Armut ist relativ

Als Entwicklungshelferin in Indien

15.12.2012 | Jörg Wild | Kommentare (2) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Leah Bibi Hanraths Kurmoo hätte genauso gut auch zu Hause bleiben können. In Deutschland, bei ihren Freunden, bei ihrem Freund, in der behaglichen Wärme des gemachten Nestes einer behüteten Familie, in der sie 19 Jahre lang aufgewachsen war. Aber Leah wollte raus in die Welt und sie sehen, riechen, hören, verstehen. Leah ging dahin, wo die Welt nicht behaglich und nicht behütet ist. Nach Indien.

Ihr Ziel wird verständlich, wenn man mehr über Leahs Familiengeschichte weiß: Ihr Vater wuchs in Mauritius in bitterster Armut auf, seine Vorfahren stammten aus Indien. Ihre Mutter entstammt einer armen Arbeiterfamilie aus Mönchengladbach. Und selbst als die Eltern gemeinsam mit viel Fleiß den Aufstieg in die sogenannte Mittelschicht Deutschlands geschafft hatten, behielten sie ihr waches soziales Gewissen. Das Verständnis für weltweite Zusammenhänge und gesamtgesellschaftliche Gerechtigkeit vermittelten die beiden an Leah. "Meine Eltern haben mir klargemacht, dass es ein unglaubliches Privileg ist, hier zu leben", sagt Leah heute. "Und Teilen stand bei uns ganz oben."

Freiwilligendienst mit Weltwärts

Nach dem Abi war für sie klar: "Ich wollte weg. Irgendwohin in die Welt." Ihre Mutter hatte von dem Programm Weltwärts gehört, über das junge Menschen mehrere Monate als Assistenten der deutschen Entwicklungshilfe in einem armen Land arbeiten können. Alleine 2011 wurden mehr als 3.000 Menschen zwischen 18 und 28 Jahren mit dem Weltwärts-Programm in Afrika, Asien und Lateinamerika eingesetzt.

Flug, Unterkunft, Taschengeld, Verpflegung und Sprachkurse zahlen die sogenannten Entsendeorganisationen aus Deutschland. In Leahs Fall sprang die Karl Kübel Stiftung mit Sitz im hessischen Bensheim als Entsendeorganisation ein, die Entwicklungsprojekte in Indien, im Kosovo und auf den Philippinen fördert. Gemeinsam mit einer Teampartnerin reiste Leah in die südwestindische Hafenstadt Mangalore.

Kontakt zu indischen Jugendlichen

In einem Vorort der Metropole arbeitete Leah für eine Frauenhilfsorganisation. Sie gab Englischunterricht und betreute Computerkurse, half bei der Gemeindearbeit und manchmal auch im Kindergarten aus. Den Frauen und Mädchen, die Leah unterrichtete, wird durch die so gewonnenen Englisch- und IT-Kenntnisse der Zugang zu besser bezahlten Jobs ermöglicht. Freizeitaktivitäten außerhalb der Familie sind in Indien sonst nicht üblich. Doch im Laufe ihres achtmonatigen Aufenthaltes fand Leah Kontakt zu gleichaltrigen indischen Jugendlichen und bekam einen Einblick in ihre Lebensbedingungen.

Arbeit zu haben ist in Indien keine Selbstverständlichkeit. Mit der Arbeit steht und fällt aber das Familieneinkommen. Sozialhilfe, Arbeitslosengeld oder andere staatliche Zuwendungen gibt es nicht in Indien. Und längst nicht alle Menschen, die arbeiten wollen, finden einen Job – trotz guter Ausbildung. Und nicht alle, die arbeiten, sollten das auch tun. Leah sah in Indien Kinder, die als Bettler oder Tagelöhner schufteten. Das sind für sie bis heute die wirklich Armen dieser Welt.

Ein anderer Bezug zur Armut

"Die Menschen in Indien sind anders arm als die Armen hier", sagt sie. Sie ringt sichtlich um die richtigen Worte. "Sie haben eine innere Gelassenheit, mehr Zufriedenheit mit ihrem Leben, so, wie es ist. Sie wollen gar nicht alles haben!" In Indien fügt man sich in die Kaste, aus der man kommt. Und die täglichen Taten sind die Basis für ein besseres Leben nach der Wiedergeburt.

"Wirklich arm", meint Leah, "ist ein Kind, das nicht geliebt wird." Wenn die Liebe und der Familienzusammenhalt da ist, dann lässt sich alles andere meistern, findet sie. Obwohl die Menschen in einem Elendsviertel in Mangalore nach europäischen Maßstäben als sehr arm zu bezeichnen wären, sehen sie sich selbst meist nicht so. Aber die Situation ist eben nicht vergleichbar: Man fühlt sich dort nicht so schnell arm, hat Leah herausgefunden: "Das Wichtigste ist, dass man ein Dach über dem Kopf hat."

Mehr als eine Milliarde Menschen auf der Erde leben am Rande des Existenzminimums. 30.000 Menschen sterben täglich an den direkten oder indirekten Folgen von Armut und Unterernährung. Solche Daten, solche Bilder hat Leah aber nicht im Kopf, wenn sie an Indien denkt. "Sichtbar arm ist in Indien, wer sich nicht mal ein Busticket kaufen kann", erklärt sie. Denn mit dem Bus fahren alle; anders kommt man in den Ballungszentren kaum vorwärts.

Helfen, den Teufelskreis zu durchbrechen

Inzwischen lebt Leah wieder in Deutschland und studiert Sozialwissenschaften in Köln. Als Studentin jobbt sie in Restaurants, und da sieht sie schon mal, "dass Leute bis zu 300 Euro für ein Abendessen ausgeben". Aber wenn die gleichen Menschen für Projekte spenden sollen, für die Leah in ihrer Freizeit Spenden sammelt, dann feilschen sie um jeden Cent. Das Leben hier in Deutschland, ein Leben im Überfluss, macht sie oft wütend.

Nach dem Studium will sie wieder in die Entwicklungszusammenarbeit. Menschen in Not beistehen, Armut durch "Hilfe zur Selbsthilfe" lindern, helfen, den elenden Teufelskreis von Armut, fehlender Bildung, Arbeitslosigkeit und wieder Armut zu durchbrechen. Aber zunächst wird sie im Februar 2013 wieder nach Indien reisen, um ihren Bruder zu besuchen, der dort inzwischen als Entwicklungshelfer arbeitet.

Jörg Wild lebt in Bonn. Er arbeitet als Geschäftsführer im Pressenetzwerk für Jugendthemen e.V. und als freier Journalist.

Fotos: © Leah Hanraths

Oben: Leah im Vordergrund mit blauem Sari im Kreis der Frauen, denen Sie Englisch-Unterricht erteilte und die sie bei ihrer Gemeindearbeit unterstützte.

Mitte: Leah half im Projekt der Karl Kübel Stiftung, wo es ging und wo Not an der Frau war – immer wieder gerne auch im Kindergarten.

Unten: Wo wird der Kontrast von Armut und Überfluss deutlicher als am Taj Mahal, dem indischen Symbol für Prunk und Wohlstand vergangener Zeiten? Leah besuchte das Grabmal, als sie nach ihrem Weltwärts-Dienst sechs Wochen lang durch Indien reiste.

 

 



Links

Weltwärts, das Freiwilligenprogramm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Website der Karl Kübel Stiftung
Informationen zur politischen Bildung zum Thema Indien





Kommentare

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Was bisher geschah...

Chapeau for Leah

Ich reiste mit meinem Ehemann auch 5 Monate durch Nordindien/ Laos/ Kambodscha und besuchten Waisenhäuser, Heime für Behinderte und haben Strassenkinder als Clowns ein Lächeln gezaubert. Ich machte Balloonmodellage und Facepainting. Wir haben Alles aufgegeben für dieses KINDERLÄCHELN und haben Nichts außer der Erkenntnis: Kein Job der Welt kann einem soviel zahlen, um Menschen ein bisschen Würde zu schenken. Mein Fazit: Deren Armut ist unser Reichtum! Ich verstehe NIEMANDEN der da wegsehen kann? Der Kapitalismus zerstört ALLES! Ich würde und will immer wieder das Gleiche tun!

Carina Konyali | 4. April 2013   10:11

Mit Entwicklungshilfe den Teufelskreis durchbrechen?

Daß das nicht funktioniert hat Entwicklungshilfe 40 Jahre lang bewiesen.Die Überbevölkerung und damit die Not haben zugenommen! Vielleicht spenden deshalb immer weniger Menschen.Macht es da nicht mehr Sinn für 300€ zu speisen und dem Kellner 50€ Trinkgeld zu geben.

Starson minthunt | 15. März 2013   17:56

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