"Wir motivieren uns gegenseitig"

Studium im Doppelpack: Vater und Sohn

30.3.2013 | Jennifer Hertlein | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Normalerweise beginnen Jugendliche mit 19 oder 20 Jahren ihr Studium. Wolfgang Wohlgemuth ist 52 und studiert ganz regulär an der Universität in Erlangen Politikwissenschaft und Öffentliches Recht im dritten Semester. Im Vorlesungssaal neben ihm sitzt sein Sohn Thimo, 21. Vater und Sohn besuchen die gleichen Seminare, büffeln gemeinsam für Klausuren und motivieren sich gegenseitig beim Schreiben der Hausarbeiten.

Wolfgang Wohlgemuth, 52

Als mein Sohn mir erzählte, er wolle Politikwissenschaft und Öffentliches Recht studieren, war ich erst mal überrascht und dachte: Was macht man denn damit? Aber als Thimo mir mehr über die Inhalte des Studiums berichtete, war mein Interesse geweckt. Ich engagierte mich zu dem Zeitpunkt schon seit drei Jahren in dem Verein "Global Change Now e.V.". Dort geht es vor allem um finanzpolitische Themen und um Nachhaltigkeit. Mit dem Studium wollte ich meine Tätigkeit für den Verein mit theoretischem Wissen unterfüttern. Außerdem arbeite ich "hauptamtlich" bei Siemens als Diplominformatiker. Und auch für ein großes Industrieunternehmen sind Bereiche wie Politik und Recht wichtig. Also kam ich schnell zu dem Schluss: Warum sollte ich das nicht auch studieren?

Natürlich habe ich Thimo gefragt, ob es für ihn in Ordnung wäre, wenn ich mit ihm gemeinsam das Studium beginne. Aber er hatte kein Problem damit. Und so schrieben wir uns beide ein. Ich fand den Gedanken, noch mal zu studieren, unheimlich spannend und war mir auch sicher, dass es mir Spaß machen würde.

In meinem ersten Semester fühlte ich mich sofort sehr wohl an der philosophischen Fakultät der Uni Erlangen. Irgendwie kamen mir die Themen hier viel realitätsnäher vor als damals in der Informatik. Ich war begeistert, dass die Professoren auf tagesaktuelle Politik eingehen. Das Studium absolviere ich ganz regulär neben meiner Arbeit. Ich versuche, Übungen und Seminare so zu legen, dass ich sie entweder früh vor oder abends nach der Arbeit besuchen kann.

Ein erneutes Studium ist für mich die perfekte Art der Weiterbildung. Andere machen Kurse an der Volkshochschule, ich sitze im Vorlesungssaal. In meiner Altersklasse bin ich jedoch fast alleine. Es gibt ein paar Gasthörer, aber auch davon nur sehr wenige. Von den jungen Studenten wurde ich nie komisch angeschaut. Klar, ein paar haben nachgefragt, warum ich denn studieren würde. Doch ich fühle mich von allen akzeptiert.

Im Studium musste ich bald feststellen: Die Prüfungen gehen mir an die Substanz! Ich fange zwar früher als Thimo an, für eine Prüfung zu lernen, aber mir fällt es oft schwer, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Thimo weiß besser, was klausurrelevant ist und was nicht. Er gibt mir oft gute Tipps. Wir lernen fast immer gemeinsam und tauschen Unterlagen aus. Auch beim Hausarbeitenschreiben ist es angenehm, dass ich mit meinem Sohn gemeinsam studiere. Wir motivieren uns gegenseitig, dranzubleiben.

Thimo Wohlgemuth, 21

Eigentlich habe ich nach meinem Abitur Maschinenbau studiert. Aber nach zwei Semestern wurde mir klar, dass das nicht das Richtige für mich ist. Dann habe ich mich über andere Studiengänge informiert – und blieb bei Politikwissenschaft und Öffentlichem Recht hängen. Das hat mich sofort begeistert, da ich mich gerne mit aktueller Politik auseinandersetze und mich außerdem, genau wie mein Vater, im Verein "Global Change Now" engagiere. Als Papa dann die Idee hatte, mit mir zu studieren, fand ich das sofort in Ordnung.

Das erste Semester fand ich viel einfacher als gedacht, obwohl wir echt viele Prüfungen schreiben mussten. Aber wenn man sowieso jeden Tag die Nachrichten verfolgt und gewisse politische Grundkenntnisse hat, ist das nicht so schwierig. Mein Vater und ich haben im Studium ganz unterschiedliche Arbeitsweisen. Er schreibt viel mit der Hand mit und druckt sich sämtliche Unterlagen aus. Ich lerne hingegen oft am Computer.

Meine neuen Studienfreunde haben nicht komisch darauf reagiert, dass mein Vater mit mir studiert. Schon in unserer ersten Vorlesung hat sich so ein Grüppchen an Leuten gebildet, und mit denen bin ich jetzt immer noch zusammen. Ich habe ihnen von Anfang an offen gesagt, dass mein Vater mit in der Vorlesung sitzt – das war kein Problem.

Papa und ich haben teilweise sogar die gleichen Seminare belegt. Das war gar keine Absicht. Wir haben einfach die gleichen Interessen und wollten zufällig dasselbe Seminar machen. Aber das ist eher ein Vorteil: Wir können uns darüber austauschen. Wir helfen uns auch gegenseitig in den Lernphasen. Mein Vater treibt mich schon mal an, dass ich endlich mit Lernen anfange.

Ein Dozent hat uns beide sogar einmal gefragt, ob wir Brüder sind! Wir sind schon ziemlich bekannt an der Uni, weil es doch außergewöhnlich ist, dass Vater und Sohn gemeinsam studieren. Ich finde das ganz normal. Und wenn ich mal entspannen möchte und es nicht in die Uni schaffe, hält sich mein Vater da raus. Wobei er natürlich schon will, dass ich mein Studium zielstrebig verfolge. Und das möchte ich selbst ja auch. Denn nach dem Studium würde ich gerne als Politikberater arbeiten.

Jennifer Hertlein (21) studiert Politikwissenschaft und Öffentliches Recht und schreibt nebenbei für verschiedene Print- und Onlinemedien.

Fotos: © Jennifer Hertlein







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