Wie hilft man einem Land in Afrika?

Mit der Welthungerhilfe nach Burundi

1.12.2012 | Rick Noack | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Oscar, ein junger Fotograf aus Berlin, und ich stehen an der Grenze. Hinter uns liegt Kigali, die wirtschaftlich aufstrebende Hauptstadt Ruandas. Vor uns Burundi, das Land, das den vorletzten Platz auf dem "Welthunger-Index" belegt. Der Unterschied zwischen beiden Ländern könnte kaum größer sein. Die nächsten vier Tage werden wir in Burundi verbringen – die Welthungerhilfe hat uns eingeladen, ihre Projekte in dem Land zu besuchen.

Die Welthungerhilfe feiert 2012 ihren 50. Geburtstag. Deshalb lud die Organisation rund 20 junge Menschen nach Berlin ein, um Ideen rund um Verantwortung, Aktivierung unserer Gesellschaft und Entwicklungszusammenarbeit zu diskutieren. Aber wenn man über etwas diskutieren möchte, sollte man sich damit auch auskennen, zumindest ein bisschen.

Ein Land in der Mitte Afrikas

Und deshalb stehen wir jetzt hier in Burundi. Oscar ist 19 Jahre alt und hat gerade sein Abitur in Berlin gemacht. Auch ich bin 19, arbeite seit einem Jahr als freier Journalist. Oscar war schon einmal in Marokko. Ich bin nie weiter in den Süden gekommen als bis nach Italien. Und nun sind wir in Burundi, einem Land, mit dem zumindest ich bis vor kurzem nicht allzu viel verbinden konnte. Ich wusste nur, dass es in der Mitte Afrikas liegt. Letztes Jahr hatte ich in den Nachrichten gehört, dass 30 Menschen bei einem Anschlag in der Hauptstadt Bujumbura ums Leben gekommen seien. Das war alles.

Annette Oelßner soll das ändern. Seit elf Jahren arbeitet sie für die Welthungerhilfe in Burundi. Es gibt in diesem Land kaum einen Ausländer, der sich so gut wie sie auskennt. "Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass ich noch immer nicht alles über die Menschen hier weiß", sagt die Entwicklungshelferin. Annette setzt sich in ihren weißen Jeep, schließt die Tür, auf der "No Weapons, don't shoot!" steht, und tritt auf das Gaspedal.

Hinter der Fensterscheibe zieht ein Land im Schnelldurchlauf vorbei. Lehmhütten tauchen auf, halbnackte Kinder sitzen am Straßenrand, ihre einzige Kleidung: zerfetzte Tücher. Die Bananenpalmen sind staubbedeckt, es ist Trockenzeit. Die Sonne ist zu dieser Zeit im Jahr kaum zu sehen, aufgewirbelte Sandkörner und Dreck vernebeln die Sicht. Es riecht nach verbranntem Holz; ein beißender Geruch, der stärker wird, je näher wir unserem Ziel kommen: Kirundo. Eine kleine Stadt im Norden Burundis.

Erst nachdenken, dann handeln

Als wir aussteigen, stehen Kinder am Straßenrand. Kinder mit dicken Hungerbäuchen. Eine Frau hat in Burundi im Durchschnitt sechs Kinder. Tendenz steigend. Mit der Bevölkerung wächst auch der Hunger. Oscar und ich wissen nicht, was wir machen sollen. Wir wollen den Kindern Süßigkeiten geben. Wir haben Kekse im Rucksack. "Keine gute Idee", erklärt Annette Oelßner. Zehn Kekse unter hundert hungrigen Kindern zu verteilen führt zu Neid, Streit und Problemen. Wir würden mehr schaden, als dass wir helfen könnten.

Oscar und ich stehen vor einem ähnlichen Problem wie die Welthungerhilfe: Wie entscheidet man, wem man wie hilft? Das Geld einer Entwicklungsorganisation ist nicht unbegrenzt. Man kann nicht überall sein. Es dauert nur wenige Stunden, bis wir begreifen: Wer in Entwicklungsländern helfen möchte, muss abwägen. Wo kann ein Brunnen wie viel bewirken? Wo kann man die meisten Menschen retten?

Die meisten Menschen – aber eben nicht alle. Das macht es für Entwicklungshelfer so schwer, ihre Erfolge zu feiern.

Lagerhallen für Saatgut, der Schutz von Uferzonen, der Bau von modernen Brunnen – das sind Dinge, die wir von einer Organisation wie der Welthungerhilfe erwartet haben. Doch die Organisation züchtet in der Provinz Kirundo Pflanzen, die dem trockenen Klima widerstehen können. "Unser Maniok ist nahrhafter und besser, aber macht erst einen minimalen Anteil am Nahrungsmittel-Anbau in Burundi aus", erzählt uns ein lokaler Mitarbeiter der Organisation. "Im Anbau dieser neuen Gemüsesorten liegt vielleicht eine der größten Chancen für Burundi."

Die neu gezüchteten Gemüsesorten werden deshalb unter anderem an Schulen verteilt. Dazu erklären die Helfer den Schülern, welche Bedeutung eine ausgewogene Ernährung für sie hat. Wenn die Schüler selbst später Eltern sind, können sie ihr Wissen über eine bessere Ernährung für ihre Familie umsetzen – so hoffen die Entwicklungsarbeiter.

Auch wichtig: Streitschlichter

"Aber genauso wichtig wie der Magen ist der Kopf", sagt Annette Oelßner. Zum Beispiel helfe es nicht, Brunnen zu bauen, wenn das Wasser verschwendet oder geklaut werde. Deshalb setzt die Welthungerhilfe in Burundi auf ein umfangreicheres Konzept, das auch soziale Bildung beinhaltet. In der Ortschaft Busoni hat sie beim Aufbau eines Versöhnungszentrums geholfen, das Platz für Jugend- und Frauengruppen bietet. Ein Versöhnungskomitee versucht Streits zu schlichten, beispielsweise Konflikte um Grundstücke. Burundi ist nur ein Beispiel dafür, dass Entwicklungshilfe deutlich mehr bewirken kann und bewirken muss, als in der Not mit Nahrung zu helfen.

Nach vier Tagen ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Es ist ein warmer Juliabend. Zusammen mit der Entwicklungsarbeiterin Annette Oelßner besuchen wir eine der wenigen Gaststätten in Kirundo. Morgen werden wir wieder nach Deutschland aufbrechen, Annette Oelßner wird bleiben.

"Werbeplakate und Fotos allein können das Leid in einem Land wie Burundi kaum transportieren. Man muss es selbst gesehen haben, um zu verstehen, was es bedeutet, hier zu leben", sagt Oscar. Dann kommt das Essen: Hühnchen, Reis, verschiedene Suppen. Es ist der Vorgeschmack auf Deutschland.

Rick Noack, 19, arbeitet als freier Journalist für verschiedene Zeitungen, Online-Magazine und Fernsehsender. Momentan studiert er "Internationale Beziehungen" an der Sciences Po in Paris.

Fotos: © Oscar Lebeck



Links

Die Seite der Welthungerhilfe
Infos zu Burundi vom Auswärtigen Amt





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