Ein Ort, zwei Welten

Freiwilligendienst in Mazedonien

12.1.2013 | Laura Mahle | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Wo ist denn das?" Das war meist die erste Reaktion von Freunden und Verwandten, als ich von meinem Freiwilligendienst in Mazedonien erzählte. Das kleine Land auf dem Balkan, nördlich von Griechenland, ist vielen nicht gleich ein Begriff. Inzwischen bin ich drei Monate hier, und ich weiß: Obwohl das Land klein ist, steckt es voller Vielfalt und Gegensätze.

Das zeigt sich besonders in meinem Einsatzort Struga. Die eine Hälfte der Einwohner der Kleinstadt besteht aus Albanern, die andere Hälfte sind zum Großteil Mazedonier. Auf den Straßen hört man Albanisch und Mazedonisch. Mal schallt das Gebet des Imams von der Moschee herüber, mal werde ich von den Gesängen orthodoxer Mönche aus dem Kirchenlautsprecher geweckt. Es ist so, als ob hier zwei Welten nebeneinander existieren. Ich als Freiwillige bin irgendwo dazwischen und doch mittendrin.

Tiefer Graben zwischen Mazedoniern und Albanern

Berührungspunkte zwischen den beiden Welten gibt es kaum. Die Läden und Cafés sind entweder albanisch oder mazedonisch. Selbst in der Schule bleiben die beiden Ethnien getrennt. Milot, ein albanischer Freund von mir, versteht zwar Mazedonisch, kann es aber kaum sprechen. Damit ist er kein Einzelfall. Die Kluft zwischen Albanern und Mazedoniern sorgt regelmäßig für Zündstoff und Konflikte. In den vergangenen Jahren prügelten sich Jugendliche verschiedener Ethnien in Struga wiederholt auf dem Schulhof oder in Bussen.

An wichtigen albanischen oder mazedonischen Feiertagen besinnt man sich natürlich besonders auf die eigene Nationalität. Zur Feier des 100-jährigen Jubiläums der albanischen Staatsgründung stand ich in einem Meer albanischer Flaggen, ein großer Pulk Menschen zog, in rote Fahnen gehüllt, durch die Straßen. Prompt beflaggte Kicevo, eine Stadt, die eine Stunde von Struga entfernt ist, ihre Hauptstraße mit mazedonischen Flaggen. Auch in dem Theaterstück, das ich mir an diesem Tag ansah, zeigte man stolz seine Nationalität. Die Vorstellung gipfelte darin, dass die Schauspieler einen überdimensionalen Adler unter den schwelgerischen Blicken des Publikums am roten Hintergrund befestigten. Das war das erste Mal, dass ich mich wirklich außen vor fühlte, so viel Nationalstolz war mir doch fremd.

Mit Gelassenheit durch das Leben

Meine Einsatzstelle, das Büro des "Forum Ziviler Friedendienst" in Struga, will durch gemeinsame Aktivitäten das Miteinander zwischen mazedonischen und albanischen Jugendlichen stärken. Ab Mitte Januar gebe ich auch Deutschkurse. Es hat jedoch eine Weile gedauert, bis meine Arbeit hier richtig angelaufen ist. Überall in Mazedonien muss man Geduld und Gelassenheit mitbringen, wenn man ein Visum beantragen will oder auch auf der Arbeit. Zwei Tage vor einem Seminar fehlen uns noch zehn albanische Teilnehmer. Doch statt das Seminar abzusagen, hackte mein mazedonischer Kollege kurz in die Tasten seines Handys. Siehe da: Zwei Stunden später war alles paletti, die Teilnehmer waren vollzählig, das Seminar konnte stattfinden. Das Leben geht hier einen gemächlicheren Gang. Und ob nun im Geschäftsleben oder in der Freizeit – eine Tasse Kaffee geht über alles. Die unzähligen Cafés in Struga sind immer voll.

Andererseits gibt es in Struga auch nicht viel mehr zu tun. Das kulturelle Leben ist so gut wie tot, ein Kino oder ein Schwimmbad gibt es nicht und auch kaum Freizeitangebote für Jugendliche. Die Zukunftsaussichten sehen mager aus. Deshalb wollen alle Jugendlichen weg, in die Hauptstadt Skopje oder am besten gleich ins Ausland. In die USA, nach Deutschland oder die Schweiz. Oft werde ich daher gefragt: "Was machst du hier?" Viele können sich nicht vorstellen, warum ich als Deutsche ausgerechnet in Mazedonien sein will.

Angekommen in Struga

Ich habe mir diese Frage aber bisher kaum gestellt. Ich habe mich gut eingelebt, erste Freunde gefunden und genieße es, ein Jahr weg aus Deutschland zu sein. Es ist schön, zu reisen, entspannter zu leben, in eine neue Kultur einzutauchen, dem Stress und vollen Terminkalender in Deutschland zu entkommen.

In meinen ersten drei Monaten habe ich allerhand tolle Erfahrungen gemacht: eine Übernachtung in einem orthodoxen Kloster mitten in den Bergen, eine Wanderung bei strahlendem Sonnenschein um den Ohridsee und immer wieder die einmalige Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen auf dem Balkan. Meine Gastfamilie, bei der ich die ersten zwei Monate verbrachte, hieß mich mit offenen Armen willkommen. Als meine Familie aus Deutschland zu Besuch war, wurden sie mit unzähligen Leckereien bewirtet, mit Baklava, selbst gemachtem Honig und Burek. In meiner neuen Wohnung wähnte ich mich schon ohne Wasser, als mir kurzerhand ein Nachbar den Hahn anstellte. Wenn man nach dem Weg fragt, wird man schon mal persönlich zu seinem Ziel eskortiert.

In Mazedonien nimmt das Leben, trotz aller Konflikte, die unter der Oberfläche schwelen, erst mal seinen Gang – zumindest bis zur Bewährungsprobe im Frühjahr, wenn die Kommunalwahlen anstehen. Ich hoffe, dass dann die Konflikte, die unter der Oberfläche gären, nicht ausbrechen.

Laura Ilg (19) zog es nach dem Abitur in Oberschwaben auf den Balkan. Nach dem Freiwilligendienst plant sie, in Deutschland Politikwissenschaft zu studieren.

Fotos: © Laura Ilg







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