Jürgen Reuß, Cosima Dannoritzer: Kaufen für die Müllhalde

Ach, schon wieder kaputt?

1.5.2013 | Doris Wöhncke | Kommentare (2) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Carsharing, Foodsharing, Tauschbörsen: Eigenbesitz war gestern. Für fast alles – von der Bohrmaschine bis zum selbstgekochten Abendmenü – gibt es inzwischen Internet-Plattformen, über die man tauschen, leihen, ausleihen und verschenken kann.

Was für eine Horrorvorstellung wäre das 1932 wohl für den Werbeagenturchef Earnest Elmo Calkins gewesen. Denn Calkins fand, dass alles, was hergestellt wird, auch möglichst schnell verbraucht und weggeworfen werden muss. So sollte kontinuierlich Bedarf an Neuem erschaffen werden. Diese Idee nannte Calkins "Consumer Engineering". Die Idee zündete. Die Überflussgesellschaft war geboren. Doch was ist das eigentlich genau und wie kam es dazu?

In "Kaufen für die Müllhalde - Das Prinzip der geplanten Obsoleszenz" erklären Jürgen Reuß und Cosima Dannoritzer anschaulich und mit konkreten Beispielen, wie wir als Verbraucher systematisch dazu gebracht werden, ständig Neues zu kaufen und Altes wegzuwerfen. Denn mal ehrlich: Wie alt ist der Drucker, den ihr aktuell besitzt? Er kann kaum älter als wenige Jahre sein. Denn, wie man in "Kaufen für die Müllhalde" lernen kann, werden heutige Drucker absichtlich so konstruiert, dass sie nach einer gewissen Zeit kaputt gehen. Sie halten gerade mal so lange, bis die Folgemodelle auf dem Markt sind, so lange, bis eine Reparatur sich nicht lohnt. Das Gerät landet auf dem Müll, ein neues muss her. Überraschend? Wohl kaum. Schließlich hat die Industrie ein Interesse daran, dass ständig weiter gekauft wird.

Eingebauter Konsumanreiz

Gerade bei technischen Geräten ist das augenfällig. Obwohl beispielsweise ein iPod laut Apple technisch gesehen bis zu 27 Jahre funktionieren kann, wurde er offensichtlich so entworfen, dass er nur kurze Zeit halten kann. Die amerikanische Anwältin Elizabeth Pritzker ließ für eine Klage gegen den Großkonzern das Innenleben mehrerer iPods eingehend von unabhängigen Experten prüfen. Danach war sie sich sicher: Das Problem ist der im Inneren des Gehäuses festverbaute Akku, den man nicht wechseln kann.

Kein Konzern aber gibt zu, dass die "geplante Obsoleszenz", so der Fachbegriff für die gewollt befristete Haltbarkeit von Produkten, zu der Geschäftsstrategie dazugehört. Von Reuß und Dannoritzer erfahren wir aber auch, wie wir uns dagegen zur Wehr setzen können. Wir lesen zum Beispiel, was der New Yorker Künstler Casey Neistat unternahm, als sein 18 Monate altes iPod sich als irreparabel erwies.

Neistat drückte seinen Unmut mit Graffitis öffentlich aus. Er erreichte damit Tausende von Leidensgenossen. Ein YouTube-Video der Aktion ging um die Welt. Der Apple-Konzern geriet mächtig unter Druck – erst recht, als eine Sammelklage eingereicht wurde. Seit der darauf folgenden außergerichtlichen Einigung bietet Apple jetzt immerhin einen Service an, der defekte Akkus innerhalb der Garantiezeit austauscht. Aber ist das schon ein Teilsieg für die Verbraucher?

"Kaufen für die Müllhalde" ist nicht nur das Buch zu dem gleichnamigen Dokumentarfilm von Cosima Dannoritzer (2010), es ist auch ein sehr hilfreiches Buch für alle, die sich im Dschungel des ständigen Konsumdrucks besser zurechtfinden wollen. Und es ist es ein Anreiz, die Welt ein kleines bisschen zu verändern – sei es im Kampf David gegen Goliath, wie Casey Neistat und Elizabeth Pritzker gegen Apple, oder indem man etwas scheinbar Kaputtes nicht gleich wegwirft. Vielleicht ist der nicht funktionierende Drucker ja doch noch zu retten?

Jürgen Reuß, Cosima Dannoritzer: Kaufen für die Müllhalde. Das Prinzip der geplanten Obsoleszenz (Orange Press 2013, 224 S., 20 €)

 


Doris Wöhncke (27) lebt in Köln, studiert Kulturwissenschaften und arbeitet als freie Autorin und Norwegisch-Übersetzerin.


Buchcoverabbildung: © Orange Press; Filmstill / Foto: "Kaufen für die Müllhalde" | © Marc Martinez Sarrado



Links

Debatte zum Thema Obsoleszenz auf arte tv
Ausschnitt aus dem Film "Kaufen für die Müllhalde" von Cosima Dannoritzer
YouTube-Film "iPod's Dirty Secret" von Casey Neistat (2007)





Kommentare

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Was bisher geschah...

Prima Video

Sehr gut - Ironie ist immer noch eine der besten Waffen ;-)! Schöne Grüße, Stephanie (Lesen-Redakteurin)

Stephanie | 10. Mai 2013   17:35

Geplante Obsoleszenz

Ein Video, welches wir zu diesem Thema gedreht haben: http://www.youtube.com/watch?v=I22NX7V7m7s

Matvey Fridman | 2. Mai 2013   16:47

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