Sinn ist das neue Glück

Interview mit Wilhelm Schmid

5.11.2012 | Andreas Pankratz | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Irgendwie forschen wir alle nach dem Glück. Der Philosoph Wilhelm Schmid (geboren 1953) hat die Glücksforschung sogar zu seinem Beruf gemacht. Schmid findet: Das ständige Streben nach Glück ist für unsere Gesellschaft zu einem echten Problem geworden. Und dass jeder auch Unglück und Unzufriedenheit im Leben ertragen können muss, um sich weiterzuentwickeln und gut mit seinen Mitmenschen zusammenzuleben. Welchen Schaden die Suche nach grenzenloser Lust und Zufriedenheit anrichten kann, warum stattdessen feste Beziehungen so wichtig sind und was er von "internationalen Glücksindizes" hält, erklärt Schmid im Gespräch mit Andreas Pankratz.

Andreas Pankratz: In Ihrem Buch "Unglücklich sein" beklagen Sie eine "Diktatur des Glücks". Was meinen Sie damit genau?

Wilhelm Schmid: Grundsätzlich ist es ja erfreulich, dass Glück einen so hohen Stellenwert hat. Zu lange ging es in der Geschichte nur um Pflicht. Aber man kann alles übertreiben. Das scheint mir mit dem Glück nun der Fall zu sein: Wenn Menschen sich unter Druck gesetzt fühlen, unbedingt glücklich zu sein, und deswegen erst unglücklich werden, dann läuft was falsch. Der Glücksdruck wächst und das ist nicht gut für die Gesundheit, ganz im Gegenteil – so ähnlich wie ein zu hoher Blutdruck.

Wie konnte es so weit kommen?

Im äußersten Fall ist es vielleicht ein metaphysisches Problem. Wenn es kein Paradies-Versprechen geben kann, wie es die christliche Gesellschaft lange Zeit geprägt hat, dann versuchen die Menschen dieses Paradies in ihrem Leben zu erreichen. Schauen Sie sich doch an, was man sich oftmals unter Glück vorstellt: Das sieht den Paradiesvorstellungen im Jenseits verblüffend ähnlich.

Und wie war das früher?

Es ist schwierig, pauschal zu sprechen, beispielsweise über das Mittelalter. Aber: Ein großer Unterschied zu heute war die Vorstellung, dass das Glück im Diesseits gar nicht möglich ist, sondern ausschließlich im Jenseits. Die Menschen hatten mit so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, mit so viel Leid, Krankheit, Krieg, dass sie gar nicht auf den Gedanken kamen, nach dem Glück zu fragen.

Maximale Erwartungen

In der heutigen Gesellschaft dreht sich dagegen viel um die individuelle Lust.

Lust spielt eine große Rolle, das wollen wir nicht vergessen. Auf der anderen Seite kann das Leben nicht nur daraus bestehen. Heute sehe ich das Problem vor allem bei jungen Menschen, dass sie mit maximalen Erwartungen ins Leben gehen, welche Lust, welches Glück, welche Freuden ihnen zuteil werden. Ich habe selbst vier Kinder und als Hochschullehrer viel Kontakt zu jungen Menschen. Sie hören von allen Seiten, dass es nur noch darum geht. Wer solche Erwartungen hat, kann nur noch scheitern. Dann erleben sie ihre Enttäuschungen und können sich nicht erklären, warum sie unglücklich sind, und fragen sich: Was mache ich falsch?

Also soll man mit Unglück leben können?

Unglücklichsein ist ein ganz normaler Bestandteil des menschlichen Lebens, so wie die Fähigkeit zum Glücklichsein auch. Wer beides akzeptieren kann, erlebt die Fülle des Lebens, die ich gerne als das "Glück der Fülle" bezeichne.

Was ist so falsch daran, dauerhaftes Glück für sich zu beanspruchen?

Wenn Menschen so sehr auf ihr eigenes Wohl schauen, schwinden soziale Empfindlichkeiten für andere, die vielleicht weniger glücklich sind als sie. Sie wenden die Augen ab von den Problemen der Gesellschaft. Man möchte sich nicht runterziehen, sich nicht in seinem persönlichen Wohlergehen beeinträchtigen lassen. Und das sorgt für eine Kälte in der Gesellschaft.

Ist das ein akutes Problem?

Es gibt zweierlei Asoziale in der Gesellschaft, und die Gefahr wächst von beiden Seiten: von ganz unten und ganz oben. Ganz unten sagen die Menschen: Mir ist die Gesellschaft egal, die lässt mich eh sitzen. Und die ganz oben: Ich habe genug, aber die Gesellschaft will mir per Steuern alles wieder wegnehmen, deshalb ist mir die Gesellschaft auch egal. Damit schneiden sie sich ins eigene Fleisch. Denn wenn es der Gesellschaft schlecht geht, wird es auch jedem Einzelnen irgendwann schlecht gehen.

Wichtiger als Glück ist der Sinn

Allerdings hört man auch immer wieder, dass Jugendliche sich stärker für ehrenamtliche Tätigkeiten interessieren. Wie passt das zu dem, was Sie sagen?

Das sind sicher Menschen, die ihre Lebensziele anders definieren. Es gibt nämlich was Wichtigeres als Glück: den Sinn im Leben.

Aha: Sinn statt Glück ist also die Devise. Wie findet man raus, was sinnvoll ist?

Sinn erwächst unter anderem aus dem Engagement für andere Menschen. Am stärksten empfindet man Sinn, wenn man liebt. Egal, wen oder was. Wenn eine Liebe verloren geht, fühlen sich Menschen in einer absoluten Sinnlosigkeit und Verzweiflung. Daraus kann man folgern: Sinn entsteht da, wo es Beziehungen gibt.

Freiheit light

Damit meinen Sie also nicht nur Liebesbeziehungen?

Natürlich nicht. Es gibt freundschaftliche Beziehungen, Beziehungen zu Tieren, zu Dingen, zu Ideen, zu Gott und so weiter. Aber die moderne Zeit ist darauf ausgelegt, dass Beziehungen zerbrechen, weil Menschen nicht an Ort und Stelle bleiben können – zum Beispiel wegen ihres Berufes. Oder weil sie ständig andere Beziehungen vor Augen haben und in Versuchung geraten, anderswohin zu springen. Dadurch nimmt die Sinnlosigkeits-Erfahrung überhand. Die Lösung ist damit auch klar: Ich sollte darauf achten, Beziehungen zu halten.

Warum fällt uns das denn so schwer?

Es ist die moderne Freiheit, auf die wir alle nicht verzichten wollen. Sie sorgt dafür, dass ich zu einem fremden hübschen Mädchen gehe und versuche, eine Beziehung anzubahnen und meine alte wegwerfe. Das wird einem heute so leicht gemacht wie noch nie auf diesem Planeten.

Bitte nach Glück streben!

In westlichen Staaten ist es aber gerade die Freiheit, die zum höchsten Gut der Kultur gehört. Die USA haben das "Streben nach Glück", "The Pursuit of Happiness", sogar in ihr Gründungsdokument, die "Declaration of Independence" aufgenommen. Sollte es so etwas wie ein "Recht auf Glück" geben?

Da steht nichts vom Recht auf Glücklichsein. Aber dieser Irrtum unterläuft sehr vielen. Es ist eine interessante Idee, aber es ist eine leere Idee. Wie stellen Sie sich ein Recht auf Glück vor? Sagen wir mal, mein Glück ist es, eine tolle Ehefrau zu haben. Wenn ich ein Recht auf Glück hätte, dann könnte ich zur Regierung gehen und sagen: "Stellt mir mal eine zur Verfügung." Es geht ausschließlich um das Recht, nach dem Glück streben zu können. Aber auch das ist ein leeres Recht, das ich auch ohne die Unabhängigkeitserklärung habe. Niemand kann mich daran hindern – ob es in der Verfassung steht oder nicht. Und die Menschen in den USA sind ja auch nicht glücklicher als die Menschen in Europa.

In der Politik hat der Glücksbegriff zuletzt einen immer höheren Stellenwert bekommen. Manche wollen sogar das Bruttoinlandsprodukt als Messlatte für Wohlstand und Wachstum durch bestimmte Glücksformeln ersetzen. Ist das sinnvoll?

Es gibt keinen allgemeinen Begriff von Glück. Die Untersuchungen, die heute durchgeführt werden, beruhen aber auf einer strikten Festlegung. In der Regel wird Glück mit Zufriedenheit gleichgesetzt. Das ist fragwürdig. Glück kann anders definiert werden und wird in unterschiedlichen Kulturen anders verstanden. Und wenn wir es schon auf Zufriedenheit festlegen: Wer sagt denn, dass Zufriedenheit das Beste fürs Leben ist?

Was denn sonst?

Jeder weiß aus seiner eigenen Erfahrung: In Gang gebracht haben mich im Leben und in meinen wichtigsten Beziehungen die Erfahrungen von Unzufriedenheit. Diese bewirken immer wieder einen Schub, sich etwas Neues einfallen zu lassen, sich neu zu orientieren. Jeder erfolgreiche Mensch, der Ihnen seine Geschichte erzählen würde, würde sagen, dass er irgendwann mal in seinem Leben fürchterlichen Misserfolg hatte und sich dann angestrengt hat.

Glückswende

Heute sagt man, die Gesellschaft habe zu lange über Ihre Verhältnisse gelebt – zu Lasten der nächsten Generationen. In Ihrem aktuellen Buch "Unglücklich sein - eine Ermutigung" heißen Sie die Zeit der Melancholie willkommen. Sehen Sie wirklich Anzeichen, dass die Gesellschaft abrückt von dem rücksichtslosen Streben nach unmittelbarem Glück und Wohlstand?

Ja, diese Anzeichen gibt es, insbesondere im ökologischen Bereich. Ich freue mich über jedes Windrad, das ich sehe. Denn das heißt: Hier wird die Beziehung zur Natur gepflegt. Wenn ich aber Kraftwerke sehe, weiß ich, dass die Beziehung zur Natur gestört ist. Übrigens, aus dem Verhältnis zur Natur haben Menschen in der Geschichte sehr viel Sinn geschöpft.

Das tun Menschen auch heute noch.

Viele pflegen ihre Beziehung zur Natur beim Waldspaziergang oder in ihrem Verhältnis zu Tieren. Aber ich vermisse es, dass dieselben Menschen den Sinn auch auf ihre Art der Lebensführung übertragen. Zum Beispiel bei der Frage, mit welchen ökologischen Kosten Produkte hergestellt werden, die man konsumiert. Mit jedem Produktkauf nehmen wir Einfluss auf die Entwicklung unserer Gesellschaft.

In Glücksratgebern steht so etwas normalerweise nicht drin, oder?

Nein. Aber ich vermute: Weil wir vor so vielen gesellschaftlichen Problemen stehen, flüchten so viele Menschen in solche Lektüre – ein bisschen wie der Vogel Strauß. Ich steck' mal den Kopf in den Glückssand, dann wird schon alles besser werden.

Was ist die Lösung?

Wir brauchen eine bessere Bildung in dieser Beziehung. In den Kindergärten, an den Schulen, in den Universitäten. Und wir müssen dem Einzelnen vor Augen führen: Du hast doch ein Eigeninteresse und wenn du die Augen davor verschließt, dann schadest du dir bitterlich, und das schon in überschaubarer Zeit.

Bücher von Wilhelm Schmid

Unglücklich sein - eine Ermutigung (Insel 2012, 102 S., 8 €, auch als E-Book)

 

 

 

Liebe: Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt (Insel 2011, 92 S., 7 €, auch als E-Book)

 

 

Glück: Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist (Insel 2007, 79 S., 7 €)

 

 

Andreas Pankratz ist Volontär der Bundeszentrale für politische Bildung.

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Mehr zu Wilhelm Schmid auf Wikipedia
Bist du glücklich? Stimme ab und schau, wie es den Menschen weltweit geht.
Essay auf bpb.de: Wohlstand ohne Wachstum?





Kommentare

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Was bisher geschah...

Interessante Ansicht...

...und im Ansatz (meiner Meinung nach) auch völlig richtig, allerdings wirkt das ganze Interview auf mich sehr oberflächlich und diese (doch ziemlich komplexe) Thematik wird auf ein paar schön klingende, aber zumindest mich nicht überzeugende Ideen reduziert. Größtes Beispiel ist sind da wohl die Sinnthematik, die Reduktion von Sinn auf Engagement für andere und "Sinn empfinden" und die Behauptung, dass dies durch Liebe im entferntesten Sinne am stärksten möglich sei (was ich so direkt nicht unbedingt nachvollziehen kann, insbesondere vor dem Hintergrund einer abstrakten Sinnfrage, die sich nicht einmal zwangsläufig auf Wahrnehmung beschränkt). Auch die Umweltthematik würde ich nicht direkt auf eine "wachsende" Beziehung zur Natur zurückführen. Vielmehr spiegelt diese Debatte die Manipulierbarkeit (nicht wertend zu verstehen) der Menschen, insbesondere durch Ethik, wider, die insbesondere auch durch Argumente wie Verantwortung für kommende Generationen (Stichwort Nachhaltigkeit) angesprochen wird. Mit herzlichstem Gruß von einem aus der "Glücksgeneration" SW

Sebastian W. | 5. November 2012   23:28

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