Nathalie Mohadjer: Zwei Bier für Haiti

Fotoband über ein Obdachlosenheim

11.5.2013 | Marc Peschke | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Es ist nur ein kleines, schmales Buch, aber es hat den besten Titel des Jahres: "Zwei Bier für Haiti" heißt der bei Kehrer erschienene Band, der eine Fotoserie zeigt, die Nathalie Mohadjer in einem Obdachlosenheim fotografiert hat. Der Titel verweist auf eine Spendenaktion der Bewohner, die einmalig sein dürfte: Jede/r der Bewohner/innen sollte auf zwei Bier verzichten – und das gesparte Geld für die Opfer des verheerenden Erdbebens in Haiti spenden. Immerhin 15 Euro sollen so zusammengekommen sein.

"Während meines Kunststudiums am Bauhaus entdeckte ich das Obdachlosenheim Weimar. Das Wohnheim liegt am äußersten Rand der Stadt. 2006 war ich das erste Mal dort, lernte die Bewohner kennen und fasste den Plan, deren Leben über einen längeren Zeitraum fotografisch zu dokumentieren", erklärt die 1979 geborene, in Paris und Weimar lebende Fotografin.

Dürftige Räume

Man merkt ihrer Fotoreportage an, dass sie nicht auf die Schnelle entstanden ist. Die Bilder aus dem Heim, in dem es Notunterkünfte und kleine Wohnungen gibt, sind Dokumente einer langsamen Annäherung. Es sind viele Sachfotografien darunter – ein Teller mit Essen, ein Aschenbecher, eine Bettdecke oder ein Vorhang. Doch dann nähert sich die Fotografin auch den Menschen. Es sind Porträts an einem Ort, den die Fotografin als ambivalent darstellt. Er schafft Geborgenheit, doch auch: die Gewissheit, kaum noch eine Perspektive zu haben.

In der Dürftigkeit der Räume liegt eine Kraft, genauso wie darin, dass die meisten der Bewohner des Heims ihr Gesicht nicht zeigen wollen. Einer versteckt sich hinter einem Vorhang; nur die Schuhe sind zu sehen, ein anderer hält sich eine Fotografie mit einer Giraffe vor das Gesicht, ein dritter verkriecht sich in einen Sessel. Und noch einer versteckt sich hinter einem Blumenstrauß. Manche dieser Bilder erinnern ein wenig an die skurrilen Inszenierungen des österreichischen Künstlers Erwin Wurm.

Die zwischen 2006 und 2011 analog fotografierte Serie hat beides: Momente der Nähe und der Distanz. Die Bilder sind kaum inszeniert, es sind Bilder, die sich ganz auf ihr Sujet verlassen. Man merkt ihnen einen Sinn für Komposition an, eine große Neugierde und ein gutes Gefühl für Licht.

Gekonnte Uneindeutigkeit

In ihrem Buchbeitrag beschreibt die Kunsthistorikerin und Kuratorin Silke Opitz jene Tradition von Fotoarbeiten, die sich mit dem Phänomen der Obdachlosigkeit auseinandersetzen – beispielsweise die Arbeiten von Jo Voets, Andrej Krementschouk oder Gosbert Adler. Vor allem in Adlers Werk kann man einen Vorgänger der Fotografin Nathalie Mohadjer sehen. Was ihr Werk nicht schmälert. Es ist die Subtilität der Gesten, die man auch in Adlers Werk erkennt – und auch die Uneindeutigkeit, die beim Betrachten bleibt.

"So geht es Nathalie Mohadjer auch nicht um ein 'wahres Bild' der Menschen, die sie fotografiert", schreibt Opitz. "Ihre Aufnahmen faszinieren eben gerade, weil man der darauf Abgebildeten nicht habhaft wird, weil diese sich jeder eindeutigen Interpretation oder gar einer Bewertung entziehen." Und das scheint eine Grundbedingung jeder gelungenen Fotografie zu sein: das Fehlen von Eindeutigkeit.

Eine Fotografie von Mohadjer bleibt vielleicht am stärksten im Gedächtnis. Ein Vogel hat sich ins Obdachlosenheim verirrt – mit einer Decke versucht einer der Bewohner, ihn durch die kleinen Fenster wieder in die Freiheit zu befördern.

Nathalie Mohadjer: Zwei Bier für Haiti (Kehrer Verlag 2013, mit Texten von Emanuele Quinz und Silke Opitz, 80 S., 29.90 €)

 

 

Marc Peschke lebt als Autor und Fotokünstler in Wiesbaden und Hamburg.
Buchcoverabbildung: © Kehrer Verlag; alle Fotos: © Nathalie Mohadjer







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