Sudan: "Es wird schlimmer"

Die Nuba-Region im Sudan braucht humanitäre Hilfe

29.1.2013 | Jessica Krauß | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Seit 2009 war Raphael Veicht nur acht Wochen in seiner bayerischen Heimat, in der Nähe von Passau. Den Rest der Zeit verbringt der 30-Jährige in einem Kriegsgebiet im Nordsudan. In den Nuba-Bergen, einer Region zwischen dem Sudan und dem nun unabhängigen Südsudan, wird seit 2010 wieder gekämpft. Mit der offiziellen Unabhängigkeit des Südsudan gingen die Kämpfe in der Region wieder los. Dabei lässt Omar al-Bashir, der Präsident des Sudan, seine Armee Angriffe gegen die eigene Bevölkerung fliegen. In Lwere arbeitet der ausgebildete Fachkrankenpfleger für die deutsche Hilfsorganisation Cap Anamur in einem Krankenhaus, meistens als einziger Ausländer.

Jessica Krauß: Warum ausgerechnet der Sudan?

Raphael Veicht: Als ich noch im Münchener Klinikum Großhadern gearbeitet habe, hat mir eine Kollegin von ihrer Erfahrung als Krankenschwester im Sudan erzählt. In einem Kurs für Tropenmedizin habe ich dann zum ersten Mal von Cap Anamur gehört. Deren Konzept was mir sympathisch, und so habe ich mich gezielt beworben. Damals war gerade eine Stelle im Sudan frei. Ich habe angefangen mich zu informieren und war regelrecht fasziniert von der Geschichte der Nuba.

Wer leistet in den Nuba-Bergen überhaupt noch humanitäre Hilfe?

Neben Cap Anamur ist nur noch die katholische Kirche dort. Sie betreibt ein etwas größeres Krankenhaus als wir und hat einen internationalen Mitarbeiter vor Ort. Diese beiden Organisationen sind die einzigen, die überhaupt noch irgendwas zu den Menschen dort bringen.

Wie schwer ist es, das Nötigste ins Krankenhaus Lwere zu bringen?

Nach Lwere zu kommen ist in der Tat nicht leicht. Es gibt nur eine Straße: Sie fängt im Flüchtlingslager Yida im Südsudan an und führt in die Nuba-Berge. Die SPLA (Sudan People Liberation Army) hat diesen Korridor freigekämpft. Einerseits um die Flucht in den Süden zu ermöglichen, und anderseits um Nachschub und humanitäre Hilfe in den Norden bringen zu können. Während der Regenzeit, also zwischen Ende Juni und Anfang November, ist sie unpassierbar. In der Trockenzeit brauche ich für die 220 Kilometer mit unserem Jeep 12 Stunden oder mehr.

Ist dieser Weg sicher?

Nicht immer. Ende Februar 2012 hat die Armee des Nordens eine Bodenoffensive gestartet und auch die Luftangriffe verschärft. Und das in einer Zeit, als wir noch Vorräte in den Norden gebracht haben. Das war brenzlig.

Haben Sie nie Angst?

Wenn ich auf dieser Straße fahre, geht es in meinem Kopf nur darum, die Sachen ins Krankenhaus zu bringen. Ich weiß, wenn ich Impfstoff oder Medikamente nicht da reinbringe, sterben Menschen. Das hilft, die Angst auszublenden. Das Krankenhaus selbst liegt direkt im Zentrum des von der SPLA kontrollierten Gebiets. Die Frontlinien sind etwa 150 Kilometer entfernt. Das ist kein Ort, der so schnell vom Norden überrannt wird. Vielleicht bin ich auch einfach naiv. Ich weiß es nicht.

Was war der Grund für das neue Aufflammen des Krieges?

Letztlich war es die Anerkennung des Südsudans. Es ging auf den 9. Juli 2011 zu, die offizielle Unabhängigkeitserklärung, und Omar Bashir forderte, die im Norden verbleibenden SPLA-Soldaten zu entwaffnen. Er stellte ein Ultimatum, das verstrich. Die Menschen in den Nuba-Bergen kennen nichts anderes, als das Soldaten kommen, um sie zu versklaven. Die geben ihre Waffen nicht ab. Daraufhin sollten sie mit Gewalt entwaffnet werden. So kam es zu ersten militärischen Auseinandersetzungen.

Gibt es etwas, das Sie frustriert?

Wenn die Armee aus dem Norden angreift, dann brennen sie Dörfer nieder und zerstören Getreidemühlen, damit die Menschen das bisschen Korn, das sie noch haben, nicht mehr mahlen können. Und die ganze Welt schaut weg. Jetzt ist es etwas besser, aber dennoch wird der Konflikt vergessen. Omar al-Bashir wird vom Internationalen Gerichtshof gesucht, aber man schaut einfach weg. Wenn man dann da unten sitzt und selbst bombardiert wird, macht einen das schon wütend.

Können Sie sich vor Ort über den Kriegsverlauf informieren?

Seit neustem haben wir Satelliten-Internet. Das hilft sehr. Ich lese deutsche Tageszeitungen, aber besonders wichtig ist für mich Nuba Reports. Für diese Online-Seite fahren sechs sudanesische Video-Journalisten mit Motorrädern durch die Region. Sie sind unglaublich aktuell. Wenn irgendwo bombardiert wird, ist es kurze Zeit später dort zu lesen.

Wie schätzen Sie die nähere Zukunft ein?

Es wird schlimmer. Gerade ist Trockenzeit, das bedeutet die militärischen Einheiten beider Seiten können sich besser bewegen. Sobald die Straßen passierbar sind, wird es immer schlimmer. Wenn es dann zu mehr Bodengefechten kommt, nimmt auch die Zahl der Luftangriffe zu.

Jessica Krauß ist freie Journalistin und Autorin.

alle Fotos: © Jürgen Escher / Cap Anamur







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