PeterLicht: Das absolute Glück

Klare, stille Schönheit

16.11.2012 | Michael Saager | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Das stille Glück, am Ufer eines mit Seerosen bewachsenen Sees in einem Ruderboot zu liegen; das seltene Glück, allein auf der Tribüne eines leeren Fußballstadions zu sitzen; das surreal erscheinende Glück, durch die leeren Straßen einer ausgestorbenen Großstadt zu laufen; und schließlich das zweifelhafte Glück, Federball ohne Federballpartner zu spielen.

Alles, was die Protagonisten im Video zu PeterLichts Song "Das absolute Glück" tun, geschieht in Abwesenheit anderer Menschen. Hauptsache, allein sein. Ruhe. Stille. Das Sirren und Brummen, das geschäftige Wimmeln und Wuseln der Metropole hat Sendepause. So könnte es aussehen, das absolute Glück. Zumindest für eine kleine Weile. PeterLicht singt: "Das absolute Glück, als der allerletzte Mensch, an der Rampe zu stehen / Das absolute Glück, als der allerletzte Mensch, die Schritte zu setzen, durch Flure und Zimmer."

Widersprüchliches Werk

Der Kölner Musiker und Buchautor PeterLicht gilt wahlweise als interessant um die Ecke denkender Pop-Romantiker, als letzter Totalverweigerer des Pop oder als Slogan-Maschine, die, laut einer Kritik in der taz, "Pop dümmer macht, als er sein müsste". Mag alles zutreffen, je nachdem, welchen Song seiner mittlerweile sechs EPs und LPs man sich gerade anhört.

PeterLichts Werk ist in sich widersprüchlich, gesellschaftskritisch, dadaistisch, auf niedliche Weise lustig. Und ab und an sogar von klarer, stiller Schönheit. So wie das Stück "Das absolute Glück", das 2006 auf seinem dritten Album "Lieder vom Ende des Kapitalismus" erschien. Ein sanfter Gitarrenpop-Gleiter, der The Smiths auf der Erinnerungsspur mit sich führt. Der klangvolle Sprechgesang erinnert ein wenig an Jochen Distelmeyer von Blumfeld.

Bilder erzählen Geschichten auf ihre Weise, Worte auf eine andere. Wäre dem nicht so, bräuchte man nur eins von beiden. Auf das "wie" kommt es freilich immer an: Die Zeilen des Liedes "Das absolute Glück" führen das glückselige Spiel mit der Suche nach der Einsamkeit, der süßen Verlorenheit geschickt über den eher konservativen Bildgehalt des Videos hinaus – hinein in die Sprachbildwelten reiner Fantasie. Der Erzähler imaginiert sich als "der allerletzte Mensch" an den Rand der Welt, einer Welt, die zur "Scheibe" geworden ist. Er lässt die Beine "in die Wärme des Weltalls" baumeln. Die Botschaft bleibt aber dieselbe wie im Video: Vollkommen allein sein macht vollkommen glücklich.

Im Alleinsein zu sich kommen

Natürlich weiß PeterLicht – das darf man ruhig unterstellen –, dass Alleinsein auf Dauer kaum funktioniert, weil der Mensch, der nun einmal ein soziales Wesen ist, dann depressiv wird oder sogar stirbt, wenn er ständig allein ist. Aber es ist ja auch nur ein Lied; Poesie eben. Trotzdem kann man dem Künstler dankbar sein, dass er diese Art von Wohlfühlglück, anders als im Pop allgemein üblich, nicht laut und schrill herbeifleht, dass er es gerade nicht an Besitztümer wie an ein teures Auto koppelt und dass er uns liebenswürdigerweise mit vergangenheitsfixierten Allgemeinplätzen verschont.

Nein: PeterLicht singt nicht von einem komplexen, auf antike Philosophen zurückgehenden "Glück der Fülle", das negative Erfahrungen, sogar mittelschweres Unglück, miteinschließt. Auch zieht er die grassierende Glückshysterie und die eng mit ihr verschlungene Glücksindustrie in seinem Song nicht in Zweifel.

Es ist aber ein bisschen schade, dass er sich ein Hintertürchen ausgerechnet fürs tausendfach besungene Glück der Zweisamkeit offen hält. Wenn es bis dahin im Refrain heißt "Und würd' ich wissen, wo kein anderer ist, dann würd' ich wissen, wo das ist", heißt es schließlich "Und würd' ich wissen, wo kein anderer ist, dann würd' ich wissen, wo du bist". Da ist er wieder, der Andere, das Gegenüber, der Partner. Schön ist sie, die Einsamkeit, noch schöner aber ist die Zweisamkeit. Zum absoluten Glück gehört bei PeterLicht also letztlich doch die Zweisamkeit.

Michael Saager schreibt für verschiedene Magazine und Zeitungen und ist leitender Redakteur des Magazins pony. Er lebt in Berlin.

Fotos: Screenshots aus dem Video zu "Das absolute Glück" / © Motor Music







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