Richard Brautigan: In Wassermelonen Zucker

Alles so schön bunt hier

23.11.2012 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Manche Bücher machen glücklich. Weil jeder Satz, wie in der letzten Phase eines Puzzles, an die richtige Stelle fällt, weil der Autor seinen Stoff behutsam und mit Respekt behandelt, weil sich beim Lesen ein Szenario aufbaut, in der richtigen Geschwindigkeit – wie in einem schönen Traum. Fast jedes der Werke des US-amerikanischen Autors Richard Brautigan (1935-1984) schafft das. Ganz besonders gelang es ihm mit "In Wassermelonen Zucker", einem kurzen Roman von 1968.

Treffpunkt iDEATH

Die schöne Parallelwelt, von der in diesem Buch die Rede ist, ist eindeutig fiktiv, aber dennoch so einfach und logisch gestrickt, dass man an ihrer Realität nicht zu zweifeln braucht. Sie heißt genauso wie das Buch: "In Wassermelonen Zucker ereignen sich die Taten und Dinge immer und immer wieder, so wie sich mein Leben in Wassermelonen Zucker ereignet." Wer sich jetzt nicht der Poesie dieser sprachlich reduzierten Erzählung überlassen will, deren einzige Extravaganz das allgegenwärtige "Wassermelonen Zucker" ist, eine Art sprachlicher Platzhalter, dem sei gesagt: Es kommen auch noch Tiger und Rocker vor. Und natürlich Sex.

Der freundliche, namenlose Protagonist des Romans führt die Leserschaft durch diese Welt, deren räumliches und soziales Zentrum iDEATH ist, so etwas wie ein räumlicher Treffpunkt der Bewohner. Hier kommt man zu den gemeinsamen Mahlzeiten zusammen: zum Beispiel die Kumpel Fred und Charlie, Margaret, die Ex-Freundin, und Pauline, die neue Liebe des Erzählers.

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Gegen die surreale, aber ruhig dahinfließende Gegenwart heben sich die mythischen Erzählungen der Vergangenheit ab: Früher nämlich sollen sprechende Tiger mit "wunderschönen Stimmen" das Land beherrscht haben. Als die Raubtiere immer mehr Leute auffraßen, wurden sie von den Menschen getötet. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und man gedenkt mit Schaudern der Zeit, in der Charleys Bruder inBOIL mit seiner versoffenen Truppe Unzufriedener die ironiefreie Glückseligkeit der "ungefähr 375" Bewohner von Wassermelonen Zucker in Frage stellte: "Habt ihr Angst, dass ihr dahinterkommt, was mit iDEATH los ist? Was es eigentlich bedeutet?" Die Antwort, die er hat, ist, zumindest sprachlich, total logisch: inBOIL schneidet sich vor den Augen aller seine Gliedmaßen ab. Bis er verblutet. Seine letzten Worte: "Ich bin iDEATH."

Wer jetzt denkt, dass das ein Science-Fiction-Roman ist, hat recht. Auf eine Art. "In Wassermelonen Zucker" stellt, in einem utopischen Setting, ein kleines Paradies vor. Andererseits aber scheint Brautigan nicht wirklich am Science-Fiction-Genre interessiert zu sein. Was seine allesamt mit Liebe, Detail und Bodenhaftung entworfenen Protagonisten auszeichnet, sind vielmehr die Gefühle, denen sie sich ergeben wie in ein nicht abänderbares Schicksal. Liebe. Enttäuschung. Einsamkeit. Wut. Darum ist diese Welt auch so vertraut. Und wenn etwas an diesem Roman irritiert, dann nicht sein Inhalt, sondern die andauernde Bejahung aller Dinge und allen Geschehens durch fast alle seine Protagonisten.

Der junge deutsche Autor Leif Randt hat 2011 Ähnliches mit großem Erfolg in seinem zweiten Roman "Schimmernder Dunst über CobyCounty" gemacht; die FAZ nannte das Werk "das wahrscheinlich unaufgeregteste Buch der Saison". Auch hier, in einem nicht näher benannten Kurort am Meer, zeichnen sich die Figuren durch ihre Freundlichkeit und Zufriedenheit aus. Und auch hier formiert sich eine Art Untergrundbewegung, wie die von inBOIL, die die duselige Glückseligkeit der Bewohner in Frage stellt.

Wiederentdeckung von Richard Brautigan

Richard Brautigan, der zeitweise als "literarisches Idol der Hippie-Bewegung" verstanden wurde – wie er fand: missverstanden – lebte den Großteil seines kurzen Lebens in San Francisco und Bolinas in Kalifornien. 1984 brachte er sich um. Hinter den meist sperrigen Titeln seiner Bücher verbergen sich zarte, humorvolle Erzählungen, die sich formell oft an Genres der Populärkultur anlehnen – Western, Science Fiction, Detektivroman, Schauerroman, Romanze –, ohne diese aber wirklich zu bedienen.

In den letzten Jahren erlebte das weitgehend in Vergessenheit geratene Werk von Richard Brautigan eine Renaissance. 2005 gab es eine Re-Edition von "Listening to Richard Brautigan", Aufnahmen von Lesungen, mitgeschnittene Telefongespräche und experimentelle Audio-Stücke. Dieses Jahr erschien ein kleiner Sammelband mit kurzen Texten im Hoffmann und Campe Verlag. Der Titel ist eine Hommage an Brautigans eigenwillige Punktuation: "….. / ……."

In Deutschland kümmert sich ansonsten der Kartaus Verlag in Regensburg darum, dass die wichtigsten Bücher Brautigans noch auf dem Markt bleiben. Am besten läuft, auch bei Kartaus, der einst millionenfach verkaufte Roman "Forellenfischen in Amerika". Angefangen hat der kleine Verlag im Jahr 2000 allerdings mit einer Biographie des eigenbrötlerischen amerikanischen Schriftstellers: "Den Tod holen", die kongenialen Memoiren seiner Tochter Ianthe, die als Kind und Jugendliche die Alkoholabhängigkeit, die Depressionen und die Selbstmordversuche des Vaters mitbekommen hat. So ein Leben wie das von Richard Brautigan ist schwer zu verstehen. Erstaunlich, wie viel Freude und Glück es aber trotzdem hervorbringen kann.

Richard Brautigan: In Wassermelonen Zucker (Kartaus Verlag 2003, 146 S., 16 € - oder über zvab)

Richard Brautigan: ....... / .....: Ausgewählte Texte (Hoffmann und Campe 2012, 127 S., 12 €, auch als E-book)

Stephanie Wurster ist fluter.de-Redakteurin und freie Autorin.

Foto: "Richard Brautigan" | © picture-alliance / Everett Collection

Buchcoverabbildungen: © Kartaus Verlag; © Hoffman und Campe



Links

Fette Seite: brautigan.net (engl.)
Die Brautigan Pages – "celebrating Richard Brautigan since 1994" (engl.)
Richard Brautigans "In Watermelon Sugar" im Netz (engl.)





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