Wohnen - damals und heute

Wohnungsnot und sozialer Wohnungsbau

6.5.2013 | Inga Rahmsdorf | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Jeder dritte Mieter in Berlin zieht nach spätestens einem Jahr wieder um. Das ist keine aktuelle Statistik, sondern das Wohnverhalten der Berliner vor mehr als 100 Jahren. Besonders die Arbeiter lebten während der Industrialisierung des späten 19. Jahrhunderts in unsicheren Verhältnissen. Die deutschen Städte wuchsen so stark, dass Wohnraum fehlte. Den Arbeitern konnte täglich gekündigt werden. An Eigentum war nicht zu denken. Für sie kam nur das Wohnen zur Miete in Frage.

Mit dem Übergang von agrarischen zu industriellen Produktionsweisen wandelten sich nicht nur die Gesellschaft und das Bild der Städte, sondern es entwickelte sich auch eine starke Miettradition, die bis heute das Wohnverhalten in Deutschland prägt. Immer noch lebt heute jeder Zweite zur Miete. Im internationalen Vergleich ist das ein hoher Anteil. In Südeuropa sind zum Beispiel dreiviertel der Wohnungen Privateigentum

Unsittliches Wohnen

Durch die Industrialisierung wurde die Frage nach angemessenem und ausreichendem Wohnraum erstmals ein zentrales innenpolitisches Thema in Deutschland. Die Zugezogenen in den Städten wechselten nicht nur häufig den Wohnort, sie lebten auch auf engstem Raum zusammen und mussten sich oft sogar das Bett mit Fremden, den "Schlafgängern", teilen. Konnten sie die Miete nicht zahlen, landeten sie auf der Straße. Über dieses "Nomadentum" empörte sich das Bürgertum. In dem unsteten und wilden Durcheinander von Familien und Fremden sah es einen moralischen Sittenverfall und die Gefahr politischer Aufstände. Aber auch die Arbeiterbewegungen, sozialpolitisch engagierte Organisationen und Wissenschaftler protestierten gegen die elenden Wohnverhältnisse.

In seinem "Mahnruf in der Wohnungsfrage" erklärte 1890 der Ökonom Gustav von Schmoller: "Die besitzenden Klassen müssen aus ihrem Schlummer aufgerüttelt werden; sie müssen endlich einsehen, dass selbst wenn sie große Opfer bringen, dies nur (...) eine mäßige, bescheidene Versicherungssumme ist, mit der sie sich schützen gegen Epidemien und gegen die sozialen Revolutionen, die kommen müssen, wenn wir nicht aufhören, die unteren Klassen in unseren Großstädten durch ihre Wohnungsverhältnisse zu Barbaren, zu tierischem Dasein herabzudrücken."

Auch nach dem Ersten Weltkrieg war die Wohnungsnot noch groß, doch die politischen Voraussetzungen für die Wohnungsreform hatten sich verbessert. Der Staat war von der Kommune bis zur Zentralregierung demokratisch organisiert und es entstanden zahlreiche Initiativen von unten und innovative Projekte jenseits des kapitalistischen Marktes. Die 1920er-Jahre gelten bis heute als das "goldene Zeitalter" der Wohnungspolitik. Architekten wie Bruno Taut, Fritz Schumacher und Theodor Fischer entwarfen neue Siedlungsformen, in denen sie Ideen von besseren Häusern verwirklichen wollten: Licht, Luft und Sonne sollten die Wohnarchitektur bestimmen. Um die Großprojekte bauen zu können, wurden auch neue Konzepte der Finanzierung realisiert. Bis Mitte der 1920er-Jahre gab es bereits 4.000 Genossenschaften in Deutschland, die oft ohne staatliche Unterstützung neue Siedlungen bauten. Sie beruhten auf der Idee der Gemeinnützigkeit: Alle Gewinne, die erwirtschaftet werden, müssen wieder in den eigenen Betrieb investiert werden.

Wiederaufbau in Ost und West

Nach dem zweiten Weltkrieg galt es zunächst, den Bau und Wiederaufbau von Wohnungen zu fördern. Zu Beginn der 1950er-Jahre wurden in Deutschland über 500.000 Wohnungen fertiggestellt. Der Großteil davon im Rahmen des öffentlich geförderten Wohnungsbaus. Nach der deutschen Teilung entwickelte sich die Wohnungspolitik in den beiden deutschen Staaten in konträre Richtungen. In der DDR wurde durch ein Gesetz der Wohnungs- und Städtebau als Bestandteil der staatlichen Planwirtschaft definiert und Wohnungen zugeteilt. Während dort die Grundstückseigentümer enteignet wurden, erhielt in der BRD das Privateigentum absoluten Vorrang in der Wohnungspolitik. 

Lösungen gegen die Wohnungsnot waren seit der Industrialisierung eine hochrangige gesellschaftspolitische Frage, die bis heute kontrovers diskutiert wird. Denn beim Wohnen geht es nicht nur um die architektonische Hülle, um das Gebäude, sondern immer auch darum, wie weit die Politik in den Wohnungsmarkt eingreift. Welche Wohnformen sollen gefördert werden? Was ist ein guter Wohnraum? Soll der Staat die Bildung von Genossenschaften, den Bau des Eigenheims oder die Menschen direkt bei den Mietzahlungen unterstützen?

Auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum

Diese Fragen sind besonders in Städten wie Berlin, Hamburg, Frankfurt und München hochaktuell. Immer mehr Menschen zieht es in die wirtschaftsstarken Städte und der Anteil an Ein-Personen-Haushalten hat sich nach Angaben des statistischen Bundesamtes in den vergangenen Jahren von 20 auf 40 Prozent verdoppelt. Nach Berechnungen des Deutschen Mieterbundes (DMB) fehlen heute in Ballungsräumen 250.000 Wohnungen.

"In Ballungszentren und Universitätsstädten sind die Mieten überproportional gestiegen und haben absolute Höchststände erreicht", sagt Ulrich Ropertz, Sprecher des Deutschen Mieterbundes. "Sobald eine Wohnung wiedervermietet wird, steigen die Mieten um 20 bis 40 Prozent. Das größte Problem ist, dass es keine Grenzen nach oben gibt", kritisiert Ropertz. Das liege daran, dass Wohnen heute fast ausschließlich als selbstverständlicher Teil des freien Wohnungsmarktes in Deutschland begriffen werde.

In anderen Regionen Deutschlands, beispielsweise in Städten wie in Leipzig, Hoyerswerda, Essen oder Bochum, stehen Wohnungen leer, weil die Zahl der Einwohner sinkt. Diese Kommunen sind mit der Herausforderung konfrontiert, wie der Rückbau in ihrer schrumpfenden Stadt so organisiert werden kann, dass diese lebenswert bleibt.

Eine soziale Wohnungspolitik

Eine politische Möglichkeit, um in den Wohnungsmarkt einzugreifen, ist die Förderung des sozialen Wohnungsbaus. Dafür gibt es verschiedene Modelle, die nicht nur die sozial Schwächsten berücksichtigen, sondern beispielsweise auch Familien mittleren Einkommens mit Kindern.

Staat, Land oder Kommune können entweder selbst Wohnungen bauen oder kaufen oder ihren Bau subventionieren. Der Eigentümer muss dann für einen festgesetzten Zeitraum die Wohnungen nach bestimmten Kriterien vergeben, zu einem begrenzten Mietpreis. Die Zahl der Sozialwohnungen sinkt jedoch seit Jahren, weil immer mehr von ihnen aus dieser Bindung fallen. Endet die Frist, sind die Eigentümer an keine Vorgaben mehr gebunden und können die Wohnung auf dem freien Markt verkaufen oder vermieten. 1987 gab es noch etwa vier Millionen Sozialwohnungen. Nach Berechnungen des Pestel-Instituts sind es derzeit noch 1,6 Millionen. Bedarf gebe es aber für 5,6 Millionen. Bund, Länder und Kommunen ziehen sich nicht nur aus der Unterstützung dieser Bauform zurück, sie haben viele ihrer eigenen Wohnungen verkauft und sich stattdessen darauf konzentriert, bedürftige Menschen direkt mit Zahlungen zu unterstützen.

Die gesamte Wohnungspolitik wie kommunaler Wohnungsbau, Unterstützung von Genossenschaften und der Bau von Sozialwohnungen sei in den vergangenen Jahrzehnten von allen Parteien völlig vernachlässigt worden, kritisiert Christine Hannemann, Soziologin und Professorin am Institut Wohnen und Entwerfen (IWE) der Universität Stuttgart. "Dahinter steht die Frage: ist Wohnen eine Ware oder ein Aspekt der Daseinsvorsorge? Meiner Meinung nach ist Wohnen ein Aspekt der Daseinsvorsorge, so wie Wasser und öffentliche Verkehrsmittel auch", sagt Hannemann. Immerhin habe das Thema der sozialen Wohnungspolitik in den vergangenen Jahren wieder mehr Beachtung gefunden und sei nach langer Zeit zurück auf die Tagesordnung politischer Diskussionen gerückt.

Inga Rahmsdorf ist Journalistin bei der Süddeutschen Zeitung und lebt in München.
Fotos: © picture alliance/akg-images; © picture alliance/ZB; © picture alliance/Wolfram Steinberg

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Architekten und Soziologen am Institut für Wohnen und Entwerfen (IWE) der Universität Stuttgart setzen sich interdisziplinär mit dem Wohnungsbau auseinander

 








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Gereon Schackmann | 19. Mai 2013   13:36

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