Happy End - muss das sein?

Und sie kriegen sich doch!

13.11.2012 | Jenni Zylka | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Das Glück ist die Liebe, die Lieb' ist das Glück, Ich hab' es gesagt, und nehm's nicht zurück." Bis heute nicht: Adelbert von Chamissos 1835 gereimte Worte scheinen nach wie vor als unsichtbarer Leitsatz über den Schreibtischen der Drehbuchautoren zu schweben. Denn spätestens am Ende der meisten Filme lernt der Kinogänger unweigerlich die heilige Zweifaltigkeit in Form von Kuss in Großaufnahme, untermalt von Geigen kennen, die das "Happy End" symbolisieren. Handelt es sich um eine Komödie, am besten eine romantische aus den USA, und wir haben 90 Minuten Film mit dem Protagonisten gelebt, gelitten und gehofft, dann soll er oder sie unbedingt das Objekt der Begierde doch noch kriegen. Wir wollen, dass er oder sie doch im Flugzeug sitzt wie Barbra Streisand in "Is Was, Doc?", 1972. Dass er es doch noch zur Pressekonferenz mit ihr schafft wie Hugh Grant in "Notting Hill", 1999. Dass sie doch noch aus dem Taxi aussteigt, um mit ihm die Katze zu suchen wie Audrey Hepburn in "Frühstück bei Tiffany", 1961. Dass er doch noch plötzlich in der Kirche auftaucht und die Eheschließung verhindert wie Dustin Hoffmann in "Die Reifeprüfung", 1967.

Träume aus der Traumfabrik

Bekanntlich kennt dieser dramaturgische Kniff, den Zuschauer oberflächlich befriedigt aus dem Kino zu entlassen, keine Grenzen und geht zuweilen gar über die Original-Geschichten hinweg: Am Ende von Truman Capotes literarischer Vorlage zu "Frühstück bei Tiffany" stehen Holly und Paul mitnichten knutschend im Regen. Sondern der – unausgesprochen homosexuelle – Ich-Erzähler verliert seine flatterhafte Nachbarin einfach aus den Augen. Eklatant auch der Unterschied zwischen dem bekannten und dem eigentlich geplanten Ende der Romantic Comedy, kurz Romcom, "Pretty Woman", die Julia Roberts 1990 als Zahnreihe der Nation etablierte: Drehbuchautor J.F. Lawton wollte die Prostituierte am Ende ursprünglich enttäuscht und desillusioniert zurück auf die Straße schicken. Doch das konnten die mit Gefühlen wie mit Geld gleich scharf kalkulierenden Traumproduzenten Disneys nicht zulassen, verwandelten den traurigen Realitätsbezug in ein unglaubwürdiges, aber eindrücklich-kitschiges Happy End – und bescherten dem Film damit ein Millionenpublikum.

Dieser zwanghaft glückliche Ausgang eines unsicheren Anfangs, der als eines der ehernen Gesetze der massenkompatiblen Filmkultur gelten kann, erfüllt seinen Zweck: Wer vermeintlich glücklich aus dem Kinosaal kommt, wird auch am Rest der Verhältnisse weniger herummotzen. Doch was passiert, wenn der starke Verliebtsein-Zustand vorbei ist?! RomComs halten das Publikum bei Laune, und lenken es von den Alltagsproblemen ab. Noch extremer als in den USA wird das Prinzip bei den Hindi-Filmen Bollywoods genutzt: Dort ist der Besuch im Kino ein Familienvergnügen vor allem der ärmeren Bevölkerung. Die Boy-meets-Girl-Geschichten spielen dagegen fast ausschließlich in der gehobenen Mittelklasse, und enden natürlich allesamt glücklich.

Von den deutschen Regisseuren der 1950er-Jahre wird kolportiert, dass sie das Happy End als Differenzierungsmerkmal zwischen künstlerischem und massentauglichem Film benutzten. Denn nach Kriegsende und extrem traumatisierenden Jahren, in denen in sogenannten "Trümmerfilmen" die Themen Kriegsheimkehrer- und verbrechen, Verlust, Armut und Tod behandelt wurden, ging es in den 50ern nur noch selten um schwierige, politisch oder emotional ambivalente Sujets. In dem ungewöhnlichen, das Lesbischsein thematisierenden Schwarz-Weiß-Drama "Mädchen in Uniform" von 1958 überlebt die Protagonistin, gespielt von Romy Schneider, einen Liebessuizid nur knapp, ein glückliches Ende kann es mit der von ihr verehrten Lehrerin nicht geben. Und im kontroversesten aller Nachkriegsfilme, "Die Sünderin" mit Hildegard Knef von 1951, begeht die Hauptfigur tatsächlich Selbstmord. Im Gegensatz dazu lässt der Heimatfilm die Herzen im Dreivierteltakt schlagen: Zum glücklichen Ende der Mutter dieses Genres, dem Drama "Grün ist die Heide" etwa, mit dem Regisseur Hans Deppe 1951 Maßstäbe setzte, finden sich – nach der erfolgreichen Stellung eines Polizistenmörders – gleich zwei Paare.

Ende gut, alles gut?

Dass ein Film gut ausgeht, spricht ihm natürlich nicht die Qualität ab. Ein thematisch ungewöhnlicher, durchaus relevante und ernste Themen streifender Liebesfilm wie Susanne Biers neues Werk "Love is all you need", in dem eine Mittvierzigerin mit dem Krebs, ihrem egoistisch-unverschämten Exmann und einer neuen Liebe kämpft, lässt am Ende auch alle Stränge aufs Schönste zusammenfließen: Trine Dyrholm fällt doch noch ihrem geliebten Pierce Brosnan in die Arme. Man kann der Regisseurin allerdings dennoch nicht Verflachung zur Stimmungsaufhellung vorwerfen, denn in diesem Fall hat das Ende eine zweite Funktion: Es soll nicht nur liebes-, sondern auch organisch kranken und hoffnungslosen Menschen Mut machen.

Ein Drama wie Lars von Triers 2011 entstandener Apokalypsefilm "Melancholia", von dem schon qua Genredefinition niemand einen glücklichen Ausgang erwartet, geht noch weiter und beginnt quasi mit einem Happy End: Am Anfang steht die Hochzeit, am Ende kollidiert die Erde mit dem Planeten Melancholia. Und in einer der realen Welt abgetrotzten, hochdramatischen Tragikomödie wie Mike Leighs "Secrets and Lies" von 1996, in der die Protagonistinnen zum Schluss glücklich zusammen in ihrem kleinen britischen Vorgarten sitzen, wird niemand Verkitschung entdecken: Dass die adoptierte Tochter ihre Mutter findet und trotz aller Unterschiede eine Annäherung stattfindet, ist zwar streng genommen ein typisches Happy End. Doch es war weder erwartbar, wie in der landläufigen Romcom, noch scheute sich Leigh vor echten Problemen.

Money makes the world go round

Krisenbedingt steigt das Bedürfnis nach Happy Endings: Wie in allen Bereichen gilt auch für das Kino, dass die Sehnsucht nach der virtuellen Flucht ins Paradies mit steigender wirtschaftlicher Unsicherheit zunimmt. Die Angst um sinkende Zuschauerzahlen ist die allergrößte Kraft hinter den Geldgebern. Denn die, und nicht die Drehbuchautoren und Regisseure, bestimmen letztlich, ob am Ende geweint, gelacht oder geküsst wird.

Jenni Zylka schreibt für die taz, Spiegel, Spex u.a.

Fotos: © dpa



Links

Die Website von Syd Field, einem der geschätztesten amerikanischen Drehbuchschreiber, zudem unterrichtet er. Lesenswerte Bücher sind auch auf Deutsch veröffentlicht worden.

Die Website des Verbands der deutschen Drehbuchautoren liefert zahlreiche Informationen zum Berufsbild.





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