Klick dich glücklich

Erfolgserlebnisse im Web 2.0

20.11.2012 | Marta Popowska | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Es hat Vera nur wenige Mausklicks gekostet, um das schicke Kleid in ihrem Lieblings-Onlineshop zu kaufen. Von einem Feuerwerk an Glücksgefühlen trennen sie jetzt nur noch wenige Klicks. Vera wird das Kleid anziehen, ein Foto von sich darin machen und es hochladen. Aber nicht irgendwo. Sie macht ein schickes Instagram-Bild, stellt es auf Pinterest und verlinkt es auf Facebook. Jeder folgende "Gefällt mir"-Klick ihrer virtuellen Freunde gleicht einer Glückswallung – und das wissenschaftlich garantiert. Denn Forscher haben herausgefunden, dass die Selbstoffenbarung auf Facebook und Co. fast so glücklich macht wie Sex.

Als Wissenschaftler der Harvard University vor wenigen Monaten ihre Ergebnisse im Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences präsentierten, staunte die Öffentlichkeit nicht schlecht. Die Forscher um die Psychologin Diana Tamir haben nämlich herausgefunden, dass das Posten von Nachrichten auf Facebook oder Twitter ein Gefühl der Belohnung im Gehirn auslöse und zwar in derselben Hirnregion, wie es bei gutem Essen oder Sex der Fall ist. Die Erklärung dafür lieferten Tamir und ihr Team auch: Menschen haben den Drang, von sich selbst zu erzählen. 40 Prozent von dem, was Menschen täglich sagen, beziehe sich auf ihre eigenen Gefühle und Erlebnisse, heißt es in der Studie. An den Pinnwänden ihrer digitalen Welt können Nutzer dies sogar zu 100 Prozent.

Wie groß dieses Bedürfnis ist, zeigte eines der Experimente, das für die Studie durchgeführt wurde, in dem die Probanden bereit waren, durchschnittlich 17 Prozent weniger Geld zu verdienen – wenn sie dafür mehr über sich selbst sprechen dürften.

Der Kick im Internet

Zwar gibt es die eingangs erwähnte Vera nicht wirklich, doch steht ihr Name stellvertretend für Millionen von Usern, die sich täglich selbst offenbaren und sich ihren Kick an Glücksmomenten im Internet holen. Die Bereitschaft, auch intimste Erlebnisse in Netzwerken öffentlich preiszugeben und dafür so viele "Likes" und Kommentare wie möglich zu erhalten, scheint grenzenlos. Damit die Nutzer das auch in Echtzeit können, gibt es zu allem die passende App. Der Lohn sind Aufmerksamkeit sowie die Bestätigung der eigenen Attraktivität. Und das macht nun mal glücklich.

Diesen Kick bieten immer mehr Plattformen – darunter Pinterest. Die "Selbstdarstellungsmaschine", wie das Soziale Netzwerk gerne genannt wird, steht laut dem Onlinedienst Alexa momentan auf Platz 38 der weltweit am meisten besuchten Websites, Tendenz steigend. Das Portal bietet Usern die Möglichkeit, Bilder und Videos – aus dem Netz oder auch von der eigenen Festplatte – an einer einsehbaren Pinnwand mit anderen zu teilen. Mit unterschiedlichen Boards, also Themenalben, kann jeder jedem zeigen, wie kreativ er oder sie ist. Genau wie auf Facebook können die Boards "geliked" werden, und Interessierte können dem Nutzer "folgen", wie auf Twitter. Obwohl die Möglichkeiten zur Selbstdarstellung auf Pinterest abgespeckter sind als beispielsweise auf Facebook, nutzen es mittlerweile 25 Millionen Menschen monatlich. Eine Goldgrube für Firmen, da die User, die Klamotten und Produkte an ihre Boards pinnen, gleich Werbung dafür machen – und das völlig umsonst.

Ob soziales Netzwerk oder Onlineshop: Bevor eine Plattform im Internet auf die Leute losgelassen wird, muss eine ansprechende Benutzeroberfläche für die passende Zielgruppe her. Ist erst einmal ein Geschäftsziel ausgemacht, machen sich Entwickler und Designer an die Wireframes, die Prototypen der Websites. "Ob das Produkt ankommt, lässt sich anhand von Werthypothesen ermitteln", sagt Daniel Schmid, Wirtschaftsingenieur und Inhaber einer Agentur für User Experience und Interaction Design. Denn aus der Verhaltensforschung weiß man: Je wertvoller die Belohung, desto eher wird eine Person eine Aktion ausführen.

 "Man greift bei der Entwicklung auf eigene Erfahrungen zurück – und auf die sogenannte Best Practice, also die Erfolgsmethoden, die sich bereits bewährt haben. Und dann legt man die Prototypen Testpersonen vor", erklärt Schmid. Wie in der Werbung spiele auch hier das Wording eine große Rolle. Denn ob ein Kunde beispielsweise gern auf "Jetzt kaufen" oder "Jetzt zuschlagen" klickt, sei laut Schmid zielgruppenabhängig. "Das funktioniert wie das Leitsystem im Supermarkt", sagt er.

Von der eigenen Festplatte in die Cloud

Vor nicht allzu langer Zeit speicherten Nutzer ihre Bilder, Musik und anderen Daten noch zu Hause auf der Speicherplatte ihres Festcomputers. "Die Nutzung fand auf dem persönlichen Gerät statt und unterlag auch der Kontrolle des Besitzers", sagt Professor Thilo von Pape von der Universität Hohenheim in Stuttgart. Der Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich unter anderem mit den Strategien, die Nutzer weg vom PC mit seinen Programmen hin zu Apps und kleinen, mobilen Endgeräten locken sollen.

"Heute ist alles zentralisiert und personalisiert", sagt er. Unsere Bilder sind bei Pinterest gespeichert, unsere Musikliste auf Spotify und unsere Bücher auf dem Kindle von Amazon. "Damit erhalten die Unternehmen nicht nur Einsichten in unser Verhalten", sagt von Pape, "sondern auch die Kontrolle über die Produkte." Wenn Nutzer gegen die Nutzungsbedingungen der Unternehmen verstoßen, kann Amazon deren Bücher, YouTube deren Videos und Facebook deren Profil löschen.

Die Unternehmen diktieren die Regeln

Erst vor kurzem berichtete die Frankfurter Rundschau von einer Frau, deren gesamte Kindle-Bibliothek durch Amazon gelöscht worden war. Auf ihre Nachfrage hin gab der Konzern an, dass ihr Konto direkt mit einem anderen verbunden sei, das zuvor wegen Missbrauch der Nutzungsbedingungen geschlossen worden war, berichtete die Zeitung. Keine Chance, die gekauften Ebooks wiederzuerhalten.

Ein Grund, warum die Modelle dennoch funktionieren, sei, weil sie für den Nutzer Vorteile hätten. "Je mehr Geräte wir haben, desto praktischer ist es, dass alles über eine zentrale Speicherung läuft", erklärt von Pape. So kann man mit jedem Gerät von fast jedem Ort auf alles zugreifen. Der Nutzer glaubt Zeit zu sparen und ist glücklich darüber, denn Zeit ist kostbar. "Doch wenn wir unser Privatleben auf den Grund der Unternehmen verlagern, laufen wir Gefahr, dass diese am Ende die Regeln diktieren", warnt von Pape. Am Ende des Tages muss man sich wohl die Frage stellen, ob das Glück auf Knopfdruck seinen Preis wert ist.

Marta Popowska lebt und arbeitet als freie Journalistin in Stuttgart.

Foto, oben: "Foto-Netzwerk Pinterest"| © dpa / picture-alliance

Foto, unten: © willma... / photocase.com







Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)