser Suche.

Ein Teil des Verkaufspreises der deutschen Ausgabe geht an die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl, die sich für Flüchtlinge einsetzt. Gibt es für andere Ausgaben ähnliche Modelle?

Die Zusammenarbeit mit Pro Asyl war die Idee meines deutschen Verlegers. In Finnland haben wir so eine Kollaboration nicht. Obwohl es in meinem Buch nicht um Flüchtlinge geht, sondern um Immigranten, finde ich, dass es gut passt. Ich finde, das alle diese Menschen genügend gute Gründe haben, zu versuchen, ihr Leben zum Besseren zu wenden: Krieg, Hungersnot, Erdbeben, oder wie bei Rashid, Armut und zu wenig Selbstachtung.

"Unsichtbare Hände" von Ville Tietäväinen from avant-verlag on Vimeo.

Arbeiter ohne Menschenrechte

Nach allem, was du bei der Arbeit an dem Buch, bei der aufwendigen Recherche dazu erfahren und gesehen hast: Was denkst du über die europäische Flüchtlingspolitik?

Zum Glück bin ich kein Politiker, sondern ein Künstler. Als Augenzeuge habe ich mich verpflichtet, die unfassbaren Dinge, die ich gesehen habe, weiterzugeben, und zwar: sie aus der Perspektive eines Immigranten zu zeigen. Es ist kein Sachbuch geworden und kein politisches Pamphlet, sondern ein Drama. Und um mal nicht von dem Buch zu sprechen: Ich bin sicher, je mehr die Festung Europa ihre Grenzen bewacht, desto mehr humanitäre Katastrophen werden wir erleben. Ganz besonders bin ich gegen die Politik Europas, Millionen papierloser Immigranten innerhalb seiner Grenzen zu behalten, um sie als Arbeiter auszubeuten, ohne dass ihnen Menschenrechte zugestanden werden.

Noch was Anderes: Finnland ist das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse im Oktober. In Deutschland ist die finnische Literatur- und Comicszene leider nicht allzu bekannt, und es ist wenig übersetzt. Was sollen wir lesen? Kannst du uns drei wirklich tolle finnische Bücher empfehlen?

Erstens: Das gesamte Werk von Arto Salminen, besonders "Lahti", in dem er auf 150 Seiten so dermaßen viel erzählt. Es ist ein sehr kluges, brutales und witziges Buch über die Menschheit. Zweitens: Matti Hagelbergs "Kekkonen" oder "Silvia Regina": Diese Comics interpretieren historische Mythen und die Dystopie einer wirtschaftsliberalen Gesellschaft neu – so tragisch wie urkomisch. Und drittens: Ganz unbescheiden muss ich auch "Vain pahaa unta" (Nur schlechte Träume) nennen, ein Bilderbuch, das ich mir meiner damals sechsjährigen Tochter Aino gemacht habe, über ihre Albträume und darüber, wie man mit ihnen umgeht. Es ist mein originellstes Buch. Näher kann man dem Unterbewusstsein, glaube ich, nicht kommen.

Ville Tietäväinen: Unsichtbare Hände (Avant Verlag 2014, übers. von Alexandra Stang, 216 S., 34.95 €)

Links

NZZ-Reportage über die im spanischen Almeria arbeitenden "Papierlosen"
Migrations-Newsletter der bpb - mit einer Vorstellung von Ville Tietäväinens "Unsichtbare Hände"







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