Bei Freunden unterm Sofa

Der Boom der Wohnblogs

22.5.2013 | Anja Martin | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Wohnen ist ein Thema, das jeden betrifft – das ist vielleicht die wichtigste gemeinsame Botschaft der zahlreichen Wohnblogger, die sich seit etwa 2005 im Netz tummeln. Offenherzig zeigen sie, wie sie selbst, ihre Freunde und Bekannten leben, welche schlauen Innendesign-Lösungen sie gefunden und was sie sich gerade Neues angeschafft haben. Die populärsten Blogs, wie The Selby oder Freunde von Freunden, rühmen sich ihrer mitunter 20.000 bis 100.000 Unique Visitors am Tag.

Authentische Wohnungen von echten Menschen stehen bei den Wohnblogs im Fokus, nicht die aufgeräumten Domizile aus Hochglanzmagazinen, die vermuten lassen, vor dem Shooting sei ein Möbelwagen vorgefahren. In diesen Wohnungen, Lofts und Häusern wird gelebt. Selbst Unordnung, geschickt fotografiert, wirkt so nicht unbeholfen.

So wohnen also andere!

Ob Apartment Therapy, French By Design, 23qm Stil oder The Selby, immer färbt die Philosophie der Blogs die Geschichten. Mal spürt man die Liebe fürs Trashige, mal fürs skandinavische Design, mal für Vintage oder Handgemachtes. Oft steht der Blogger samt Netzwerk im Mittelpunkt, mal hängt alles am Mitmachwillen der Leser/innen: Bei Ikea Hackers etwa, wo es um das kreative Verändern von Ikea-Produkten geht. Oder bei So leb' ich, einer Community, in der man selbst Fotos seiner Wohnung einschicken kann und soll. Unter den Bloggern sind Interior-Designer/innen, Medienschaffende, Kreative oder schlicht Einrichtungsverliebte.

Dabei vermischen sich immer häufiger die Lifestyle-Themen Wohnen, Essen, Mode und Reise: Wohnblogger posten auch mal ein Rezept oder einen Reisebericht, und selbst Streetstyleblogger wie Mary Scherpe (Stil in Berlin) haben die Homestories für sich entdeckt.

Aber so individuell und persönlich die Wohnblogs auch sind: Unabhängig sind sie nur, soweit ihre Macher/innen das wollen. In einigen der Blogs wird auffällig viel über Produkte, die der Blogger vermeintlich zufällig gefunden und für gut befunden hat, geschrieben. Sogenannte Bezahlposts sind üblich. Das sollte man als Leser/in nie vergessen. Und Unternehmen laden fleißige Onlinetagebuchschreiber immer öfter zu "Recherchereisen" ein. Allerdings gehört es zum guten Bloggerton, das offenzulegen. PR bleibt es natürlich trotzdem.

Vom Blog zum Buch

Offensichtlich wollen so viele Menschen bei anderen Mäuschen spielen, dass auch die Buchverlage aufmerksam geworden sind und die Heim-Schau auf Papier drucken. Etwa "Northern Delights", das erste Buch von Emma Fexeus, die mit Emmas Designblogg den ältesten Wohnblog Schwedens betreibt. Das deutsche Wohn-Portal So leb' ich arbeitet schon an seinem zweiten Buch. Dabei soll die Community in einem Wettbewerb mitentscheiden, welche Fotos in die Publikation kommen. Der amerikanische Einrichtungsberater Maxwell Ryans, der mit Apartment Therapy einen der ersten Wohnblogs überhaupt lancierte, hat sogar gleich eine ganze Reihe an Büchern herausgebracht.

Einer der angesagtesten Blogger ist der New Yorker Fotograf Todd Selby. Er darf auch schon mal ein Pärchen in der Badewanne ablichten – wie aus dem Leben gegriffen! Selby kommt von seinen Hausbesuchen nicht nur mit Fotos zurück, sondern auch mit ausgefüllten Fragebögen und Filzstiftzeichnungen. Ihm geht es nicht nur darum, sehr persönlich eingerichtete Wohnungen zu dokumentieren, sondern auch um seinen ganz persönlichen Blick. Angefangen haben seine Visiten bei Bekannten und Freunden. Heute bitten ihn auch Prominente herein – etwa R.E.M.-Sänger Michael Stipe oder Peaches Geldof, Fotomodell, It-Girl und Tochter von Bob Geldof. Weltkonzerne wie Louis Vuitton, Fendi, Hennessy oder Heineken engagieren Selby, damit er in seinem Stil Wohnungen, Werkstätten und Ateliers für sie ablichtet. Sein Buch "The Selby is in your place" erschien 2012 auf Deutsch.

Kreativ, international, kontaktfreudig

Auch bei Freunde von Freunden (FvF) läuft der Zugang, wie der Name schon sagt, über die Bekannten. Man kennt jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt – so wurde das Onlinemagazin schnell international. FvF ist heute in 35 Städten mit Fotografen und Redakteuren vertreten. Neue Wohnungen finden die FvF-Blogger durch Empfehlungen von bereits Portraitierten und über lokale Netzwerke. Scoutfotos erübrigen sich: Es geht ja in erster Linie um inspirierende Menschen mit einer Leidenschaft. "Wenn eine Person kreativ ist, dann hat sie sich auch Gedanken gemacht, wie sie sich einrichtet", sagt Frederik Frede. Zusammen mit Tim Seifert und Torsten Bergler hat er 2009 das Portal gegründet.

2011 extrahierten sie aus der Website einen ersten Bildband mit Berliner Domizilen. Im Juni diesen Jahres kommt nun ein neuer Band mit Wohnungen aus aller Welt. Statt nur Bestehendes zu inspizieren, werden FvF jetzt selbst aktiv: Momentan richten sie gemeinsam mit dem Möbelunternehmen Vitra eine Art Musterwohnung des zeitgemäßen Lifestyles in Berlin ein, in die Erfahrungen aus vier Jahren Hausbesuchen bei der Kreativkaste einfließen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Wohnblogs nicht mehr nur das reale Leben zeigen. Sie haben auch einen aktiven Anteil an der Gestaltung.

Die Wohnblog-Bücher

Freunde von Freunden – Berlin (Distanz Verlag 2011, 336 S., 39.90 €)
Freunde von Freunden – Friends (Distanz Verlag, Juni 2013, 336 S., 39.90 €)
Todd Selby: The Selby schaut vorbei (DuMont Buchverlag 2012, 272 S., 25 €)
Emma Fexeus, S. Ehmann: Northern Delights (Gestalten Verlag 2013, 256 S., 39.90 €)
Nicole Maalouf: So leb' ich – Wohne, wie es dir gefällt (Blottner Verlag 2010, 176 S., 29.80 €)

Die Wohnblogs

www.23qmstil.blogspot.de
www.apartmenttherapy.com
www.emmas.blogg.se
www.frenchbydesign.blogspot.de
www.freundevonfreunden.com
www.ikeahackers.net
www.solebich.de
www.stilinberlin.de
www.theselby.com

Anja Martin lebt als freie Autorin in Berlin und schreibt über Reise, Architektur, Gesellschaft und Medien.

Fotos: ''The Selby schaut vorbei'' | © Todd Selby; Ferm Living aus ''Northern Delights'' | © Gestalten 2013; Axel van Exel aus ''Freunde von Freunden - Berlin'' | © Freunde von Freunden







Kommentare

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Was bisher geschah...

Von wegen

Bei Modebloggern mag es ja üblich sein, dass es reichlich Geschenke regnet und diese dafür nur einen positiven Text über das Produkt schreiben. Bei Wohnbloggern sind bezahlte Post sehr, sehr selten.

Jules | 2. Juli 2013   17:25

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