"Gelassenheit ist alles"

Freiwilligendienst in Chile

13.4.2013 | Luka Lara Charlotte Steffen | Kommentare (3) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Na gut", dachte ich mir, als ich die Bestätigung für meinen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst bekam, "jetzt geht es also für ein Jahr nach Chile, so viel kann da doch eigentlich nicht schief gehen." Jetzt bin ich seit mehr als sechs Monaten in der chilenischen Hauptstadt Santiago und habe inzwischen eine mehr oder weniger klare Vorstellung von dem mir kürzlich noch völlig unbekannten Erdteil.

Chile ist ein Land voller Gegensätze. Arm und Reich sind hier Lebensrealitäten, die nicht miteinander kollidieren, sondern nebeneinander existieren. Da steht im Zentrum von Santiago die größte Mall Chiles, während nur wenige Kilometer entfernt Chilenen Holz und Plastikreste für den provisorischen Hüttenbau sammeln. Und während es in Chile in begüterten Familien zum guten Ton gehört, riesige Mahlzeiten wegzuwerfen, wird das Restobst, das am Ende des Tages auf dem Markt übrig bleibt, eifrig von den Armen aufgelesen.

Die Zahl der Hüttensiedlungen, der sogenannten Campamentos, ist riesig. In einigen davon arbeite ich als Freiwillige von TECHO, einer lateinamerikanischen Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Armut zu reduzieren und bessere Lebensbedingungen in den Armutsvierteln zu schaffen. Das geschieht auf vielen verschiedenen Ebenen: indem Mikrokredite vergeben werden, Gemeinschaftszentren und Häuser errichtet werden, Kinder bei den Hausaufgaben betreut werden oder Erwachsene Kochunterricht erhalten. Das Konzept von TECHO ist genauso simpel wie effektiv: direkte Zusammenarbeit zwischen den Familien in den Siedlungen, den Festangestellten im Büro und den Schülern/innen und Studenten/innen. Ich verbringe meine Freiwilligenarbeit vor allem damit, Englisch zu unterrichten.

Von der Theorie in die Praxis

In Deutschland habe ich mich oft mit den verschiedenen Aspekten von Armut auseinandergesetzt – ich kann erklären, was relative, absolute oder strukturelle Armut ist, und weiß, dass der Gini-Koeffizient als Maßstab der Einkommensungleichverteilung dient. Als ich aber zum ersten Mal ein Campamento betrat, wusste ich erst wirklich, was Armut ist. Hier reiht sich Hütte an Hütte. Es gibt keine Glasfenster, kein fließendes Wasser, häufig keine Stromversorgung, kein Telefon oder Internet. Die Einwohner der Campamentos sind abgeschnitten von der Außenwelt. Die Erde ist der Fußboden, auf dem sich Erwachsene und zahlreiche Hunde und Kinder aufhalten.

Viele meiner Freunde/innen in Deutschland und hier in Chile haben mich gefragt, ob ich am Anfang nicht geschockt war. Natürlich schockt es mich, dass über 2,489 Millionen Menschen hier in Chile absolut prekär leben. Bei einer Gesamteinwohner/innenzahl von 16 Millionen Menschen ist das ein ziemlich großer Anteil.

Was mich allerdings noch mehr erschreckt, ist die Ignoranz der Wohlhabenden, der ich hier teilweise begegne. Auf einer Party wurde mir erzählt, dass die Familien in den Campamentos selbst schuld an ihrer Situation seien, weil sie faul wären und keine Initiative zeigen würden. Der Staat leiste doch genügend Hilfe. Einen Teufelskreislauf gebe es nicht. Jeder in Chile hätte, wenn er oder sie sich nur anstrengte, freien Zugang zum Bildungssystem und die Chance auf ein gutes Leben. Aus Gesprächen weiß ich, dass das nicht so ist. Die Familien haben große Schwierigkeiten, Schuluniformen und Schulmaterialien zu bezahlen. Ein Studium kann sich ohne staatliche Kredite kaum jemand leisten.

Politisierung der Jugend

Es ist aber wirklich bemerkenswert, wie politisiert die Jugend hier ist. Das macht sich nicht nur an den zahlreichen Protesten bemerkbar, etwa gegen das Bildungssystem oder die schlechte Behandlung von Straßenhunden. Überall sieht man Graffitis in der Stadt: am häufigsten "Die Straße gehört uns" oder "Unsere stärkste Waffe ist die Bildung". Es tut sich was in Chile, und das ist auch gut so. Ich kann gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass 14-Jährige zehn Tage ihrer Ferien in einem Campamento verbringen, um eine Hütte zu bauen. Das Problem der Armut wird durch die große Partizipation sichtbar gemacht.

Genauso beeindruckt wie von der Politisierung bin ich von der Freundlichkeit und Gelassenheit in Chile. "Tranquilidad es todo" (Gelassenheit ist alles) ist ein typischer Spruch hier, den ich oft zu hören bekomme, wenn ich mal wieder rumstresse. Ich hoffe, dass ich selber auch lerne, noch gelassener zu werden. Aber da bin ich optimistisch.

Luka Lara Charlotte Steffen, 20, kommt aus Bünde in der Nähe von Bielefeld und wohnt zurzeit bei Santiago de Chile. Nach ihrem Freiwilligendienst möchte sie gerne Gender Studies oder Politikwissenschaften studieren. Am liebsten in Chile.

Fotos: © Luka Lara Charlotte Steffen



Links

Website von TECHO (engl.)
Austauschorganisation AFS
Weltwärts, der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des BMZ
Sozialkritische chilenische Wochenzeitung The Clinic (engl.)





Kommentare

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Was bisher geschah...

Aufschlussreicher Artikel

Danke für diesen interessanten Text.

Ralf | 13. Mai 2013   22:02

Interessant

Ich lebe seit 2010 in Santiago und arbeite mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in einer Fundación. Kann in allen Punkten zustimmen, nur ich glaube, dass sich am System (noch) nichts aendern wird, da -kurz gesagt- zu viele Personen mit Affinitaet zum autoritaeren System unter Pinochet in den Bereichen Wirtscahft und Bildung Einfluss haben.

Stefan | 17. April 2013   19:22

Sehr schöner Text!

Direkt als Journalistin einstellen, fluter!

Alisa | 13. April 2013   14:52

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