Surreales.

flo-in-die-welt | 06.11.12 17:29 | 0 Kommentar(e) | » zum Blog: Wechselwelt: Namibia

Vor sieben Wochen und sieben Tagen. Bin ich angekommen? Mit Alltag, Uni, Gesprächen, Bergwanderungen, Strandspaziergängen, Studentenparties, einer Autobombe. Und vielem mehr.

Es wirkt surreal. Beirut, eine Stadt der Kontraste: Dort der Spinneys-Supermarkt, nicht weit davon Gemmayze, nicht weit davon der Place Sassine, wo vor zwei Wochen eine Bombe hochging, nicht weit davon eine Kirche, nicht weit davon eine Moschee, auch eine Synagoge. Im Westen das Mittelmeer, dahinter die Berge.

Der "Beirut-Traum": In einer Zeitschrift entdecke ich "Die zehn Dinge, die man im Libanon unbedingt gemacht haben muss". Nummer eins: Ski fahren in den Bergen und Schwimmen im Mittelmeer am selben Tag. Es wirkt klischeehaft, und doch sagt er einiges aus, dieser Artikel: "Bringt uns die Touristen zurück. Es lohnt sich." Es lohnt sich tatsächlich. Libanon, ein Land, das eine bewegte Geschichte hat. Vielleicht mehr als eine. "Der Geschichtsunterricht hört mit dem Jahr 1943 auf", erklärt mir ein Freund. Mehr als eine Sprache auf jeden Fall: Sukran. Äh, thank you. Äh, Merci. Und dann wieder nach Deutschland telefonieren. Welcome to Lebanon.

So auch der Arabischkurs. Libanesisch, Hocharabisch, beides, mal gemixt, mal einzeln, mal gar nicht. Mal stottern, mal sich freuen, dass mir die die Worte eingefallen sind. Dann meine ich "Willkommen" und sage "Entschuldigung". Ahlan und Afwan. Und das ist noch ein Klacks. Da gibt's ganz andere Wortkombinationen. Neun Stunden pro Woche Arabisch, der Unterricht auf reinem Arabisch. Ich denke auf Deutsch, frage auf Französisch und bekomme von der Lehrerin eine grimmige Antwort - auf Arabisch: "Nahnu mntakalam al-3rabi." Wir sprechen Arabisch. S'il vous plait. Thank you.

Es ist normal, drei Sprachen zu können. Viele Libanesen können das. Französisch, Englisch, Arabisch. Über 200 Prozent der Libanesen leben im Ausland, eine der größten Diasporas der Welt. Warum? Sprachbegabung. Aber nicht nur. Unsicherheit? Vielleicht. "It's never stable in Lebanese politics", höre ich mehrfach. Viele haben Verwandte im Ausland. Brasilien, Côte d'Ivoire, Deutschland, USA, Kanada. Und viel mehr.

Meer. Es gibt mehrere öffentliche Strände, viele private, manche wilde. Die wilden sind toll. Schwimmen, Wasser, UNIFIL (United Nations Interim Force in Lebanon). Ein Schiff der UN ankert des Öfteren im Beiruter Hafen. Familien flanieren an der Corniche, dazwischen Autos mit lauter Musik, das blühende Leben. Nur ein Schild passt nicht ins Bild. "Welcome to the St. Georges Bay". 2005 explodierte dort in der Nähe ein Sprengsatz und tötete den ehemaligen Premierminister Rafik al-Hariri. TNT, eine Kolonne. Kontraste. Surreal.

Kontraste. Ich sitze in der Bibliothek und bekomme eine SMS: "Es gab ein Attentat. Ruf mich an." Die Sonne scheint, die Klimaanlage summt leise, Handys klingeln. In der Zeitung: "TNT, eine Kolonne". Wissam al-Hassan. Ein Attentat. Ich verstehe nicht, Menschen weinen. In der Nacht Maschinengewehrgeräusche, Samstag Straßen leer, Sonntag Straßenblockade, Montag Uni, Dienstag Autos mit lauter Musik. Das blühende Leben. Oder doch nicht? Surreal. 

Florian (22) studiert im fünften Fachsemester Internationale Beziehungen und absolviert zur Zeit sein Auslandssemester an der französischsprachigen Universität St. Joseph in Beirut.



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