Wohnen, wie es mir gefällt

Selbstbestimmtes Wohnen

7.5.2013 | Thomas Becker | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wie bequem war es doch im Hotel Mama. Waschen, kochen, einkaufen – für alles war gesorgt. Doch Sarah Lisa Franzen, damals 23, wollte lieber in ihren eigenen vier Wänden leben. Raus aus dem Zimmer, wo sie schon als Kind lebte. Rein ins Erwachsenenleben. Die Frage war nur: Wo in Essen gab es für sie eine Wohnung? 

Seit ihrer Geburt leidet die junge Frau am Ullrich-Turner-Syndrom. So nennen Wissenschaftler eine Veränderung der Erbanlagen, die nur bei Mädchen und Frauen auftritt. Ursachen: unbekannt. Sarah Lisa Franzen ist kleinwüchsig, hat Epilepsie und eine leichte geistige Behinderung. "Einen eigenen Haushalt ohne fremde Hilfe zu führen, würde sie wahrscheinlich überfordern", vermutet Anne Franzen, ihre Mutter. 

Früher wäre Sarah Lisa Franzen nichts anderes übrig geblieben, als in ein Behindertenwohnheim zu ziehen. Doch von einer solchen stationären Einrichtung hält die junge Frau nichts. "Da machen sie alles mit einem", sagt sie. "Jetzt übertreibst du aber", entgegnet die Mutter. "Das Leben in einer Betreuungseinrichtung bietet auch Vorteile, für alles ist gesorgt." 

Trend geht hin zum ambulant betreuten Wohnen 

Fremde Hilfe, ja, aber nicht zu viel – darauf verständigten sich Mutter und Tochter. Am besten in einer Wohnung, in der ein Betreuer regelmäßig nach dem Rechten schaut. "Ambulant betreutes Wohnen" – so nennen Fachleute diese Wohnform. Ziel ist es, Betroffenen zu einem möglichst selbstständigen Leben in der eigenen oder der angemieteten Wohnung zu verhelfen.

"Der Trend in der Behindertenhilfe geht klar hin zum ambulant betreuten Wohnen und weg von der Unterbringung in großen, stationären Einrichtungen", sagt Monika Schneider, Leiterin der Agentur für Wohnkonzepte in Köln. "Die Politik forciert diesen Trend seit rund zehn Jahren."

Etwa in Nordrhein-Westfalen: 2004 ließ sich nur jeder dritte Wohnhilfenempfänger ambulant betreuen, 2011 waren es bereits 52 Prozent. "Ambulant vor stationär", so lautet die Marschrichtung überall in der Behindertenhilfe. 

Und das Angebot wird breiter. "Es entstehen derzeit mehr und mehr Spielarten des ambulant betreuten Wohnens", sagt Monika Schneider. "Es gibt Angebote für Demenzkranke, für Rollstuhlfahrer, für psychisch Erkrankte, für Menschen mit Schädelhirntrauma, mal als reine Männer-, mal als Frauenwohngemeinschaft." 

Von Seiten der Politik heißt es, der Ausbau ambulanter Wohneinrichtungen werde vorangetrieben, um die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 umzusetzen. In Artikel 19 wird gefordert, dass alle Unterzeichnerstaaten dafür Sorge zu tragen haben, dass "Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben". 

Die Ambulantisierung spart Kosten 

Kritiker melden allerdings Zweifel an. "Die Ambulantisierung wird auch vorangetrieben, weil sie Kosten spart", sagt Monika Schneider. Ein Platz im ambulant betreuten Wohnen kostet laut Angaben des Landschaftsverbandes Rheinland durchschnittlich 50 bis 70 Prozent weniger als in einer stationären Einrichtung. 

Auch deswegen werden seit Jahren kaum noch Neubauten stationärer Einrichtungen genehmigt. Die Folge: Es gibt große Engpässe. "In vielen Städten warten Menschen auf einen Platz, die dringend auf intensive Betreuung angewiesen sind", sagt Monika Schneider. Mittlerweile bedeute "ambulant vor stationär" oft: ambulant, kein stationär. "Wir brauchen aber beides." 

Grundsätzlich begrüßen die meisten Experten den Ausbau ambulanter Angebote. "Davon profitieren vor allem Menschen mit leichteren Behinderungen", sagt Monika Schneider. Früher seien viele von ihnen aus Mangel an Alternativen im Heim untergebracht oder von Eltern gepflegt worden. "Das muss heute zum Glück nicht mehr sein." 

Das kommt auch Sarah Lisa Franzen zugute. In ihrer Wohngemeinschaft lebt sie seit drei Jahren mit sechs Mitbewohnern, die eine geistige Behinderung haben. Betreut wird die Wohngemeinschaft von der Evangelischen Stiftung Hephata – eine Einrichtung, die sich auf Hilfsangebote für Menschen mit geistigen Behinderungen spezialisiert hat. Einer von mehreren Hephata-Betreuern ist ständig im Haus. Damit ist eine 24-Stunden-Bereitschaft gewährleistet. "Im täglichen Leben kommt Sarah Lisa schon gut zurecht, und sie wird immer selbstständiger", sagt Christine Hägele, ihre Bezugsbetreuerin. 

Das zeigt sich auch an diesem Nachmittag. Acht Stunden hat die junge Frau in einer Werkstatt gearbeitet, anschließend war sie bei der Fußpflege. Für den Abend hat sie sich noch nichts vorgenommen. Vielleicht wird sie mit einer Freundin telefonieren oder spazieren gehen. Ja, sie kann tun, was ihr gefällt – eine Freiheit, die sie genießt. "Ich fühle mich wohl hier", sagt die junge Frau.

Thomas Becker (35) ist freier Journalist und lebt in Düsseldorf.
Fotos: © picture-alliance/dpa-Report; © picture-alliance/ZB

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