Verbrannte Erde

Zwei kenianische Läufer zwischen Nairobi und Bitterfeld

16.3.2013 | Sophie Hellriegel | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Vor Gott sind alle Menschen gleich. Eigentlich. In der katholischen Gemeinde von St. Lucy ist das so. Hier singen Menschen verschiedener Volksgruppen gemeinsam – egal ob Nandi, Kikuyu, Kisii und Luhya. Unter ihnen sitzen auch Paul Muigai Thuo (26) und Isaak Kiplagat Sang (32), zwei kenianische Marathonläufer. Der eine ist vom Stamm der Kikuyu, der andere vom Stamm der Kalenjin-Nandi. Beide sind in vielerlei Hinsicht Hoffnungsträger – für ihre Familien, für den Sport und für den Dokumentarfilm "Sportsfreunde". Denn sie sind befreundet, obwohl sie verfeindeten Ethnien angehören. Weil Paul und Isaak zusammen laufen, weil beide auf den 42 Kilometer langen Strecken gemeinsam durchhalten, haben sie eine starke Verbindung zueinander geknüpft. Aber was passiert, wenn die ethnische Zugehörigkeit darüber bestimmt, wer gut und wer böse ist? Und wenn diese schwelenden Konflikte von Politikern benutzt und hochgekocht werden? Dann wird aus Zugehörigkeit schnell Abgrenzung. In Kenia gibt es etwa vierzig verschiedene Ethnien.

Ein brüchiger Friede

Am 4. März 2013 wählte die kenianische Bevölkerung einen neuen Präsidenten. Die Prognosen für eine friedliche Wahl waren schlecht. Doch die befürchteten Ausschreitungen sind nach der Präsidentschaftswahl bislang ausgeblieben. Bereits vor sechs Jahren, im Dezember 2007, erschütterten brutale Unruhen das Land über Wochen hinweg. Häuser wurden niedergebrannt, Teile der Bevölkerung aufgrund ihrer ethnischen Herkunft vertrieben, Frauen vergewaltigt und Menschen getötet.

Leipzig - Nairobi - Leipzig

Gut ein Jahr nach den Unruhen 2007 reiste ein deutsches Filmteam zu den beiden Sportlern nach Kenia. Entstanden ist der Dokumentarfilm "Sportsfreunde", in dem die berechtigte Frage aufgeworfen wird, ob sich das Vergangene bei der diesjährigen Wahl wiederholen kann. Für den Regisseur Knud Vetten waren die ethnischen Konflikte noch immer spürbar, genauso aber das Verdrängen der Ereignisse. "Wir hatten den Eindruck, dass uns viele Leute nicht die Wahrheit erzählen. Ein ziemlich durchdringendes Motiv war ihre Behauptung, sie seien in diesem Zeitraum nicht vor Ort gewesen. Andere wiederum haben ihren Hass ganz offen präsentiert. Und ihren Willen, weiterhin Gewalt anzuwenden, wenn ihnen irgendetwas nicht passt."

Kulturschock ohnegleichen

Wer hätte gedacht, dass zwei Kenianer ihren Lebensunterhalt ausgerechnet in Bitterfeld bestreiten? Durch den Bitterfelder Sportverein 2000 konnten Paul und Isaak 2007 einer Sackgasse in ihrem eigenen Land entfliehen. Sie sind beide talentiert, aber laufen keine Spitzenzeiten. Für sie ist der Sport existenziell: ohne Siege kein Geld zum Leben. "My work is to run, I don't have anything to do", erklärt Isaak vor der Kamera in gebrochenem Englisch – unsicher und bedrückt. Während Paul noch davon träumt, als Spitzenläufer bei den wirklich großen Rennen zu starten, ist Isaak schon klar, dass Bitterfeld kein Spaß-Trip ist. Er kommt nach Deutschland, weil er Geld verdienen muss. Und sein Beruf und der deutsche Alltag zehren an seinen Kräften.

 

Auch die kulturelle Kluft könnte kaum größer sein. Angesichts der Sprachbarriere – die Bitterfelder radebrechen ihr Englisch, die Kenianer sprechen kaum Englisch und Deutsch – bleiben Paul und Isaak schweigsam. Was genau in ihnen vorgeht, fernab der Heimat, ist schwer zu sagen. Für den Film bietet Bitterfeld ohnehin unfreiwillig komische Aufnahmen, etwa, wenn den beiden schwarzen Sportlern Bananen zugesteckt werden oder sich die anhaltinischen Vereinsmitglieder vor lauter Herzlichkeit die Bäuche reiben. In Bitterfeld kommt der Film zu seinem Namen. Denn Paul und Isaak freunden sich mit dem Vereinsvorsitzenden Peter Junge und dem damaligen Gemeindepfarrer Matthias Weise an. Peter war selbst mal Sportler und kennt die Läuferszene. Stets mit dem Kopf durch die Wand, versucht er die beiden zu unterstützen, so gut es geht. Als sich die politische Situation 2007 und 2008 in Kenia zuspitzt, entscheiden sich Matthias und Peter im Jahr darauf, nach Afrika zu reisen, um zu helfen.

Chaos in Kenia

Die kenianischen Fernsehaufnahmen, montiert in "Sportsfreunde", sind laut und brutal. Häuser stehen in Flammen, ein Pulk wütender Männer präsentiert sich vor laufender Kamera, bereit zum Kampf. Schüsse donnern durch die Luft, Schläge auf bewegungslose Körper, eine weinende Frau fleht Gott um Hilfe an. Ihr Sport erhält in dieser Zeit für Paul und Isaak eine ganz andere Bedeutung: Zurück in Kenia laufen sie, um ihr Leben zu retten. Paul und seine Familie müssen nachts vor den Brandstiftern flüchten, die die Farm niederbrennen. 2008 findet Peter auf dem verlassenen Grundstück Pauls zerfetzten Laufschuh. Fassungslosigkeit spiegelt sich in den Gesichtern der Deutschen. Peter ballt seine Hand zur Faust. Er kann nicht verstehen, weshalb die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

Jene Nacht hinterließ verbrannte Erde. "Wir wollen mit unserem Film auf die politische Lage aufmerksam machen. Und wer weiß, was passiert, wenn im Nachgang der Wahlen wirklich wieder Gewalt auf den Straßen herrscht. Dann hat unser Film, glaube ich, noch eine ganz andere Bedeutung. Das ist ein offenes Spiel, das man heute noch nicht bewerten kann", sagt Knud Vetten. Auch nach den Wahlen wird der Film ein wichtiges dokumentarisches Zeugnis bleiben. "Sportsfreunde" hat nicht den Ansatz, die Wurzeln des Konfliktes in Kenia zu erklären. Er gibt den Unruhen viel mehr ein Gesicht, schafft ein Gefühl für das Unfassbare, das jeden Tag in Kenia geschieht. Paul Muigai Thuo und Isaak Kiplagat Sang sind wohlbehalten in Nairobi gelandet und sind wieder zu Hause in ihrer Heimatstadt Eldoret. Zur Zeit geht Regisseur Knud Vetten mit seinem Film "Sportsfreunde" auf Kinotour quer durch Deutschland mit dem Ziel, auf die aktuelle Lage in Kenia aufmerksam zu machen.

Sophie Hellriegel interessiert sich für Film, lebt und arbeitet in Leipzig und Berlin.

Filmstills/Fotos: "Sportsfreunde" | © de facto medienagentur



Links

In Kenia gibt es auch ein Filmfest.

Unruhen in Kenia - ein Dossier der BpB

 

Unruhen in Kenia

Ein Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung





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