Viele offene Fragen

Neuveröffentlichungen zum Thema Internet

21.11.2012 | Krystian Woznicki | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Man könnte meinen, dass die große Revolution des Internets vorbei ist; dass nach den Umbrüchen in Wirtschaft, Politik und Kultur, die durch das World Wide Web ausgelöst wurden, jetzt eine Zeit der Konsolidierung, der Verfestigung kommt. Das Internet, das erste Massenmedium, das der Masse eine Stimme gibt, ist Mainstream geworden. Für die Mehrheit der Bevölkerung gehört es ganz selbstverständlich zu ihrem Leben. Doch die vielen Neuerscheinungen zu diesem Thema zeigen: So selbstverständlich ist das alles nicht. Es gibt enormen Gesprächsbedarf.

Konflikt-Zeitalter

Die vielen klugen Wortmeldungen, etwa die Veröffentlichung "Das halbwegs Soziale" des Medientheoretikers Geert Lovink, geben deutlich zu verstehen: Der grobe Konsens über das Internet ist verschwunden. Man müsse sich, meint Lovink, bereit machen für das "Konflikt-Zeitalter". Für den Netzpionier aus Holland geht es in diesem Konflikt nicht zuletzt darum, das Internet vor dem kolonisierenden Zugriff der Konzerne und Staaten zu retten. Lovink ruft dazu auf, das Internet als "öffentliches Gemeingut" wiederzuerobern.

Sein Buch ist eine Sammlung von Feldstudien zu Facebook, YouTube und Google; Texte, die die Macht der IT-Giganten kritisieren. Dabei liegt Lovinks Fokus auf kulturellen Fragen. Wie bringen kostenlose Webdienste, die das Internet heute so maßgeblich dominieren, unsere Welt in Ordnung? Wie denken wir? Wie erinnern wir? Wie knüpfen wir Beziehungen? Wie gestalten wir Freundschaften? Wie sortieren wir Relevanz? Was passiert dabei mit unserer Individualität?

Die Stärke des Buchs besteht vor allem darin, gute Fragen zu stellen und dabei nicht dem Irrglauben aufzusitzen, dass es für alles finale Antworten gibt. Lovink behauptet nicht, dass die rasant aufbrechenden Konflikte, die durch die Möglichkeiten des Internets und die Geschwindigkeit der technischen Entwicklung entstehen, leicht zu lösen sind. Eine seiner Hauptforderungen lautet: Wir müssen "Nein" sagen zum Realtime Web, weil es uns die Möglichkeit nimmt, mündig zu handeln.

Urheberrechtsdebatten

Ähnlich gesellschaftskritische Positionen vertreten auch Markus Beckedahl und Falk Lüke. Ihr Schreiben geht, wie bei Lovink, auf Medien- oder Internetaktivismus, also konkrete politische Arbeit zurück. Doch im Vordergrund ihres Buches "Die Digitale Gesellschaft" steht nicht die kulturelle Dimension, sondern die Regulierung des Internets; Fragen der rechtlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ausgestaltung des Internets.

Allgemeinverständlich versuchen sie zu erklären, was die allgegenwärtige Urheberrechtsdebatte für die digitale Gesellschaft bedeutet. Beckedahl und Lüke nehmen sich die Zeit, die Erfolge der Anti-ACTA-Proteste zu bilanzieren – zu der Ablehnung des Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommens durch das Europäische Parlament im Juli 2012 trugen die internationalen, miteinander vernetzten Protestaktionen schließlich mit Sicherheit bei. Und fast beiläufig skizzieren sie ein Programm für eine Netzpolitik, die nicht von ahnungslosen Volksvertretern oder Wirtschaftslobbyisten gemacht wird, sondern von den Leuten, die schon seit Jahren im Netz aktiv sind.

Hier bezieht das Buch, als intellektuelle Intervention in laufende Diskussionen, seine Glaubwürdigkeit aus konkreter Praxis: Es ist ein Nebenprodukt der Nichtregierungsorganisation Digitale Gesellschaft, die Kampagnen für netzpolitische Themen macht. Und auch in diesem Buch werden viele Fragen gestellt: Wollen wir offene Daten? Was ist mit Privatsphäre? Wollen wir Transparenz? Wenn ja, zu welchen Bedingungen? Werden Bürgerrechte dabei berücksichtigt? Werden Bürger an den Entscheidungen beteiligt? Beckedahl und Lüke wählen hier einen ganz pragmatischen Ansatz: Sie rufen in ihrem Buch alle Bürger dazu auf, ihre Meinung zu sagen. Denn nur in der offenen Debatte kann man, finden sie, demokratische Lösungen für die digitale Gesellschaft der Zukunft finden.

Kluft zwischen den Internet-Nutzern

Phänomene wie WikiLeaks haben solche Fragestellungen nur stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Sie haben aber auch gezeigt, wie groß die Kluft ist zwischen den Usern, den vernetzten Menschen. Zwischen jenen, die auf einer Augenhöhe mit den Entwicklungen denken, jenen, die so tun, als wüssten sie Bescheid, jenen, die alles spannend, aber undurchsichtig finden, jenen, denen alles zu viel ist, und jenen, die all das im Endeffekt doch nicht verstehen.

Vermittler sind gefragt. Vor allem auch, weil sich die Debatten immer stärker polarisieren. An dieser Stelle setzt das neue Buch von Kathrin Passig und Sascha Lobo, Mitbetreiber und -gründer des Riesenmaschine-Blogs, an. "Internet. Segen oder Fluch" will breite Bevölkerungsschichten ansprechen, "Völkerverständigung" leisten. Es bietet, so propagieren es zumindest Passig und Lobo, "Kapitel für jedes Interesse und jeden Kenntnisstand": Facebook, Post-Privacy, Cloud-Computing – viele aktuelle Zeitgeist-Themen kommen darin vor.

Die Autoren schlagen sich auf keine Seite, sondern liefern Argumente dafür, warum sowohl Internet-Pessimisten als auch -Optimisten gute Gründe für ihre Haltung haben. Das ist hilfreich und zudem unterhaltsam. Das Buch zeichnet sich durch eine lockere Schreibe aus und ist, bei allem erzieherischen Ehrgeiz, voller witziger Einfälle – Passig und Lobo haben etwa einen Anhang mit "schlechten Argumenten" angefügt; gegen das Internet als vermeintliches Werkzeug des Teufels oder für das Internet als Allheilmittel. Auf diese Weise wollen sie die "defekte Debatte um das Internet" auf eine andere Stufe heben.

Ganz groß: Algorithmen

Auch die in London und Lüneburg lebende Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz will vermitteln. Auch sie legt Wert auf Allgemeinverständlichkeit und Zugänglichkeit, allerdings für ein sehr speziell klingendes Thema: Algorithmen; Computerprogramme und elektronische Schaltkreise, die Computer und andere Maschinen steuern. Doch genau das ist der Clou. Denn Bunz zeigt, dass Algorithmen schon lange nicht mehr nur für Nerds oder Akademiker interessant sind. Immerhin verändern die Computerprogramme Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik – indem sie mit Anwendungen traditionelle Routinen automatisieren, Arbeiter durch Roboter ersetzen und indem Cafés in informelle Büros verwandelt werden, wo Computerprogramme in Webservices wie Google potentiell jedermann zum Experten machen.

Das Buch öffnet uns dahingehend die Augen: Nicht der mediale Lärm um Algorithmen ist wichtig. Sondern die Stille, mit der diese Programme operieren und "die große Revolution" unserer Zeit vorantreiben – von der Bunz glaubt, sie sei mindestens so umfassend wie ihrerzeit die Industrielle Revolution. Damit wird auch für die Leser/innen klar, dass die Mainstreamphase des Internets keinesfalls eine ruhige Zeit nach den großen Umbrüchen der Digitalisierung ist. Sondern nur die Ruhe vor dem Sturm.

Krystian Woznicki ist Gründer der Berliner Gazette.

Die Bücher

Geert Lovink: Das halbwegs Soziale. Eine Kritik der vernetzten Kultur (transcript Verlag 2012, 232 S., 22.80 €)
Markus Beckedahl, Falk Lücke: Die Digitale Gesellschaft. Netzpolitik, Bürgerrechte und die Machtfrage (dtv 2012, 220 S., 14.90 €, auch als E-book)
Sascha Lobo, Kathrin Passig: Internet – Segen oder Fluch (Rowohlt 2012, 320 S., 19.99 €, inkl. E-book)
Mercedes Bunz: Die stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen (Suhrkamp 2012, 169 S., 14 €, auch als E-book)

Buchcoverabbildungen: © transcript Verlag; © dtv; © Rowohlt; © Suhrkamp Verlag

Foto: © Maria Vaorin | photocase.com







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