Die Scham der Armut

Arm aufzuwachsen bedeutet auch: sich zu schämen

29.12.2012 | Felix Mahlwinkel* | Kommentare (6) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Schon in der Grundschule habe ich oft geschwiegen. Wenn meine Klassenkameraden sich darin überboten, welche Hammerjobs ihre Väter hätten und in welches exotische Land es in die Sommerferien ginge, hieß meine Strategie: wegschweigen. Es ist ein bösartiges Gefühl, sich über sein Elternhaus definieren zu müssen und einer Ausgrenzung gegenüberzustehen, bei der man schlichtweg machtlos ist. Kinder an Gymnasien können grausam sein, wenn man zugibt, dass der Vater auf dem Bau schuftet und die Mutter putzen geht. Und noch grausamer, wenn sie herausbekommen, dass das alljährliche Urlaubsziel Balkonien oder Gardenien heißt.

Meine jüngere Schwester hatte keine Lust, zu schweigen. Sie verbarg ihre soziale Herkunft mit einer ordentlichen Prise Größenwahn. Wenn man sie fragte, was ihre Eltern beruflich machen würden, dann griff sie regelmäßig zu dem, was wir in der Familie "eine Notlüge" nannten. Was aber eigentlich eine Lüge ist. Weil sie wusste, dass, zum Beispiel bei ihrer bornierten Klavierlehrerin, nach einer ehrlichen Antwort Welten zusammenbrechen könnten, wurde aus einem Gerüstbauer ein Bauleiter und aus einer Servicekraft eine Abteilungsleiterin. Ein offensiver Umgang mit der Scham liegt in der Familie. Schon mein Großvater wählte für den Besuch der Eckkneipe den feinsten Zwirn, um nicht gleich als Arbeiter erkannt zu werden.

Ein quälendes Gefühl

Doch warum bauen Menschen solche Lügenkonstrukte auf? Ein altes Sprichwort sagt: "Scham ist armen Leuten Gram." Damit ist nicht die intime Scham gemeint, die bereits Adam und Eva im Garten Eden empfunden haben, sondern die Scham der Armut. Das Gefühl, wenn man sich seiner Herkunft zutiefst schämt und damit seines Wertes in der Gesellschaft. Scham ist "ein Produkt der besonderen Fähigkeit des Menschen, die Perspektive anderer auf sich selbst zu antizipieren, sich sozusagen mit den Augen seiner Mitmenschen zu sehen und deren vermeintliche Bewertung in das eigene Handeln einfließen zu lassen", schreibt der Konflikt- und Gewaltforscher Kurt Salentin 2008 in seinem Bericht "Armut, Scham und ihre Folgen". Das kann ich nachvollziehen.

In der Schule hat fast niemand gewusst, dass wir an der Schwelle zur Armut lebten. Trickreichtum hat mich einige Male vor der Offenbarung bewahrt. Beim Handballtraining lief ich nicht in Markenschuhen, sondern im Billigmodell von Deichmann. Wenn die Nähte platzten, wurde der Schuh mit Sekundenkleber zusammengeleimt. Andere Familien fuhren in Vergnügungsparks, wir gingen in den Wald zum Pilzesammeln. Andererseits trug ich bei der Einschulung eine der größten Schultüten. Und ich war auf jeder Klassenfahrt dabei. Was keiner wusste: Der untere Teil meiner Zuckertüte war mit Karton ausstaffiert, die Schulfahrten waren vom Amt bezahlt.

Das Gesicht wahren

Das Gesicht nicht zu verlieren, war meinen Eltern wichtig. Einladungen der Schwiegereltern in spe wurden immer wieder abgesagt, weil die Angst, dass die Unterhaltung auf den Job schwenken könnte, zu groß war. Uns erklärten sie das damit, dass man als Arbeitsloser gebrandmarkt sei, dass die Leute sagen würden, dass man ein Schmarotzer sei, der auf Kosten anderer leben würde. Aber das ist ein Trugschluss, weiß ich heute: Nicht jeder denkt so.

Als meine Eltern das erste Mal, kurz nacheinander, arbeitslos wurden, war ich zwölf Jahre alt und meine Schwester noch ein Kleinkind. Sie bemühten sich, einen geregelten Tagesablauf aufrecht zu erhalten. Für uns Kinder änderte sich wenig – außer, dass ständig über Geld gesprochen wurde, das kaum vorhanden war, und dass es große Spannungen gab, wenn ungeplante Ausgaben bevorstanden. Dass alles schön ordentlich bleibt, nach innen und außen, stand im Vordergrund. Als selbst H&M für die Winterausstattung zu kostspielig wurde, waren wir gezwungen, hin und wieder in der Kleiderkammer vorbeizuschauen. So etwas wie Primark, wo man heute trendige Kleidung für sehr wenig Geld bekommt, gab es leider noch nicht.

Ausbrechen aus dem Teufelskreis

Kinder und Jugendliche, die in ärmlichen Verhältnissen aufwachsen, wie meine Schwester und ich, erreichen nur selten einen höheren Bildungsabschluss. Die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zeigt: Kinder aus Arbeiterfamilien haben es fünfeinhalb Mal schwerer, ein Studium zu beginnen als Akademikerkinder. Nur 24 von 100 Kindern aus einkommensschwachen Schichten studieren.

Glücklicherweise war ich eines dieser Kinder, weil meine Eltern – anders als es in vielen armen Familien vielleicht üblich ist – nicht auf eine Ausbildung pochten. Ihre reichlich konventionelle Ansicht, dass aus einem nur etwas wird, wenn man studiert, hat mir auf meinem Weg geholfen. Aber ist man nicht arm dran, wenn man sich heute für ein Studium der Geisteswissenschaften entscheidet? Bei den fehlenden Jobaussichten? Die Angst, abzustürzen, hatte ich jedenfalls nicht. Wenn man bereits unten ist, kann es nur aufwärts gehen. Deshalb wollte und konnte ich mir nichts anderes vorstellen.

Auf die finanzielle Hilfe meiner Eltern durfte ich im Studium nicht hoffen. Doch mit Bafög-Vollsatz und meinem Verdienst aus dem Nebenjob war ich erstmals finanziell unabhängig – es ging mir als Student richtig gut. Studenten aus armen Elternhäusern können auch von gemeinnützigen Initiativen wie "ArbeiterKind" unterstützt werden. Solche Initiativen helfen einem, Anträge für Stipendien auszufüllen, und die Mentoren dort ermutigen die Hilfesuchenden, ein Studium aufzunehmen oder fortzuführen.

Aber hatte ich nicht die Verpflichtung, meiner Familie so schnell wie möglich zu helfen? Natürlich konnte ich meine Eltern finanziell nicht unterstützen, während ich studierte. Es war eine Erleichterung, dass sie das auch nie von mir erwartet haben.

Auch während meiner Studienzeit sprach ich nicht über meine Eltern, es sei denn, es sprach mich jemand explizit auf sie an. Auch wenn sich ein jeder über sich selbst definieren sollte: So schnell lässt sich die Scham dann doch nicht abschütteln.

*Name des Autors geändert

Foto: © dpa

 



Links

Gemeinnützige Organisation ArbeiterKind
Bericht: "Nicht nur wenig Geld: Armut, Scham und ihre Folgen"
Studie des Deutsches Studentenwerkes




Kommentare

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Was bisher geschah...

meine geschichte

also ich bin auch in armut gross geworden. leider habe ic hnicht die kraft aufgebracht zu studieren. eine asubildung abgeschlossen, dann sehr früh begonnen zu arbeiten. dann nachedem ich einen sehr gut bezahlten job hatte, habe ich ein abendstudium selber finanziert. ich hatte immer zum vollzeitjob noch nebenjobs. ja ich war irgendwie ein richtiger workaholic. aber es hat mir spass gemacht. ich war sehr glücklich, dass ich alles was ich hatte und brauchte selber finanzieren konnte. ich musste auch nicht mithalten, was das toppen von urlauben etc. angeht. aber das schlimmste kam, als nac über 25 jahren berufstätigkeit die firma betriebsbedingt gekündigt hatte. auch mir. da bin ich in ein abgrundtiefes loch gefallen. das ist 10 jahre her. seitdem komme ich nur noch sehr schwer immer wieder mit befristeten arbeitsverträgen durch das leben. ich bin tatsächlich sogar dankbar, wenigstens h4 zu bekommen (habe ja auch immer a-geld einbezahlt. dennoch nagt die arbeitslosigkeit tief an mir. ja, ich war auch ein workaholic - jetzt fehlt mein "suchtmittel". was mich als frau sehr traurig macht, heute , ist, dass ich keine kinder habe. es war tatsächlich so, dass die scham der armut damals existiert hat. und ich mich auch bei keinen "schiegereltern" damit outen wollte. kinder bekommen hätte ja wahrscheinlich finanzielle abhängigkeit bedeutet, und das wollte ich nie. nun ja, jetzt bin ich auf staatshilfe angewiesen. und ich frage mich jeden tag, wie ich es hätte besser machen können. hätte ich das überhaupt? zumindest habe ich nie auf kosten eines mannes gelebt. und dennoch, es tut sehr weh, in vielerlei hinsicht. das einzige was ich sagen kann ist, dass ich in den spiegel schauen kann. aber trotzdem ist viel traurigkeit dabei. vielleicht hätte ich in jungen jahren den mut finden und mich "schwiegereltern" öffnen sollen. womöglich hätten sie mich dafür gar nicht verachtet. liebe grüsse an alle

Neuhier | 20. Februar 2014   08:25

Scham bei "Reichtum"?!

Vielen Dank für deinen Bericht, ist interessant zu lesen! An dieser Stelle möchte ich gerne meine Erfahrung mit dieser "Scham" in Studentenkreisen anbringen. Ich erlebe eher schiefe Blicke wenn jemand ehrlich "gesteht", dass er/sie nicht am Hungertuch nagt, vielleicht sogar von seinen Eltern unterstützt (oder gar gut unterstützt) wird! Darüber habe ich in der ganzen Debatte noch NIE etwas gehört, erlebe es aber alltäglich in unterschiedlichen Situationen. Da frage ich mich: wie kann das sein? Es kommt hinzu, dass ich nicht der Meinung bin, dass die Jenigen neidisch sind, sondern, dass es seine Ursprünge im Ansehen haben könnte. Es scheint in meiner "sozialen Gruppe" wertgeschätz zu werden, wenn man aus einer Arbeiterfamilie den "Durchbruch" schafft, aber gleichzeitig werden Menschen gering geachtet, wenn sie es eh "leicht" hatten. Gibt es noch mehr von euch, die auch dieses Phänomen kennen?

Lina L. | 26. September 2013   22:30

Schade, dass du dich immer noch schämst

Ich finde es sehr sehr traurig, dass du dich immer noch schämst. Sei stolz drauf, was du aus dir gemacht hast. In welcher Welt leben wir denn, wenn nur zählt, was man sich leisten kann. Sei deinen Eltern vielmehr dankbar, dass sie dich gelehrt haben, frei zu entscheiden, wohin es für dich geht – und erzähl das allen! Vielleicht lernt jemand draus.

Inga | 7. Januar 2013   16:59

arm aufwachsen

nicht zu vergessen sei der "lehrkörper". denn gerade in kleinstädten kennen diese herrschaften die kinder ihresgleichen aus vereinen und privaten zirkeln genau. und wer da eltern hat, die in anderen kreisen verkehren, der darf getrost mit abstufung rechnen.

provinzler | 31. Dezember 2012   06:39

Kinderarmut

ein toller Bericht, schön zu lesen aber traurig, man sollte dazu stehen wie man lebt, zumal man nicht selbst daran Schuld ist! Wenn, dann sollte die Regierung verurteilt werden, weil sie keine Arbeit zur Verfügung stellt und die Kinder sollten alle zusammenhalten, denn in nächster Zeit werden viele Arbeitslos werden egal welche Schicht auch immer und wie gut ist es dann wenn man einen Zusammenhalt hat!!! Meine Jugend nach dem Krieg war noch viel schlimmer wir haben mit 4 Personen auf 9qm gelebt mit 35 DM im Monat, glaubt mir das alles kommt wieder auf irgenteine Art.

hanny | 31. Dezember 2012   04:08

soziale Herkunft

"Scham ist "ein Produkt der besonderen Fähigkeit des Menschen, die Perspektive anderer auf sich selbst zu antizipieren, sich sozusagen mit den Augen seiner Mitmenschen zu sehen und deren vermeintliche Bewertung in das eigene Handeln einfließen zu lassen"", zitierst Du doch ganz passend, und fährst aber fort in Deinem Selbstmitleid (das ich Dir, nach Rezeption Deines Textes lediglich, unterstelle, ohne freilich eine Ahnung "von Dir" zu haben). "vermeintlich". Was meinst Du, sehen "die Leute" in Dir? Der auch ohne Nike Sport kann, ohne Papas Aderlässe studieren? Und setzt Du nicht mit dem Begriff soziale Herkunft (den Dir die erschaffen haben, die sich nach dieser Begrifflichkeit auszeichnen wollen) Finanzvermögen und Tauglichkeit unrechtmäßig gleich angesichts der immer offenkundigeren Tatsache, dass gerade die größten Taugenichtse in Amt, Würden und Geld sich suhlen konnen?

blechtrommler | 30. Dezember 2012   20:47

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