Griechischer Krisenalltag

“Ich habe nichts“

25.11.2012 | Mareike Lambertz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Seit spätestens 2010 ist die Krise in der breiten Öffentlichkeit Griechenlands angekommen. In Berlin und Brüssel geht es seither auf unzähligen Gipfeln und Sitzungen um Finanzhilfen, Troika-Berichte und Reformpakete. Doch wie erleben die Griechen selber die Krise? Was sind ihre Ängste und Sorgen? Die Journalistin Mareike Lambertz war vor kurzem dort – sie hat Griechen gefragt, wie sehr sie die Krise trifft und inwiefern diese ihr Land und die Gesellschaft verändert.

Jannis, 53, Werftmitarbeiter auf der Insel Syros

Wir Griechen sind Krisenzeiten gewohnt. Aber jetzt hat es uns doch sehr hart getroffen. Ich bin seit einigen Monaten nicht bezahlt worden, und so langsam sind alle Ersparnisse aufgebraucht. Es scheint wirklich eng zu werden. Trotzdem bin ich eigentlich noch nicht ernsthaft beunruhigt. Denn weiter geht es doch immer irgendwie. Meine größte Sorge liegt eher in der Entwicklung der Gesellschaft. Rechtsextremismus ist in der Krise salonfähig geworden – viele finden, dass die Einwanderer an allem schuld sind. Die rechten Parteien bekommen immer größeren Zulauf. Doch ich habe nicht den Eindruck, dass man dagegen etwas tun kann. Da müssen wir wohl jetzt einfach durch, denn wir haben diese Leute damals doch auch gewählt, die uns das eingebrockt haben. Schuld haben vor allem wir selbst!

Eliza, Ende 20, lebt als Mutter von Zwillingen in Athen

Ich mache mir große Sorgen. Wie sollen meine Kinder hier groß werden? Ich bin Psychologin und musste meinen Job aufgeben, weil die Nanny für zwei kleine Kinder mehr kosten würde, als ich selber verdiene. Mein Mann hat zwei Vollzeitjobs, mit denen wir so grade über die Runden kommen. Dass ich Zwillinge bekam, war für mich erst einmal ein Schock, wie sollten wir das schaffen?

Ich sehe die Zukunft, auch wegen der steigenden Aggression in der Gesellschaft, ziemlich schwarz. Sobald sich die Möglichkeit bietet, werden wir Griechenland verlassen. Wir suchen schon in der Nähe von Genf nach Jobs. Ich weiß, es ist falsch, dass die jungen und gut ausgebildeten Menschen Griechenland verlassen. Aber meine Priorität ist meine Familie. Ich selbst komme aus einer Diplomatenfamilie, mir ging es immer gut. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich für meine eigenen Kinder mal jeden Cent umdrehen muss.

Anna, 60, Rentnerin aus Kalamata

Meine Rente wurde halbiert. Wie ich jetzt davon leben soll, dass weiß ich nicht. Denn es ist ja so: Nicht der Staat schenkt mir meine Rente, sondern es ist das Geld, dass ich jahrzehntelang gespart und in die Rentenkasse eingezahlt habe. Welches Recht nehmen sich diese "Politiker" eigentlich? Die helfen uns sowieso nicht. Die sehen nur ihren eigenen Vorteil.

Dass die rechtsradikale Partei Chrysi Avgi so erfolgreich ist, seit die Krise ausgebrochen ist, kann ich gut nachvollziehen. Ich weiß, diese Leute sind Rassisten. Dennoch sind sie die Einzigen, die uns helfen. Sie unterstützen Rentner beim Einkauf oder beim Arztbesuch. Und alles, was sie wollen, ist, dass die Einwanderer uns die wenigen Jobs, die wir noch haben, nicht wegnehmen. Das kann man doch in diesen Zeiten nur begrüßen. Europa lässt uns mit der Flut von Immigranten im Stich, also müssen wir das selbst regeln. Wir haben nichts gegen diese Menschen – wir haben nur gerade nichts, das wir teilen können.

Katja, 22, Studentin aus Thessaloniki

Meine Familie trifft die Krise hart. Meine Eltern haben ein Bekleidungsgeschäft in Thessaloniki. Doch weil in den letzten Jahren immer mehr große Ketten mit ihren Läden in unsere Straße kamen, haben wir die Damenmode eingestellt. Da kann man ja preislich einfach nicht mithalten. Wir verkaufen jetzt nur noch Männerklamotten. Vor allem mein Vater hat immer viel Wert darauf gelegt, dass die Sachen auch in Griechenland hergestellt wurden. Doch mit all den neuen Steuern und Abgaben ist das unbezahlbar geworden. Wir kaufen nun also auch unser Material in der Türkei und lassen dort produzieren. Die Läden, die noch nicht geschlossen haben, unterstützen also die griechische Wirtschaft nicht mehr – es kostet einfach zu viel.

Ich selbst studiere Marketing. Aber ich habe wenig Hoffnung, hier einen Job zu finden. Wie lange meine Eltern mir das Studium noch finanzieren können, weiß ich auch nicht. Uns Jugendlichen wird von den Älteren eigentlich nur geraten, das Land zu verlassen. Vielleicht mache ich das auch. Aber dann bleibe ich sicherlich nicht in Europa!

Adriano, 27, Taxifahrer, aus Thessaloniki

Ehrlich gesagt: Ich kann es nicht mehr hören! Die Krise ist überall. In unseren Familien, in unseren Freundeskreisen, in unseren Beziehungen, überall in den Medien. Und in der Post. Vor einigen Tagen bekam ich eine weitere Aufforderung zur Zahlung einer "außergewöhnlichen und einmaligen" Steuer. Das ist schon die dritte. Über 1500 Euro soll ich zahlen, einfach so! Dabei läuft das Geschäft sehr schlecht, seit die Touristen wegbleiben. Ich zahle Miete für mein Taxi, der Sprit wird immer teurer. Am Ende des Monats bin ich froh, wenn ich keinen Verlust gemacht habe. Ich will diese Steuer ja gerne zahlen, denn ich weiß, dass wir die Krise nur lösen können, wenn jeder seinen Teil dazu beträgt. Aber ich habe nichts. Die Herren vom Steueramt müssen sich eben gedulden.

Mareike Lambertz, gebürtige Belgierin, lebt in Brüssel und arbeitet nebenberuflich als freie Journalistin.

alle Fotos: © Mareike Lambertz







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