Stadt speckt ab

Das Phänomen der "Schrumpfenden Städte"

13.5.2013 | Andreas Pankratz | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Es ist so ähnlich wie beim Computerspiel "Sim City". Auf einer Karte haben die Duisburger Stadtplaner Rechtecke eingezogen und hoffen darauf, dass an diesen Stellen viele neue Einfamilienhäuser wachsen. Die Kästchen symbolisieren Baugrundstücke in der Größe von insgesamt 600 Fußballfeldern. Das erscheint paradox, ist die Bevölkerung in Duisburg doch stark rückläufig: Innerhalb der vergangenen zehn Jahre ging die Zahl um fast 50.000 Einwohner auf nunmehr weniger als 490.000 zurück. Die Stadt an Rhein und Ruhr ist dabei keine Ausnahme.

Hunderte Städte in ganz Deutschland schrumpfen. Im Ruhrgebiet, auch in Oberfranken, im Saarland oder in Teilen Baden-Württembergs und Hessens und besonders stark im Osten der Republik. Vor allem junge und gut ausgebildete Menschen verlassen Orte, die ihre wirtschaftliche Grundlage und damit Arbeitsplätze verloren haben.

In Duisburg stehen derzeit 14.700 Wohnungen leer, ganze Stadtviertel veröden. Wäre Duisburg eine Stadt in "Sim City", wären dort viele Pixel-Gebäude in einem unappetitlichen braunen Farbton schraffiert.

Weniger Einwohner bedeuten für eine Stadt weniger Steuereinnahmen, denen wachsende Ausgaben für eine alternde und von Arbeitslosigkeit bedrohte Bevölkerung gegenüberstehen. Die verbleibende Bevölkerung merkt den Einwohnerrückgang beispielsweise an steigenden Kosten für das Leitungswasser und verfallenden Häuserblocks. Die Stadt steht zudem unter dem Druck, die teure Infrastruktur anzupassen. "Wir akzeptieren, dass wir schrumpfen, und stellen uns darauf ein", sagt Arne Lorz vom Duisburger Amt für Stadtentwicklung.

Diese Einsicht ist nicht selbstverständlich. Denn noch immer prägt ein Wachstumsparadigma das Denken über Stadtentwicklung, wie Sozialwissenschaftlerin Birgit Glock in ihrem Beitrag auf bpb.de schreibt. 

Inzwischen ist die Verwaltung der einstigen Stahl- und Kohlehochburg auf die Mammutaufgabe vorbereitet und hat jetzt gemeinsam mit interessierten Bürgern ein umfassendes Maßnahmenpaket erarbeitet. Das Projekt "Duisburg 2027" soll nicht die Einwohnerzahl steigen lassen; das kann nicht gelingen. "Man wäre schon froh darüber, wenn die Stadt nicht mehr so viele Menschen verlieren würde, wie zuletzt. Wir müssen die soziale Stabilität und die Einnahmen für die Stadtkasse sicherstellen", sagt Lorz.

Viele nicht benutzte Wohnungen werden abgerissen, attraktive Bestandsbauten saniert. Und viele hundert neue Wohnungen und Einfamilienhäuser müssen her, trotz des gewaltigen Leerstands. Junge Familien sollen die Möglichkeit bekommen, innerhalb der Stadtgrenzen modern zu wohnen, und nicht wie in den 1990er-Jahren in die Versuchung geraten, ins Umland abzuwandern.

Lorz sieht in dem Schrumpfungsprozess sogar Vorteile. "Vor zweihundert Jahren war Duisburg noch eine Kleinstadt", sagt der Stadtplaner. Während der Industrialisierung ist sie wie die meisten Ruhrgebietsstädte schnell gewachsen. Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg verlief ebenfalls auf Kosten eines ausgewogenen Stadtbildes. "Die Schrumpfung bietet uns nun die Möglichkeit, die zu dichte Bebauung etwa durch Grünflächen zu ersetzen", sagt Lorz. Duisburg will sich als günstige Alternative zu Boomstädten wie Düsseldorf und Köln anbieten, wo die Mieten immer teurer werden.

Ob die Pläne mehr sind als Zweckoptimismus, werden die Duisburger spätestens im Jahr 2027 sehen. Die Fachwelt ist sich jedenfalls einig, dass die besorgniserregende Entwicklung deutschlandweit anhalten oder sich angesichts des demografischen Wandels sogar beschleunigen wird. Bei den beiden Projekten Stadtumbau Ost und Stadtumbau West investieren Bund und Länder deshalb Milliarden, um den Gemeinden auch langfristig eine selbstbestimmte Zukunft zu ermöglichen. Auch Duisburg bekam Geld aus dem Topf.

Ein Beispiel dafür, dass die Trendwende gelingen kann, ist Leipzig. Durch gezielte Investitionen hat die Stadt nun wieder das Bevölkerungsniveau der 1980er-Jahre erreicht. "In Leipzig sind es vor allem Quartiere nahe des Stadtzentrums, die wachsen", sagt Stadtforscher Christoph Haller, der das Programm Stadtumbau Ost wissenschaftlich begleitet. So sei das auch in anderen Regionen der Republik: Wachstum und Schrumpfung vollziehen sich in unmittelbarer Nachbarschaft.

Umstritten ist, welche weiteren politischen Schlüsse daraus zu ziehen sind. "Eine Möglichkeit wäre, dass gesunde Städte die schrumpfenden Städte noch stärker durch Umverteilung von Mitteln unterstützen", sagt Haller. Denn überlässt man diese Städte sich selbst, besteht die Gefahr, dass sie kollabieren.

Andreas Pankratz hat bei der Bundeszentrale für politische Bildung volontiert und arbeitet derzeit als freier Journalist in Düsseldorf.

Fotos: © Picture Alliance / dpa
Grafik: ©
Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBR)

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Kommentare

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Was bisher geschah...

In Düsseldorf arbeiten, in Duisburg wohnen

Auf die o.g. Idee ist man in Duisburg ja schon gekommen. Allerdings gibt es schon jetzt ein Verkehrsproblem (sowohl auf der Straße als auch auf der Schiene) und ich kann mir nicht vorstellen, dass der Pendelverkehr noch mehr wachsen kann. Gleichzeitig ist die Finanzierung der einzigen alternativen Schienenstrecke zwischen Duisburg und Düsseldorf (U79) gefährdet. Ich glaube ja nicht, dass das was wird ...

Flusskiesel | 21. Mai 2013   11:57

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