Roberto Bolaño: Die Nöte des wahren Polizisten

Für die Wahrheit ist es nie zu spät

3.5.2013 | Michael Saager | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Es gibt böse Polizisten und gute Polizisten. Käufliche und heillos überforderte Polizisten wie jene in den erfolgreichen amerikanischen Fernsehserien "The Shield" und "The Wire" gibt es selbstverständlich auch. Wen aber könnte Roberto Bolaño mit einem "wahren Polizisten" gemeint haben?

Fragen können wir den 1953 in Chile geborenen Autor nicht, er ist seit zehn Jahren tot. Die Bolaño-Rezeption nahm im deutschsprachigen Raum erst, nachdem er 2003 nach schwerer Krankheit verschieden war, richtig an Fahrt auf. Seitdem gilt der ebenso unterhaltsame wie anspruchsvolle Schriftsteller unter Literatur-Aficionados als Kultautor. Posthum sind bislang vier Romane im Münchner Hanser Verlag erschienen: Bolaños epochales Meisterwerk "2666" von 2009, sein schmaler, fiebertraumartiger "Lumpenroman" (2010) und das im Verhältnis zu späteren Büchern eher mittelprächtige Frühwerk "Das dritte Reich" (2011).

Ende Februar nun wurde mit "Die Nöte des wahren Polizisten" ein Romanfragment veröffentlicht, an dem der Autor fünfzehn Jahre lang bis zu seinem Tod immer wieder gearbeitet hatte. Hauptakteur ist der verwitwete Exilchilene Oscar Amalfitano, ein zusammen mit seiner siebzehnjährigen Tochter Rosa zunächst in Barcelona lebender, ungeheuer belesener Literaturprofessor, ein fünfzigjähriger Kenner selbst der unbekanntesten mexikanischen Underground-Dichtkunst. Wenn er lächelt, heißt es an einer Stelle, erinnert er an den Schauspieler Christopher Walken.

Ab in die Wüste!

Amalfitano hegt große Bewunderung "für die echten Revolutionäre, für die Romantiker und gefährlichen Irren, nicht für die Apparatschiks". Seine politische Leidenschaft erklärt sich aus seiner Vergangenheit: Unter dem chilenischen Diktator Pinochet wurde er gefoltert; danach war Amalfitano auf der Flucht und unterrichtete an ungezählten Universitäten unterschiedlichster Länder mit verschiedensten Regimes. Bereits diese bei weitem nicht vollständige Charakterisierung weist Amalfitano als eine geradezu idealtypische, zwischen historischer Realität und der zu herrlichsten Wucherungen neigenden Fantasie des Autors angesiedelte Bolaño-Figur aus.

Für die Wahrheit ist es bekanntlich nie zu spät. Und so entdeckt Amalfitano mithilfe eines sehr jungen zynisch-dunklen Dichters, der an einem Roman mit dem Titel "Der Gott der Homosexuellen" schreibt, prompt seine eigene Homosexualität. "Das wird übel enden, dachte Amalfitano, übel enden, übel enden …" Amalfitano soll recht behalten. Die Universität bekommt Wind von seinen amourösen Abenteuern in konspirativen Jungdichterkreisen, auch ein minderjähriger Student soll darunter gewesen sein. Der Professor muss gehen, seine Tochter kommt mit. Verhasstes Ziel ist eine Winz-Uni in der windumtosten Wüstenstadt Santa Teresa im Norden Mexikos. Aus der Traum. Für erste.

Erst Entwicklungsroman, dann Krimi

Dem Romanvorwort des spanischen Literaturwissenschaftlers Juan Antonio Masoliver Ródenas entnehmen wir, dass es Bolaño bei "Die Nöte des wahren Polizisten" weniger noch als bei anderen erzählerischen Werken "um einen Abschluss", um einen Roman mit einem richtigen Schluss gegangen sei. Dass Bolaño hier eher an der fortwährenden Entwicklung des Schreibens gelegen war, ist auch offensichtlich, so reichhaltig sind die Einarbeitungen von Ideen und Figuren aus anderen Romanen, Erzählungen und Essays. So energisch wird der relativ schlanke Hauptplot umwimmelt von poetologischen Exkursen mit typischen Bolaño-Themen wie Sex, Gewalt, Homosexualität und Tod. So üppig ist er auch durchwoben von langen Listen mit Eigenschaften geschätzter Dichter, von wahren und erfundenen Anekdoten des großen literaturwissenschaftlichen Abenteuers. Das Buch platzt förmlich vor mehrdeutigen, mitunter fragwürdigen Anspielungen – wie zum Beispiel dem Romantitel "Der Gott der Homosexuellen", der eine Metapher für das Aids-Virus ist.

Lateinamerikanisten können an diesem Buch ihr Wissen überprüfen, dem brennend interessierten Bolaño-Fan sollte beim Googeln nach Unbekanntem nicht allzu rasch langweilig werden, und der Freund bloß spannend erzählter Geschichten im Genremix-Gewand dürfte auch auf seine Kosten kommen. Amalfitanos Trip ins mexikanische Nichts entwickelt sich zu einem schwulen Liebesabenteuer mit dem mexikanischen Kunstfälscher Castillo. Bis Amalfitano und Tochter Rosa ins Visier von Polizeichef Negrete geraten. Bald geht es – wie zuvor in Bolaños Roman "2666" – um Drogengeschäfte und verschwundene Frauen. Das Buch hat sich von einem Campus- und schwulen Entwicklungsroman peu à peu in ein von dunklem Humor getragenes Rätselspiel verwandelt.

Der wahre Polizist

Der "wahre Polizist" indessen hat am Ende weit weniger Nöte erlitten als befürchtet. Er hat sich sogar prima unterhalten. Der "wahre Polizist" ist nämlich der mitdenkende, mitschaffende Leser, der, so der im Vorwort zitierte Bolaño, "vergeblich versucht, Ordnung in diesen vermaledeiten Roman zu bringen". Vergeblich? Die Ordnung des Romans ist kein Problem, sie gerät nur ganz selten und dann lediglich ein bisschen aus den Fugen. Möglicherweise hat der Autor die Kompliziertheit seines Werkes ein wenig überschätzt.

Roberto Bolaño: Die Nöte des wahren Polizisten (Hanser Verlag 2013, 272 S., 21.90 €)

 

 


Michael Saager schreibt für verschiedene Magazine und Zeitungen und ist leitender Redakteur des Magazins pony. Er lebt in Berlin.

Buchcoverabbildung: © Hanser Verlag; Fotos: "Roberto Bolaño" | © The Estate of Roberto Bolaño; "Día de Muertos" | public domain via Wikimedia Commons







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