Nicht Jacke wie Hose

Niemand muss heute mehr in Lumpen herumlaufen. Bei Primark und anderen Textildiscountern gibt es die Jeans für wenige Euro. Den wahren Preis zahlen andere

14.12.2012 | Bernd Kramer | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Jeans für zehn Euro, Schuhe für drei, eine Handtasche für zwölf: Die irische Kette Primark will es auch armen Menschen ermöglichen, sich modisch einzukleiden. Der wahre Preis aber ist höher.

Ein so weiter Weg für Schuhe und Schmuck: Um 5.30 Uhr in der Früh ist Constanze in Koblenz in den Zug gestiegen, mit einem Länderticket der Bahn für 27 Euro fährt sie den Rhein entlang und durch die alten Zechenstädte. Das Ziel ihrer fast dreistündigen Reise: Gelsenkirchen, Bahnhofstraße 41–47, die Filiale von Primark. Ihre Klassenkameradinnen in der Berufsschule machen es längst genauso. Auch sie fahren mittlerweile 200 Kilometer zum Klamottenkaufen. So billig, so chic. „Das ist der Wahnsinn“, sagt Constanze. Die erste Tour ist geschafft. Die 18-jährige angehende Sozialassistentin steht vor dem Kaufhaus in der Gelsenkirchener Fußgängerzone, links eine vollgepackte Primark- Tragetasche aus braunem Papier, rechts eine zweite. Constanze greift hinein. Diese schwarze Lack-Handtasche: zwölf Euro. Diese weißen Stoffschuhe: „Drei Euro! Da bezahlt man bei uns auf dem Land bei Deichmann schon mindestens 19,90 Euro für.“ Ihre gesamten Einkäufe: 49 Euro. Gleich will sie mit dem 27-Euro-Ticket weiter nach Essen, zum nächsten Primark. „Der hat sogar sechs Etagen.“

Preise nah an der Ramschgrenze, aber Klamotten auf Höhe der Zeit – mit diesem Konzept expandiert die irische Modekette Primark in Deutschland. Acht Läden gibt es bereits, weitere sollen folgen. In Berlin kamen Tausende zur Eröffnung in diesem Sommer angereist. In Frankfurt am Main stehen die Kunden an manchen Samstagen bis auf die Straße Schlange. „Man kann in diese Läden reingehen, ohne rot zu werden.“ So erklärt Axel Augustin vom Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels den Erfolg der Kette. Wer arm ist, muss nicht mehr arm aussehen. Das ist die Verheißung von Primark.

Früher, zu Beginn der Industrialisierung, bedeutete Armsein hungern. Heute sind die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsschichten immer noch riesig, aber sie äußern sich oft subtiler: im Lebensstil, im Musikgeschmack, in der Art zu sprechen oder sich zu kleiden. In der Entscheidung zwischen dünnem Mantel und gefütterter Jacke. Die Angehörigen der unteren Klassen, schrieb der französische Soziologe Pierre Bourdieu, wollen bei der Kleidung „für ihr Geld auch etwas Ordentliches in den Händen“ halten und „entscheiden sich für das ‚Zweckmäßige‘“. Im Hartz-IV-Regelsatz sind für Bekleidung 31,42 Euro im Monat veranschlagt. Vielleicht ist es eine Errungenschaft, wenn man Menschen ihr Budget nicht mehr an Hemd und Hose ablesen kann. Aber was ist der Preis dafür? 200 Euro Schüler-Bafög bekommt Constanze im Monat. Für Mode kann sie vielleicht 100 Euro ausgeben, alle paar Monate einmal, wenn ihre Eltern Geld dazugeben. „Da kommt so etwas wie Primark natürlich wie gerufen“, sagt Constanze. Sie schwärmt von den Ohrringen, die sie gekauft hat, die nur Modeschmuck sind, aber leuchten wie echtes Gold. Als Erzieherin wird Constanze später wohl nicht zu den Topverdienerinnen gehören.

Auch Barbara kauft bei Primark. Sie kennt die Preise: Vier Euro hat die alleinerziehende Mutter vor einem Jahr für eine Jogginghose bezahlt, die sie für ihre Tochter kaufte. Dieses Jahr kostet dieselbe Hose schon fünf Euro. „Ein Euro mehr in einem Jahr! Ich habe nur gedacht: Wow.“ Ein Euro in einem Jahr – so etwas dürfte wohl niemandem auffallen, der es nicht gewohnt ist, aufs Geld zu achten. Knapp unter 700 Euro im Monat verdient Barbara mit ihrer Halbtagsstelle, dazu kommen noch 209 Euro Unterstützung vom Arbeitsamt. Damit muss sie für sich und ihre Tochter Miete, Strom, Essen bezahlen. „Für mich bleiben dann am Monatsende vielleicht noch 20 Euro übrig. Aber ich bin ja kein Modefritze, der sich jede Woche eine teure Hose kaufen muss.“

Sie bringen ihre Kunden quasi selbst hervor

Barbara ist nicht nur eine typische Kundin, sondern auch eine Mitarbeiterin von Primark. Sie arbeitet in der Frankfurter Filiale. Deswegen möchte sie nicht mit ihrem richtigen Namen in die Öffentlichkeit: Zu groß ist die Sorge, dass ihr Arbeitgeber Ärger macht, wenn sie über die anstrengende Arbeit in dem rappelvollen Laden und das wenige Geld auf ihrem Konto spricht. Sie sagt: Viele der Mitarbeiter bei Primark würden gerne, so wie sie, mehr arbeiten. Doch statt ihnen volle Stellen zu geben, die einigermaßen zum Leben reichen, würde Primark auf Teilzeitkräfte setzen, deren Löhne dann das Arbeitsamt aufstocken muss, mit dem Steuergeld aller. Einer anderen Kollegin bleiben bei einer 25-Stunden- Woche rund 1.500 Euro brutto. „Mein Mann ist Handwerker und verdient ebenfalls. Wir haben Glück, dass wir so eine günstige Wohnung haben. Alleine könnte ich von dem Geld nicht leben“, sagt sie.

„Bei Primark fällt der hohe Anteil der Teilzeit- und 400-Euro-Kräfte auf“, sagt Klaus-Peter Grawunder, der bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Frankfurt am Main für den Handel zuständig ist. Dazu komme: Primark bezahle die Mitarbeiter nicht nach dem Tarifvertrag für die Branche. Selbst wer eine der wenigen Vollzeitstellen hat, verdient Grawunder zufolge bis zu 680 Euro weniger als ein Beschäftigter in einem Laden, der nach Tarif zahlt. Es ist paradox: Die Armen, deren Leben Primark schicker machen will, bringen Unternehmen wie Primark selbst hervor. Auf die Frage nach der unterdurchschnittlichen Bezahlung lässt Primark über eine PR-Agentur dennoch mitteilen, dass man „den Richtlinien der Tarifvereinbarung folgt“. Zudem zeige das „jüngste Mitarbeiter-Feedback, dass unsere Mitarbeiter Primark als einen fairen Arbeitgeber“ sähen.

Auf der Unternehmens-Homepage finden sich Beteuerungen, dass Primark ein ethisch und sozial verantwortliches Unternehmen sei. „Unser Geschäft trägt direkt zur Beschäftigung von mehr als 700.000 Arbeitern auf drei Kontinenten bei. Sicherzustellen, dass deren Rechte geachtet werden, ist zentral für unser weiteres Wachstum“, schreibt die Modekette. „Primark ist entschlossen, seinen Kunden den bestmöglichen Wert zu bieten, aber nicht auf Kosten der Menschen, die unsere Produkte herstellen.“ Das klingt gut. Zu gut? Manchmal, wenn Barbara im Laden steht, kommen die Kunden mit solchen Fragen zu ihr: Wie kann es sein, dass man für eine Jeans bei Primark weniger als zehn Euro bezahlt? Dass ein Paar Schuhe drei Euro kostet? „Ich wiederhole dann die Sätze, die unsere Chefs vorher gesagt haben.“ Dass Primark seine Waren in großen Mengen und daher besonders günstig einkaufen kann. Dass man kaum Geld für Werbung ausgebe. „Aber ich glaube einfach nicht, dass das so glatt läuft.“

Ein großer Teil der Ware, die Primark und andere Textilhändler anbieten, stammt aus Bangladesch: Für rund drei Milliarden Euro bezog allein Deutschland im vergangenen Jahr Kleidung aus dem Land. Nur aus China und der Türkei hat Deutschland für noch mehr Geld Textilien importiert. Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey hat vor einem Jahr ergeben, dass die Modehäuser in Zukunft noch stärker in Bangladesch produzieren lassen wollen. Vor allem die Discounter setzten auf das Land – fast nirgends sind Hosen, Hemden und Schuhe günstiger zu bekommen. Viele Menschen dort sind bereit, für wenig Geld zu arbeiten: Rund 53 Millionen, ein Drittel der Bevölkerung, leben dort in absoluter Armut.

Die britische Anti-Armuts-Organisation War On Want hatte schon 2006 – und 2009 noch einmal – untersucht, zu welchen Bedingungen Primark und seine beiden Mitbewerber Asda und Tesco ihre Waren in Bangladesch produzieren lassen. Primark hat einen Verhaltenskodex aufgestellt, an den sich die Produzenten halten sollen: Die Löhne sollen „existenzsichernd“ sein, Kinderarbeit ist verboten, ebenso übermäßige Arbeitszeiten, Diskriminierung und „harsche oder unmenschliche Behandlung“. Der Bericht zeichnet ein anderes Bild von der Wirklichkeit in Bangladeschs Textilfabriken. Arbeiter bekämen Löhne, die nicht zum Leben reichen. Bis zu 80 Stunden müssten sie dafür in den Fabriken schuften – obwohl das Gesetz im äußersten Fall höchstens 60 Stunden erlaubt. „Ich kann meinen Kindern keine drei Mahlzeiten am Tag geben mit meinen Einkünften. Das ist mein Schicksal“, klagt in dem Report eine Näherin, die angibt, Primark-Textilien zu fertigen. Auf die Frage, wie sich solche Arbeitsbedingungen mit dem Verhaltenskodex vereinbaren lassen, lässt Primark über seine PR-Agentur ausrichten: „Wir haben uns diesen Bericht angeschaut und können keine Referenz zu Primark finden. Darüber hinaus hat uns die Kampagne für saubere Kleidung nie hierzu kontaktiert."

Die Arbeiter nähen bis zu 80 Stunden in den Fabriken

Anfang des Jahres hat die deutsche „Kampagne für saubere Kleidung“, hinter der verschiedene Organisationen, Vereine und Verbände stehen, einen Report über die Arbeitsbedingungen in Fabriken vorgestellt, in denen die Discounter Aldi, Kik und Lidl produzieren lassen. In einer der untersuchten Fabriken lässt nach Informationen der Kampagne auch Primark fertigen. Die Bedingungen dort sind nicht besser als anderswo im Land: Die Mehrzahl der Arbeiterinnen berichtete, dass sie sieben Tage die Woche arbeiten müssten, inklusive Nachtschicht. Das Tagessoll könne nur mit Überstunden zu erreichen sein. Ein Monatslohn liegt umgerechnet zwischen 28 und 65 Euro. Khorshed Alam von der „Alternative Movement for Resources and Freedom Society“ hat die Untersuchungen durchgeführt. Sein Fazit ist bitter: „Primark respektiert seinen eigenen Verhaltenskodex nicht.“ Schlimmer noch: Das Unternehmen würde seinen Kunden damit bewusst Sand in die Augen streuen. Alam hat mit den Näherinnen gesprochen, sie zu Hause besucht in den Slums, in den engen Wohnungen, die sie sich mit vielen anderen teilen. In den Fabriken, sagt Alam, traue sich niemand, offen zu sprechen.

Es ist immer wieder dieselbe Geschichte, die die Näherinnen ihm erzählen. Es sind Frauen vom Land, die kaum lesen und schreiben gelernt haben, eines Tages von ihren Männern verlassen wurden und dann allein mit den Kindern ihr Glück in der Stadt suchten. Im Gedränge der 13-Millionen- Hauptstadt Dhaka, in den Textilfabriken, die dort teils in alten Wohnetagen eingerichtet worden sind. „In der Bekleidungsindustrie zu arbeiten ist die letzte Wahl für die Menschen hier“, sagt Alam. Es ist seltsam: Die relativ Armen in Europa halten die absolut Armen in Bangladesch arm. Und trotzdem will Alam ihnen keinen Vorwurf daraus machen. Es sind die Unternehmen, sagt er, die auf ihren Profit schielen und damit ihre eigenen Verhaltensregeln zwangsläufig ins Absurde führen. „Die Verbraucher sind nicht verantwortlich dafür.“

Eine Handtasche für zwölf, ein paar Schuhe für drei Euro. Constanze fragt sich ebenfalls, wer den Preis für so günstige Kleidung zahlt. „Wenn ich das Geld hätte“, sagt die Berufsschülerin, „könnte ich mir natürlich teurere Klamotten kaufen.“ Es ist ein großes Wenn, auf das ein ebenso großes Aber folgt: „Wer garantiert mir dann, dass die nicht nur teurer, sondern auch zu besseren Bedingungen hergestellt werden?








Kommentare

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Nicht Jacke wie Hose

Liebe Redaktion, Ihr Artikel gefällt mir, da er bewusst den normalen Verbraucher skizziert und sich bestimmt viele wiedererkennen. Mir missfällt allerdings, dass in den letzten 2 Absätzen der Verbraucher quasi von seiner Verantwortung, die er durch seine Nachfrage in meinen Augen durchaus hat, befreit wird. Mir fehlen konkrete Hinweise, wie man denn nachhaltiger leben/konsumieren kann. Die Frage ist doch, ob ich Billig-Klamotten wirklich brauche oder auch ohne klarkomme. Ich als Studentin mit 250€ im Monat wäre laut ihrem Artikel auch auf Primark "angewiesen". Aber ich verzichte bewusst auf solchen Konsum, weil mir bewusst ist, wer den Preis dafür zahlen muss. Ihr Artikel leistet Aufklärung, bricht aber dann bei dem mindestens genauso wichtigen "wie gehe ich nun mit meinem neuen Wissen um" ab. Fairtrade-Klamotten sind nicht unerschwinglich teuer. Sie haben einen fairen Preis. Nicht nur für den Konsumenten. Mit freundlichen Grüßen, Ulrike Hessing

Hessing | 30. Januar 2013   15:01

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