J. G. Ballard: High Rise

Leben in der Wohnmaschine

8.5.2013 | Matthias Wahsner | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Über einem Feuer aus Telefonbüchern kauert Dr. Robert Laing auf seinem Balkon im 25. Stock und nagt an einer gerösteten Schäferhund-Keule, um sich für seine nächste Vorlesung an der medizinischen Fakultät zu stärken. Für ihn ist das inzwischen ganz normal. Doch wie kam es eigentlich dazu?

J.G. Ballards Roman "High-Rise" von 1975 beschreibt eine perfide Kette von Ereignissen. Den Auftakt macht eine Flasche Sekt, die auf dem Balkon von Ballards Protagonist Laing, einem geschiedenen Physiologen, zerschellt. Schuld daran ist wohl die Partymeute aus dem 31. Geschoss. Es ist der Auftakt der Exzesse, die bald das ganze Hochhaus ergreifen.

Wer vollkommene Anonymität sucht, findet sie in der in sich geschlossenen "Wohnmaschine" am Rande Londons. Ähnlich wie die als "vertikale Stadt" geplanten Unités d'Habitation von Le Corbusier, die zwischen 1947 und 1967 in Frankreich und Berlin errichtet wurden, soll sie ihren Individuen auf vierzig Stockwerken alles bieten. Die rund tausend Eigentumswohnungen, die der luxuriöse Neubau bietet, dazu ein hauseigener Supermarkt, Schwimmbäder, Grundschule und Bankfiliale, bedeuten für den britischen Autoren Ballard aber vor allem eins: die perfekte Voraussetzung für eine wilde Orgie voller Gewalt, Sex und Zerstörungswut. Mit feinem Gespür für die tiefen Abgründe der menschlichen Psyche schildert er, wie sich der Luxuskomplex zusehends in ein verdrecktes Höhlensystem verwandelt.

James Graham Ballard (1930-2009) erreichte mit seinem Unfallfetischistenroman "Crash" (1973), vor allem nach der Verfilmung durch David Cronenberg, Kultstatus. Berühmt wurde der im kolonialen Shanghai aufgewachsene Brite auch durch seinen halb-autobiografischen Roman "Empire of the Sun" von 1984. Ballard, der in seinen Werken immer wieder das Innere seiner Charaktere nach außen kehrt, ging es oft um die psychischen Auswirkungen trostloser, technologischer Umgebungen. Und weil er es meisterlich beherrschte, einzigartig absurde Settings zu entwerfen, Psychogeographien der modernen Welt, nennt man Ähnliches bis heute im Englischen "ballardian".

Gewächshaus für eine neue Spezies

In "High-Rise" wird anhand dreier Hauptfiguren durchgespielt, welcher Typ Mensch sich in einer Welt, die, wie es in dem Roman heißt, "eher für seine Abwesenheit geschaffen ist", am besten durchsetzen kann: Es ist "[…] eine kühle, leidenschaftslose Persönlichkeit, unempfindlich gegen den psychologischen Druck des Lebens im Hochhaus, mit minimalen Bedürfnissen nach Zugehörigkeit". Diese Typen gedeihen "in der neutralen Atmosphäre wie eine fortgeschrittene Spezies von Maschinen".

Ganz oben in seinem Penthouse residiert der mysteriöse Architekt des Blocks, der wohlhabende Anthony Royal. Von jeher vom Wunsch beseelt, seinen eigenen Zoo zu besitzen, lehnt er sich zurück, um zu beobachten, wie die "ebenso brillanten wie exotischen Geschöpfe" lernen, "die Türen zu öffnen". Wie Tiere in ihrem Käfig.

Ballards Hauptfigur Laing gehört zu denen, die sich am besten in das Hochhaus einfügen können, zu den stressresistenten Gutverdienern, die das Mittelstück des Gebäudes bewohnen. Im Gegensatz zu der steuerhinterziehenden Oligarchie im oberen Teil des Blocks sind sie Meister darin, sich mit dem zweiten Platz zu begnügen. Die dritte Gruppe sind die Bewohner der unteren Stockwerke, darunter auch Kinder. Stellvertretend für diese Gruppe schreibt Ballard den hyperaktiven Ex-Rugbyprofi und TV-Produzenten Richard Wilder in den Vordergrund. Wilder kann sich mit seiner Position im zweiten Stock nicht abfinden. Er hat das Gefühl, dass das volle Gewicht des Blocks auf seinen Schultern lastet.

Als sich Gereiztheit und Vandalismus zu barbarischen Stammesfehden zwischen den Etagen auswachsen, rebelliert Wilder. Mit seiner Kamera bewaffnet, wagt er den Aufstieg nach oben, um die Verwahrlosung des Blocks zu dokumentieren und dessen Schöpfer, den Architekten Royal, zur Verantwortung zu ziehen. Wilder scheitert – mit bloßer Physis und animalischen Instinkten ist den perfekt Angepassten nicht beizukommen. Als Wilder das letzte Mal die eigene Familie besucht, bevor er sie zurücklässt und endgültig zum Tier wird, erkennt er, dass die "Fallschirmjäger-Tarnanzüge und Blechhelme" seiner Kinder die falsche Ausrüstung für den Kampf sind: "Der richtige Kampfanzug war der Nadelstreifen des Börsenmaklers, vervollständigt durch Aktenkoffer und Homburg*."

Abschreckende Geschichten von sozialer Kälte

Das Szenario, das Ballard schildert, ist von der Wohnsituation im England der 1960er- und 1970er-Jahre inspiriert, der Phase des Wiederaufbaus der Nachkriegsjahre. Zu dieser Zeit schufen die Vertreter des Brutalismus, an Le Corbusier geschulte Architekten wie Alison und Peter Smithson oder Reyner Banham Hochhäuser, die von der populären Presse als "entmenschlicht" und für Familien ungeeignet kritisiert wurden. Aufnahmen typischer "tower blocks" wurden in der britischen Presse bald zu Warnsignalen, die mit abschreckenden Geschichten von sozialer Kälte und Verwahrlosung einhergingen.

"High-Rise" ist voller beißender Sozial- und Technologiekritik, die auch nach fast 40 Jahren nichts an Brisanz verloren hat. Ballard zeigt, wie die künstliche Umgebung den "kleinlichsten Neigungen und Impulsen" der Bewohner in die Hände spielt und ihre Psyche verzerrt. Eine hochtechnologische Umgebung wird bei ihm zur Plattform für frei ausgelebte psychische Krankhaftigkeit. Die logische Konsequenz? Die Menschen im Block kommen zumindest nie auf die Idee, die Polizei zu rufen. Sie wahren auch nach außen hin den Schein von Normalität. So ist "High-Rise" auch die Geschichte der Wiederaneignung eines missratenen Lebensraums.

J. G. Ballard: High-Rise (Flamingo 1998, 176 S., 9.10 €)

 

 

 

In der deutschen Übersetzung als "Der Block" (Heyne 1984) oder "Hochhaus" (Suhrkamp 1995) nur antiquarisch zu erwerben.

*Ein Homburg ist ein melonenähnlicher Filzhut.

Matthias Wahsner (28) ist zwar in einem echten Hochhaus aufgewachsen, die wahren Abgründe der menschlichen Seele taten sich ihm aber erst in dem Berliner Fünfgeschosser auf, in dem er jetzt lebt.
Fotos: © picture alliance/PHOTOPQR/LA PROVENCE/Maxppp; © picture alliance/Photoshot







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